Dopingvorwürfe
Claudia Pechstein steht wieder vor Gericht
Mittwoch, 21. Oktober 2009 23:16 - Von Marcel SteinClaudia Pechstein wird am Donnerstag und Freitag alle verbleibenden Trümpfe ausspielen. Sechs Gutachten will sie vorlegen, die dem Internationalen Sportgerichtshof beweisen sollen, dass sie sich nicht mit unerlaubten Mitteln gedopt hat. Hat sie Erfolg, verlieren die Dopingjäger ein wichtiges Instrument.

Freitag in einer Woche beginnt die Saison bei den Eisschnellläufern mit den Deutschen Meisterschaften im Berliner Sportforum. Die Arena in Hohenschönhausen ist die Heimat von Claudia Pechstein, dort bereitet sich die 37-Jährige vor. Auch Mittwoch früh drehte sie ihre Runden. Eine Trainingspause passt jetzt eigentlich nicht ins Programm, Pechstein muss aber trotzdem zwei Tage aussetzen. Sie hat einen Termin vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas. Erst wenn dort ein Urteil fällt, steht fest, ob es für die Berlinerin überhaupt noch eine Saison geben wird.
Vor dem Cas in Lausanne/Schweiz soll geklärt werden, ob Pechstein, Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin, in den vergangenen Jahren zu unerlaubten Mitteln gegriffen hat. Vorgeworfen wird dies der fünffachen Olympiasiegerin vom Weltverband ISU. Der hat im Blutprofil von Pechstein erhöhte Retikulozytenwerte, Vorläufer der roten Blutkörperchen, festgestellt und dies als Indiz für Blutdoping gewertet. Daraufhin wurde die Berlinerin Anfang Juli für zwei Jahre gesperrt.
Eine positive Probe gab es nie bei Pechstein. Sie ist die erste Athletin, die aufgrund von Auffälligkeiten im Langzeitblutprofil gesperrt worden ist. Das ist seit Anfang des Jahres aufgrund des neuen Codes der Weltantidopingagentur (Wada) möglich. Darin steht: „Tatsachen im Zusammenhang mit Verstößen gegen Anti-Doping-Bestimmungen können durch jegliche verlässliche Mittel, einschließlich Geständnis, bewiesen werden.“
Im Fall Pechsteins stützt sich der Verband auf Indizien, die darauf schließen lassen, dass die Sportlerin manipuliert hat. Gewissheit darüber gibt es nicht. Deshalb werten Beobachter den Fall als wegweisend. IOC-Präsident Jacques Rogge spricht von einem „Lackmus-Test, ob das Langzeitprofil von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinde bestätigt wird“.
Nie gab es in der deutschen Sportgeschichte einen Athleten, der öffentlich so vehement gegen die Beschuldigungen vorgegangen ist. Anfangs stützte sich die Verteidigung vor allem auf formale Aspekte. Durchaus mit Erfolg: Ursprünglich ging es um den Zeitraum 2000 bis 2009, in dem die Berlinerin gedopt haben soll. Inzwischen musste die ISU den Zeitraum auf November 2007 bis März 2009 reduzieren. Offenbar waren die Resultate zuvor nicht haltbar. Was aufgrund der Schwere der Anschuldigungen Fragen aufwirft. Aber nur zwei der acht Gutachten, die Pechstein am Donnerstag und Freitag vorlegt, sind formaler Art. Sechs beschäftigen sich mit medizinischen Parametern. „Zwei von ihnen enthalten Befunde, die deutliche Hinweise auf eine natürliche Ursache der schwankenden Retikulozyten liefern“, sagt Pechstein-Anwalt Simon Bergmann. Erst in den vergangenen Tagen sind die letzten Testergebnisse beim Cas eingereicht worden.
Nach einem Bericht der Zeitung „Der Tagesspiegel“ soll Pechstein an einer Hämolyse leiden. Bei dieser Blutabnormalität handelt es sich um eine körpereigene Zerstörung der roten Blutkörperchen, die gleichzeitig die Produktion von Retikulozyten erhöht.
Folgen für den Anti-Dopingkampf
Zuerst hören sich die Cas-Richter Massimo Cocchia (Italien/Vorsitzender) sowie Stephan Netzle und Michele Bernasconi (beide Schweiz) die medizinischen Argumente an, danach die formalen. Dann fällen sie bis spätestens Mitte nächster Woche ein Urteil, das richtungweisenden Charakter hat. „Bestätigt das Gericht Pechsteins Sperre, werden viele Verbände mit einer langen Liste kommen“, sagt Gian Franco Kasper, Chef des Skiweltverbandes Fis. Viele Sportler sind bereits im Visier der Verbände, bislang traute sich aber außer der ISU niemand, auf der gegebenen Basis Sperren auszusprechen. Wird die Sperre gegen Pechstein aufgehoben, wäre dies ein schwerer Schlag für die Dopingjäger. Sie könnten ein wichtiges Instrument verlieren.
Sollte die Sperre bestätigt werden, würde Pechsteins Karriere mit dem größten anzunehmenden Unfall enden. Ihr Ruf wäre ruiniert, ihren Beamtenstatus bei der Bundespolizei würde sie wohl verlieren. Zwar könnte sie vor dem Schweizer Bundesgericht Berufung einlegen, die geplante Teilnahme an Olympia 2010 wäre aber auch nach einem Freispruch dort nicht mehr zu realisieren. Folgen die Richter ihren Argumenten, könnte Pechstein Schadenersatz vor der ISU verlangen. Gelitten hat sie in jedem Fall.






















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