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Arthur Abraham

Wer Angst hat, wird nie ein großer Boxer

Am Sonnabend boxt Weltmeister Arthur Abraham in der Berliner O2 World zum ersten Mal im Supermittelgewicht. Sei Gegner ist der Amerikaner Jermain Taylor. Auf Morgenpost Online erklärt er, wie Boxer mit Schmerzen umgehen und warum Angst der größte Widersacher eines Sportlers ist.

Arthur Abraham (29) boxt am Sonnabendabend in der Berliner O2 World zum ersten Mal im Supermittelgewicht. Das Duell des bislang in 30 Kämpfen unbesiegten Weltmeisters mit dem zwei Jahre älteren Amerikaner Jermain Taylor eröffnet das mit 50 Millionen Dollar dotierte Turnier „Super Six Classic“ mit sechs der weltbesten Profis im Limit bis 76,203 Kilogramm.

Morgenpost Online: Herr Abraham, der amerikanische Boxer Gerald McClellan sitzt seit 14 Jahren im Rollstuhl. Er ist erblindet, stumm und taub.

Arthur Abraham: Was wollen Sie damit sagen?

Arthur Abraham vor Siegessäule
Foto: Reto Klar
Arthur Abraham präsentiert sich unter strahlendem Himmel in Siegerpose an der Siegessäule
Online: McClellan war Weltmeister im Mittelgewicht, so wie Sie, und ging am 25. Februar 1995 in seinem ersten Supermittelgewichtskampf gegen den Engländer Nigel Benn so schwer k.o., dass er zeitlebens schwerstbehindert ist. Macht Ihnen das Angst?

Abraham: Nein. Warum?

Morgenpost Online: Ihre Gegner im Supermittelgewicht sind alle größer und etablierter, und sie schlagen härter.

Abraham: Deshalb habe ich doch keine Angst. Wer Angst hat, wird nie ein Großer. Wenn ich Angst hätte, dürfte ich nicht in den Ring gehen, dann darfst du nicht boxen.

Morgenpost Online: Ist Ihnen das Wort Angst fremd?

Abraham: Natürlich nicht. Nur dumme Menschen kennen das Wort nicht. Ich habe auch Angst, aber nur davor, zu verlieren. Wenn man verliert, ist doch darin alles Furchtbare enthalten. Das heißt, man musste viele harte Schläge einstecken, erlitt körperliche Schmerzen und wurde seelisch zerstört.

Morgenpost Online: Wann haben Sie zum bislang letzten Mal einen Kampf verloren?

Abraham: Vor sieben Jahren. Es war mein letzter Amateurkampf. Es war schrecklich, ich habe danach bitterlich geweint. Diese Niederlage brach mir fast das Herz. Ich möchte das nicht noch einmal erleben.

Morgenpost Online: Haben Sie Angst davor zu versagen, die eigenen Ansprüche nicht erfüllen zu können?

Abraham: Nein. Man kann verlieren, das aber darf nicht passieren. Ich bin kein Versager, auf mich kann man sich 100-prozentig verlassen. Das habe ich meinem Trainer schon oft bewiesen.

Morgenpost Online: Gibt es gegen Angst ein probates Mittel?

Abraham: Das Wichtigste ist ein Trainer, der dich mental gut einstellt. Dann bist du auch stark, dann hast du keine Selbstzweifel. Du kannst trainieren von morgens bis abends, wenn du aber psychisch nicht topfit bist, nutzt dir das ganze Training nichts.

Morgenpost Online: Es besteht aber die Gefahr, sich selbst zu überschätzen

Abraham: Dafür besitzt man doch seinen Kopf, auf den man sich verlassen muss. Ein Mensch muss seine Grenzen kennen.

Morgenpost Online: Kennen Sie Ihre?

Abraham: Ja.

Morgenpost Online: Wann würden Sie einen Boxkampf aufgeben?

Abraham: Wenn ich merke, dass ich nicht mehr kann.

Morgenpost Online: Und wann ist das?

Abraham: Die Frage ist zu gefährlich, ich möchte sie nicht beantworten.

Morgenpost Online: Der große Muhammad Ali hat über den Sieg über Joe Frazier im Oktober 1975 in Manila mal gesagt: „In der 14. Runde habe ich den Tod gesehen.“

Abraham: Er hat einfach zu viele brutale Schläge geschluckt. Das war doch der blanke Wahnsinn. Boxen ist nun mal eine gefährliche Sportart. Wer sie für sich wählt, muss auch durch alle Härten durch. Ansonsten soll er mit dem Boxen gar nicht erst anfangen. Wissen Sie, es sind auch schon viele beim Fußballspielen, Kegeln oder bei Autorennen gestorben. Ich habe erst unlängst eine interessante Statistik gelesen, die besagt, das Risiko einer lebensbedrohlichen Verletzung liegt bei 1,3 Fällen auf 100.000 Boxer und damit deutlich unter den Zahlen von Tiefseetauchen, wo es elf Fälle sind, Bergsteigen mit 51Fällen oder Pferderennen mit 128Fällen.

Morgenpost Online: Haben Sie schon mal bedacht, dass Sie einen Gegner totschlagen könnten?

Abraham: Sicher kann das passieren. Aber daran denke ich nicht.

Morgenpost Online: Trotzdem prügeln Sie solange auf Ihre Gegner ein, bis Sie regungslos am Boden liegen.

Abraham: Was heißt einprügeln? Ich mache meine Arbeit im Ring, so gut es geht. Dafür werde ich bezahlt. Danach umarme ich dann meinen Gegner. Das ist unser Job. Das Leben besteht nun mal aus Kampf. Wer sich dem Kampf nicht stellt, kann nie was gewinnen.

Morgenpost Online: Tut Ihnen Ihr Gegner nicht leid, wenn er am Boden liegt?

Abraham: Im Ring nicht, hinterher schon. Außer Miranda, gegen den ich vor drei Jahren in Wetzlar mit doppeltem Kieferbruch gewonnen habe und den ich im Rückkampf ausgeknockt habe. Der tut mir nicht leid.

Morgenpost Online: Die Schmerzen durch den Kieferbruch seien unbeschreiblich gewesen, sagten Sie. Wie konnten Sie diese ertragen?

Abraham: Ich redete mir unentwegt ein: „Arthur, du gibst nicht auf, entweder Leben oder Tod.“ Ich werde niemals in die Knie gehen. Das ist mein Motto. Entscheidend ist dabei der Kopf. Solange man mit Köpfchen boxt, kann nichts passieren. Man kann immer Schmerzen ertragen, das ist eine Sache der Einstellung.

Morgenpost Online: Kennen Sie Ihre Schmerzgrenze?

Abraham: Etwas Schlimmeres als einen Kieferbruch hatte ich noch nicht auszuhalten – Gott sei Dank auch. Ich weiß nicht, was ich noch alles aushalten kann. Eines aber kann ich versichern: Ich kann wirklich sehr, sehr viel vertragen und bin auch extrem leidensfähig.

Morgenpost Online: Woher rührt das?

Abraham: Ich will einfach nicht verlieren. Mein Trainer hat immer gesagt, nur wer sich in Stresssituationen durchbeißen kann, erntet auch Ruhm. Gerade dann, wenn es besonders weh tut, wenn die Schmerzen am allergrößten sind, zeigt sich, ob einer eine Pfeife oder aber ein Großer ist.

Morgenpost Online: Halten Sie sich für unbesiegbar?

Abraham: Kein Mensch kann immer nur gewinnen. Es gibt immer Situationen, in denen man nicht mehr kann. Aber diese Situationen musst du verhindern, du darfst sie nicht zulassen.

Morgenpost Online: Wer kann Sie besiegen?

Abraham: Derjenige muss nur etwas schlauer sein als ich, mehr nicht.

Morgenpost Online: Mit geballter Kraft und eisernem Willen ist nichts auszurichten?

Abraham: Nein, nur wenn jemand intelligenter ist.

Morgenpost Online: Sie wirken wie jemand, den nichts erschüttern kann.

Abraham: Ich bin nur im Ring so knallhart. Da bin ich brutal und werde zum Tier. Außerhalb des Sports bin ich ein 180 Grad anderer Mensch. Da bin ich sehr sanft, sehr lieb, ein richtig kuscheliger, handzahmer Typ.

Morgenpost Online: In Ihrer Seele leben demnach zwei Arthur Abrahams?

Abraham: 100-prozentig.

Morgenpost Online: Kommen Sie mit beiden gleichgut im Alltag klar?

Abraham: Na klar, ich liebe beide.

Morgenpost Online: Und welchen dieser beiden Arthurs mögen Sie mehr?

Abraham: Den sanften, den sensiblen. Dessen Leben ist schöner, entspannter. Der kann das Leben und den Tag viel besser genießen, obwohl er wiederum täglich viele Ängste durchlebt. Beim Autofahren, beim Fliegen oder, oder, oder.

Morgenpost Online: Freuen Sie sich schon darauf, nur noch das schöne Leben genießen zu können?

Abraham: Noch nicht. Noch brauche ich den brutalen Arthur. Ich brauche meinen Sport. Er ist für mich zur Droge geworden, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich brauche eine große Herausforderung. Selbst am Tag nach einem Boxkampf muss ich schon wieder laufen gehen. Wenn ich nichts getan habe, kann ich einfach nicht schlafen.



Erschienen am 14.10.2009

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