Exklusiv-Interview
Pechstein bestimmt selbst, wann Schluss ist
Renommierte Mediziner haben der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein bescheinigt, an einer seltenen Anomalie des Blutes zu leiden. Im Interview mit Morgenpost Online spricht die gesperrte 38-Jährige über die neuen Erkenntnisse, Rivalin Anni Friesinger-Postma und ihre Comebackziele.
Von Marcel Stein
Morgenpost Online: Seit Montag weiß man, dass Sie eine Kugelzell-Anomalie haben und die für ihre ungewöhnlichen Blutwerte verantwortlich ist. Wie werten Sie diesen Tag im langen Kampf gegen ihre Sperre, Frau Pechstein?
Claudia Pechstein: Ich bin erst mal froh, dass die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie diesen Weg gewählt und von sich aus die Pressekonferenz veranstaltet hat, um den Beweis der Blutmacke, so nenne ich es, in die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist etwas anderes, als wenn ich etwas dazu gesagt hätte. Es war auf jeden Fall einer der positiveren Tage seit dem Bekanntwerden meiner Sperre.
Morgenpost Online: Obwohl nur wenig später die ersten Kritiker jegliche Entlastung durch die neuen Fakten verneinten?
Pechstein: Man muss differenzieren, wer da etwas sagt. Es gibt Leute, die meinen alles besser zu wissen. Einer davon ist Pharmakologe. Und als solcher sollte er nicht versuchen, den Hämatologen auf ihrem Spezialgebiet, dem Blut, die Kompetenz abzusprechen. Ich denke, er sollte sich lieber auf seinem Gebiet Gedanken machen. Aber an sogenannte Experten, die sich mit Hilfe meines Namens profilieren, habe ich mich mittlerweile gewöhnt.
Morgenpost Online: Die jeden neuen Vorstoß Ihrerseits als weitere Ablenkung betrachten.
Pechstein: Wer so etwas sagt, muss sich mal in meine Lage versetzen. Jeder, der unschuldig verurteilt wird, versucht alle Möglichkeiten die er hat, und das sind nicht viele, zu nutzen. Ich will meine Reputation, den guten Namen, den ich einmal hatte, wiederherstellen.
Morgenpost Online: Aber so wie vorher, wird es nie wieder. Selbst mit einem Freispruch nicht.
Pechstein: Das ist klar, die Sperre hat alles verändert. Mein ganzes Leben, das meiner Familie und auch das meines Managers.
Morgenpost Online: Warum haben Sie anfangs soviel Zeit und Mühe darauf verwendet, Verfahrensfehler nachzuweisen anstatt auf eine Erbkrankheit zu verweisen?
Pechstein: Sie haben gut reden. Ich glaube, es gibt nicht viele Menschen, die im letzten Jahr so häufig beim Arzt waren und so häufig Blut gelassen haben wie ich. Die Anomalie ist erst im Dezember 2009 dank neuester Messmethodiken zu 100 Prozent bestätigt. Nach Bekanntwerden der Sperre war es mein gutes Recht auf Verfahrensfehler der Internationale Eislauf Union (ISU) hinzuweisen. Keine versiegelten Proben, keine von der Weltantidopingagentur akkreditierten Laboratorien, keine Messprotokolle, dazu Barcodes, die nicht denen auf meinen Probenprotokollen entsprachen. Das sind ja keine Kavaliersdelikte. So kann und darf man ein Dopingverfahren nicht führen. Ich habe von meinen damaligen Vorwürfen gegen die ISU nichts zurückzunehmen. Ich bin sicher, dass die ISU den Anklagezeitraum von zunächst zehn Jahren auf 17 Monate verkürzen musste, weil sie meine Anschuldigungen nicht glaubhaft hätte entkräften können.
Morgenpost Online: War Ihnen Ihre Karriere wichtiger als Ihre Gesundheit?
Pechstein: Ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen. Ich habe bis zum Februar 2009 weder gewusst, was Retikulozyten sind, noch dass bei mir wiederholt erhöhte Werte gemessen wurden. Fragen Sie lieber Harm Kuipers, den Mediziner der ISU, ob ihm die Jagd nach vermeintlichen Dopingsündern wichtiger ist als die Gesundheit der Athleten? Er hat von meinen Werten bereits seit 2000 gewusst, ohne mich darauf hinzuweisen. So ein Verhalten ist eines Arztes unwürdig und unverantwortlich. Wenn er mir vor Jahren erzählt hätte, dass bei mir etwas nicht stimmt, hätte ich viel früher Untersuchungen in die Wege leiten können.
Morgenpost Online: Spüren Sie die Erkrankung?
Pechstein: Zum Glück nicht. Die Professoren haben mich gleich nach der Diagnose beruhigt und mir erklärt, dass ich lediglich eine milde Form der Sphärozytose habe. Diese sorgt zwar für erhöhte Retikulozyten, beeinträchtigt mich aber weder im Alltag noch auf dem Eis. Etwa 350.000 Deutsche weisen diese Form der Anomalie auf.
Morgenpost Online: Sie haben schon viel unternommen, um sich vom Dopingverdacht zu befreien. Dabei gab es viele Rückschläge. Ist Ihnen mal durch den Kopf gegangen, dass es nichts bringt, sich weiter mit der Sportgerichtsbarkeit anzulegen?
Pechstein: Sicher, man fühlt sich schon wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen. Selbst wenn jetzt alle Wissenschaftler dieser Welt bestätigen würden, dass meine Blutanomalie für die hohen Retiwerte verantwortlich sind, gäbe es beim Cas keine weitere Instanz, das Urteil zu kippen. Das kann doch nicht sein. Jeder, der als vermeintlicher Mörder im Knast sitzt, wird freigesprochen, wenn sich seine Verurteilung als Fehler erweist. Nur vor dem Cas gibt es keine zweite Chance. Das ist ein schlechter Witz und zeigt, dass die Sportgerichtsbarkeit reformiert werden muss.
Morgenpost Online: Und dennoch haben sie sich immer wieder mit ihr angelegt. Zu oft?
Pechstein: Eigentlich nicht, ich greife nach jedem Strohhalm. Da ist auch erst mal egal, ob das jetzt was bringt oder nicht. Bei manchen Anträgen, die wir gestellt haben, war mir schon klar, dass die Chancen eher gering sind. Aber ich habe mir geschworen, zu versuchen jede Chance zu nutzen. Ist sie auch noch so klein.
Morgenpost Online: Als Ihr Anwalt Dr. Krähe in Vancouver mit einem erneuten Antrag auf Starterlaubnis für Olympia aufwartete, ernteten Sie von Deutschlands Sportfunktionären nur noch Kopfschütteln. Haben Sie dafür Verständnis?
Pechstein: Mir ist es völlig egal, ob sich von mir jemand genervt fühlt. Mir ist so großes Unrecht geschehen, wie ich es nicht einmal meinem größten Feind wünschen würde. Alle, die sich das Maul zerreißen, sollten lieber darüber nachdenken, wie sie reagieren würden, wenn ihr ganzes Leben im Handstreich zerstört würde.
Morgenpost Online: Anni Friesinger hat während Olympia die Behandlung durch Ihren Arzt abgelehnt. War das unter der Gürtellinie?
Pechstein: Sie hat nicht meinen, sondern den Arzt des Verbandes abgelehnt. Übrigens als einziges Teammitglied. Das sagt doch alles.
Morgenpost Online: Würden Sie nicht auch am liebsten Anni Friesinger-Postma verklagen?
Pechstein: Warum? Mangelnde menschliche Größe kann man nicht vor Gericht einklagen. Sie hat sich in meinen Augen charakterlich selbst disqualifiziert.
Morgenpost Online: Fühlen Sie sich auch vom Deutschen Olympischen Sportbund im Stich gelassen?
Pechstein: Ich denke, dass es in jedem anderen Land undenkbar gewesen wäre, eine fünfmalige Olympiasiegerin, die sich einem unbewiesenen Dopingverdacht ausgesetzt sieht, so im Regen stehen zu lassen. Das hat tiefe Wunden hinterlassen.
Morgenpost Online: Halten Ihre Nerven das noch lange aus?
Pechstein: Ich bin nervlich sehr stark, aber habe natürlich auch Tage dabei, an denen es mir nicht so gut geht. Doch meine kämpferischen Anlagen sind recht gut ausgeprägt.
Morgenpost Online: Eine andere deutsche Eisschnellläuferin zog sich kürzlich völlig entnervt zurück, nachdem bei ihr ein erhöhter Retikulozytenwert bekannt geworden war. Zudem soll eine weitere Sportlerin erhöhte Werte haben. In beiden Fällen liegt aber offenbar kein Dopingverdacht vor. Interessant, oder?
Pechstein: Theoretisch hätte es auch die beiden treffen müssen. Aber vielleicht hat man sich auch, anders als bei mir, die anderen Blutparameter angesehen und festgestellt, dass es keine weiteren Hinweise auf Doping gibt. Dann wäre dort alles richtig gemacht worden.
Morgenpost Online: Aber warum die Fälle unterschiedlich behandelt werden, bleibt im Dunkeln. Was halten Sie davon?
Pechstein: Transparenz wäre da nicht schlecht. Aber niemand unternimmt etwas, die Nationale Antidopingagentur duckt sich einfach weg. Es kann doch nicht sein, dass die Nationale Antidopingagentur bei eigenen Fällen richtig agiert, aber die falsche indirekte Beweisführung der ISU gegen mich beklatscht. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Und das geht sicherlich nicht nur mir so.
Morgenpost Online: Wie sieht es aus, wenn Sie unter Leuten sind, wie reagiert man auf sie?
Pechstein: Gut, ich werde von wildfremden Leuten angesprochen, die sagen, es müsse doch mal langsam ein gutes Ende nehmen. Aber am meisten beeindrucken mich die unglaublich vielen Mutmacher-Mails auf meiner Webseite. Davon zehre ich, wenn ich mal nicht so gut drauf bin.
Morgenpost Online: Und wie ist es in der Eisschnelllaufszene? Hat Sie der Fall zu einem Außenseiter gemacht?
Pechstein: Nein, ich empfinde auf der persönlichen Ebene alles so wie früher auch. Die, die mich früher weggelassen haben, zeigen mir auch jetzt die kalte Schulter. Auf der anderen Seite komme ich immer noch mit denen klar, mit denen ich auch früher ein gutes Verhältnis hatte. Mit manchen sogar ein noch besseres. Martina Sablikova hat mir nach ihrem Olympiagold über 3000 m gemailt, dass sie diesen Sieg mir gewidmet hat. Das ging unter die Haut.
Morgenpost Online: Sie waren immer ein begehrter Mensch in der Öffentlichkeit, wurden zu allen möglichen Themen nach ihrer Meinung gefragt. Was hat sich in dieser Hinsicht verändert?
Pechstein: Es gibt schon noch genug öffentliche Dinge, bei denen ich gefragt bin. Erst diese Woche habe ich eine Anfrage für die Schirmherrschaft einer Kindervereinigung bekommen. Meine Glaubwürdigkeit hat weniger gelitten als viele glauben machen möchten.
Morgenpost Online: Warum?
Pechstein: Wahrscheinlich, weil ich mich kämpferisch zeige und immer wieder deutlich mache, dass ich nichts gemacht habe. Ich gehe keiner Konfrontation aus dem Weg, weil ich ein reines Gewissen habe. Viele Leute, glaube ich, sehen in diesem ganzen Verfahren riesengroße Fragezeichen und wollen wissen, was da schief gelaufen ist.
Morgenpost Online: Sie hoffen, das juristisch klären lassen zu können. Vor dem Schweizer Bundesgericht ist ein Revisionsantrag gestellt. Was passiert, wenn dem stattgegeben wird?
Pechstein: Das Urteil wird aufgehoben und der Fall zur Neuverhandlung an den Cas zurückverwiesen. Dann treffen wir uns dort allen noch einmal wieder. Nur, dass dann nach den neuen Richtlinien der Weltantidopingagentur verhandelt werden muss und ich nicht noch einmal verurteilt werden kann.
Morgenpost Online: Inwieweit wollen Sie, für den Fall, dass sie tatsächlich noch frei gesprochen werden, Schadenersatzforderungen vor Gericht geltend machen?
Pechstein: Darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn es soweit ist. Aber dass mir ein immenser Schaden entstanden ist, liegt auf der Hand.
Morgenpost Online: Wie hoch schätzen Sie Ihre durch die Affäre erlittenen finanziellen Verluste ein?
Pechstein: Ich habe ja schon alle meine Blutwerte offen gelegt, meinen Kontostand werde ich für mich behalten.
Morgenpost Online: Wie wollen Sie den immateriellen Schaden kompensieren?
Pechstein: Den schätze ich mittlerweile nicht mehr so groß ein. Schon vor den Olympischen Spielen waren laut Umfrage 70 Prozent der Deutschen der Meinung, ich wäre zu Unrecht von den Spielen ausgesperrt. Ich glaube, dass meine Glaubwürdigkeit durch die neuesten medizinischen Erkenntnisse nicht gerade gelitten hat. Zwar wird es immer einige geben, für die ich den Dopingstempel nicht mehr loswerde, aber das werden deutlich weniger sein, als ich es nach Bekanntwerden der unberechtigten Sperre gegen mich für möglich gehalten hätte.
Morgenpost Online: Spätestens im Februar 2011 werden Sie wieder laufen, dann endet die Sperre spätestens. Wie realistisch ist eine Rückkehr auf einem konkurrenzfähigen Niveau?
Pechstein: Ich bin schon immer ein Trainingsvieh gewesen, ich kann mich auch allein motivieren. Das ist zwar nicht leicht, aber ich habe versucht, meine Aggressivität, die ich gegen die ISU hege, im Training umzusetzen. Diese Aggressivität wird auch im nächsten Februar nicht weg sein. Deshalb denke ich, dass es realistisch ist, wieder um Medaillen mitkämpfen zu können. Sonst würde ich das nicht angehen. Auch Sotschi ist machbar.
Morgenpost Online: Wollen Sie wirklich bis Olympia 2014 weiterlaufen?
Pechstein: Ich weiß nicht, ob ich dazu Bock hätte, ich wäre ja dann auch schon 42. Ich will damit nur sagen, dass ich mir von niemandem vorschreiben lasse, wann Schluss ist.
Morgenpost Online: Wenn die Blutanomalie der Grund für ihre erhöhten Werte ist, dann werden diese sich nach dem Ablauf der Sperre nicht ändern. Aber erneut gesperrt würden sie dann nicht, weil neue Richtlinien gelten, nach denen sie ohnehin nie gesperrt worden wären. Klingt absurd, oder?
Pechstein: Das ist ja das krasse an der Sache. Spätestens an diesem Punkt, muss doch jedem klar werden, was hier abgelaufen ist. Es kann doch heute nicht richtig sein, was morgen nachweislich falsch ist. Ich werde weltweit die einzige bleiben, die aufgrund eines einzigen Parameters im Blut gesperrt worden ist. Ich schreibe gern Geschichte, aber nicht auf diese Art.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Eisschnelllauf: Pechstein feiert den größten Sieg ihres Lebens
- Eisschnelllauf: Claudia Pechstein ist zurück im Weltcup
- Eisschnelllauf: Pechsteins Rückkehr wird ein mediales Großereignis
- Eisschnelllauf: Pechstein soll nach Ablauf der Sperre arbeiten
- Keine Förderung mehr: Pechstein muss wieder zum Polizeidienst antreten
- Autobiografie: Claudia Pechsteins Rundumschlag in Buchform
-
18:51Pfingsttreffen: Sudetendeutsche wählen auffällig leise Töne
-
18:49Berliner Staatsoper: Intendant Flimm fühlt sich von Wowereit im Stich...
-
18:43"Vatileaks": Päpstlicher Kammerdiener hintergeht Benedikt XVI.
- 1. Live-Ticker Hertha BSC will über Einspruch beraten
- 2. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 3. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 4. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler
- 5. Rocker-Kriminalität Hells Angels betrieben eigenen Folterkeller














