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16.12.09

Leichtathletik

Harting kriecht anderen nicht in den Hintern

Diskuswurf-Weltmeister Robert Harting lässt sich nicht verbiegen und wehrt sich gegen die Athletenvereinbarung mit dem Verband. Im Interview mit Morgenpost Online spricht der 25-jährige Berliner über seine Pflichten als Bundeswehrsoldat, Lehren aus der Vergangenheit und seine neue Rolle.

© AP
Robert Harting

Robert Harting wurde im August 2009 bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Berliner Olympiastadion Weltmeister im Diskuswerfen. Nicht nur durch seine sportlichen Ausnahmeleistungen, auch wegen umstrittener Äußerungen kam der Sportsoldat, der gerade einen Bundeswehr-Lehrgang als Zweitbester mit der Note 1,4 abgeschlossen hat, immer wieder in die Schlagzeilen. Im Interview äußert sich der 25-Jährige, der für den Berliner Klub SC Charlottenburg startet, zu seinen Pflichten als Soldat, Lehren, die er aus der Vergangenheit gezogen hat, und zu seiner neuen Rolle als Student der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin.

Morgenpost Online: Herr Harting, Sie sind gerade bei einem mehrwöchigen Bundeswehr-Lehrgang in Hannover, Ihr Studium läuft weiter, und trainieren müssen Sie ja auch. Wie geht das zusammen?

Robert Harting: Es ist schon heftig. Sechs Uhr aufstehen, kurz vor Mitternacht ins Bett. Die Tage sind verdammt lang, aber mit Motivation und Selbstdisziplin geht das schon.

Morgenpost Online: Haben Sie bei der Bundeswehr Ärger bekommen nach den ganzen Turbulenzen vor und während der Weltmeisterschaften mit Rundumschlägen über Dopingopfer und Verbandsfunktionäre?

Harting: Ja, sicher. Ich habe als Soldat die Pflicht der Zurückhaltung – und die habe ich nicht erfüllt. Ich muss mich unterordnen, da gibt es kein Vertun.

Morgenpost Online: Wurden Sie bestraft?

Harting: Ich wäre zu einem Kommunikationsseminar verdonnert worden, da ich so etwas aber sowieso in meinem Studium machen muss, wurde es mir erlassen.

Morgenpost Online: Glück gehabt.

Harting: Ich glaube, das war so eine Art letzte Warnung. Wenn noch was passieren sollte, ziehen die das mit Sanktionen knallhart durch. Was auch ihr Recht ist.

Morgenpost Online: Wie schwer fällt es Ihnen, sich unterzuordnen?

Harting: Wenn ich was falsch gemacht habe, muss ich dazu stehen. Das ist bei meinem Arbeitgeber Bundeswehr nicht anders als außerhalb. Doch wenn es dazu kommt, dass ich etwas falsch gemacht habe, weil ich mich sonst hätte verbiegen müssen – dann stehe ich auch dazu. Dann muss ich die Konsequenzen in Kauf nehmen. Ich krieche anderen nicht in den Hintern. Als Konsequenz aus dem, was mit mir war, bietet die Bundeswehr jetzt übrigens für alle Sportsoldaten ein Medienseminar an.

Morgenpost Online: Dann war das alles ja doch für etwas gut.

Harting: So kann man’s auch sehen…

Morgenpost Online: Ist es je mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu einem Gespräch gekommen? Präsident Clemens Prokop hatte nach Ihrem WM-Sieg von "Klärungsbedarf" gesprochen.

Harting: Nein, da kam nichts. Es macht auch keinen Sinn, sich wegen der Vergangenheit an einen Tisch zu setzen. Für Kaffeekränzchen habe ich keine Zeit. Aber am Wochenende habe ich beim Verband sowieso einen Termin wegen der Athletenvereinbarung.

Morgenpost Online: Wieso?

Harting: Ich habe die Vereinbarung anwaltlich prüfen lassen und dem Verband mitgeteilt, dass ich sie so nicht unterschreiben werde. Da stören mich viele Sachen, es herrscht ein totales Ungleichgewicht. Als Athlet hat man fast nur Pflichten und so gut wie keine Rechte. Das kann’s nicht sein.


Morgenpost Online: Was haben Sie aus dem ganzen Theater um Ihre Äußerungen gelernt?

Harting: Das erste Wort ist vielleicht nicht immer das richtige, gerade wenn man in der Öffentlichkeit steht. Aber ein Diplomat wird aus mir mit Sicherheit dennoch nicht werden.

Morgenpost Online: Überfordert Sie eine solche Rolle?

Harting: Überhaupt nicht. Ich kann auch Diplomat sein – das macht bloß keinen Spaß, das ist doch langweilig.

Morgenpost Online: Verändern werden Sie sich also nicht.

Harting: Ich sage immer gern: "Ich werde auch morgen noch Klopapier kaufen." Was ich damit meine: Ich bin ich geblieben. Aber ich bin vorsichtiger geworden, gerade den Medien gegenüber. Ich gehe in dieser Hinsicht auf Abstand. Ganz ehrlich, ich bin da etwas nachtragend.

Morgenpost Online: Weil Sie in den Medien für Ihre Äußerungen gegen Dopingopfer viel Kritik bezogen haben?

Harting: Sicher hätte ich das anders formulieren müssen. So kam es raus, als wollte ich allen einen überbraten. Aber das ganze Ding war doch lanciert. Ich habe damals auf einen Satz reagiert, nach dem laut einer Agenturmeldung Gerd Jakobs von den Dopingopfern meinen Rausschmiss aus der Mannschaft gefordert hatte. Später stellte sich raus, dass der das nie gesagt hat.

Morgenpost Online: Ist das jetzt alles abgehakt?

Harting: Zumindest bis nächsten Sommer, dann werden die Dopingopfer bei den Europameisterschaften wieder ihre Plattform haben. Und sie werden wohl wieder mit Vorwürfen gegen meinen Trainer Werner Goldmann und mich kommen. Wenn nicht da, dann ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften, auf alle Fälle spätestens bei den Olympischen Spielen 2012.

Morgenpost Online: Das klingt stark nach Verfolgungstheorie.

Harting: Was heißt verfolgt. Wenn sie wieder auftauchen und gegen uns Stimmung machen sollten, dann sind sie keine Opfer mehr, dann sind sie selbst aktiv und in meinen Augen zu Tätern geworden.

Morgenpost Online: Anfang Oktober haben Sie als Student Neuland betreten. Wie groß war denn die Umstellung, wieder ein Lernender zu sein?

Harting: Das macht riesig Spaß, noch mehr, als ich es mir habe vorstellen können. Nur schade, dass ich jetzt einiges verpasse, weil ich Bundeswehr-Lehrgang habe. Da muss ich mir dann nachträglich ganz schön viel Stoff reinprügeln. Aber ich habe im Oktober zum Geburtstag von meiner Freundin einen richtig schönen Füller geschenkt gekommen, da steht drauf: Du schaffst das. Das motiviert mich immer wieder.

Morgenpost Online: Was fällt Ihnen an der Uni am schwersten?

Harting: Das Reden musst du erst wieder üben, die können an der Uni fast alle so gut reden. Und dann das erste Referat, davor hatte ich volle Panik. Das muss man sich mal vorstellen: Ich steh’ im Wurfring vor 50.000 Leuten und habe keine Probleme. Aber wenn ich vor einer Gruppe von 20 fachsimpeln soll, sieht das ganz anders aus. Bei der Bundeswehr musste ich jetzt aber auch so etwas machen. Langsam kriege ich Routine darin.

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