Champions-League-Sieg
Sarholz hievt Turbine Potsdam auf den Thron
Es schien schon alles verloren für Turbine Potsdam im Frauen-Finale der Königsklasse. Aber dann schlug die große Stunde von Anna Felicitas Sarholz. Die Torfrau parierte zwei Elfmeter und sorgte so dafür, dass die Brandenburgerinnen zum ersten Champions-League-Sieger der Geschichte wurden.
Von Marcel Stein
Der Fotograf Horst Hamann hat deutsche Fußball-Nationalspielerinnern abgelichtet. Ein ästhetischer Genuss, der Vorfreude auf die EM im August und September in Finnland machen soll. Mit dabei: Birgit Prinz, leicht verspielt.
Wie ein trotziger kleiner Junge stand sie auf der Torlinie des Stadions im Madrider Vorort Getafe. Die Arme verschränkt, der Blick bitterböse, geradezu furchterregend, die Lippen fest zusammengepresst. Eindeutiger konnte Körpersprache nicht sein. Die von Anna Felicitas Sarholz sagte international verständlich: In mein Tor fliegt kein Ball. Einschüchternd wirkte die freche Mimik auf die Spielerinnen von Olympique Lyon, bei dreien davon so sehr, dass sie versagten im Elfmeterschießen und Sarholz zur Heldin wurde an einem Abend, an dem Turbine Potsdam Geschichte schrieb mit dem 7:6-Triumph bei der Premiere der Champions League im Frauenfußball.
Fast scheint es, als bastele die Torhüterin aus Potsdam beizeiten an der eigenen Legende. Gerade 17 Jahre alt ist sie, frei von Selbstzweifeln, wenn sie zwischen den Pfosten steht. Das untermauerte sie schon im Halbfinal-Rückspiel gegen den nationalen Rivalen Duisburg, wo sie drei Elfmeter parierte. Diesmal rettete Sarholz Turbine im letzten Moment; nachdem zwei Potsdamerinnen verschossen hatten, stand Lyon unmittelbar vor dem Sieg. Doch Sarholz hielt zweimal. "Ich bin eben eine coole Sau", sagte sie. Einen Elfmeter hatte Sarholz sogar selbst verwandelt.
Erst einmal brauche sie ein bisschen Zeit, um das alles zu verarbeiten, sagte Sarholz nach ihrem Husarenstück, das Turbine 300.000 Euro Siegprämie einbrachte. Unterstützung der besonderen Art ließ ihr sogleich Trainer Bernd Schröder zukommen. "Sie wollte ein Foto von uns beiden und dem Pokal", erzählt Schröder, "aber ich habe ihr gleich gesagt, dass es keine Sonderstellung gibt. Ich bin ein Teamplayer." Und das Team fängt für Schröder beim Busfahrer an.
Ihr Foto hat die junge Torhüterin trotzdem bekommen. Aber die Ansage war unmissverständlich. "Ich will nicht, dass jetzt jemand abhebt", sagt Schröder. Bodenständigkeit, Bescheidenheit, das sind die Eigenschaften, die der Trainer, der seit 40 Jahren in Potsdam beschäftigt ist, vermittelt. Sie gehören zur Philosophie bei Turbine.
In dem Triumph von Madrid sieht Schröder "die Bestätigung unseres Systems". Es ist eines, das diesen Klub abhebt von all den anderen. Was hinter dem Potsdamer System steckt, verrät schon der Blick auf die Geburtsdaten der Spielerinnen. Im Durchschnitt ist die Mannschaft gerade 21 Jahre alt.
Nirgends wird Jugendarbeit so konsequent betrieben wie bei Turbine. Über 70 Mädchen besuchen die Sportschule. Eine davon ist Sarholz. Mit 13 Jahren kam sie nach Potsdam. Seitdem lebt sie im Sportinternat, genießt eine Rundumbetreuung. Die Professionalität der Ausbildung wird höchsten Standards gerecht, Turbine arbeitet mit zwei Universitäten zusammen.
Schröder kann in Potsdam Mannschaften nach seinem Bild formen: jung, gierig nach Erfolg und arbeitsam. Er lehrt, dass Erfolg nur das Endprodukt eines gemeinsamen Strebens ist. Allüren lässt der Trainer nicht zu. "Wenn ich etwas hasse, dann sind es Pseudostars", sagt er. Seinen Kollektivgedanken bringt er den Spielerinnen mit einer manchmal sehr schroffen Art näher.
Nach den Erfolgsjahren zwischen 2004 und 2006, als zwei Meistertitel, drei Pokalsiege und ein Uefa-Cup-Erfolg (2005) gelangen, verließen deshalb zehn Nationalspielerinnen im reiferen Alter den Verein. Schröder blieb bei seinem Stil. Der Erfolg spricht für ihn. Neben dem Triumph in der Champions League verteidigte Turbine in dieser Saison den Meistertitel.
Auch daran war Anna Felicitas Sarholz maßgeblich beteiligt. Dabei feierte sie erst im September 2009 ihr Bundesligadebüt. Das war vor zwei Jahren kaum zu erwarten, Sarholz hatte eine vierfache Herzmuskelentzündung. "Ich bin knapp am Tor vorbeigeschrammt", sagt die Torhüterin, die den Sieg in Madrid nur mit halber Kraft feiern konnte. Während die anderen am nächsten Morgen gegen sieben Uhr ins Bett fielen, fuhr sie mit zwei Kolleginnen zum Flughafen und machte sich auf den Weg nach Mazedonien. Dort steht sie ab Montag bei der U-19-EM im Tor und wird den Kontrahenten trotzig entgegentreten.
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