09.02.13

Derby

Warum das Duell zwischen Hertha und Union so brisant ist

Sportphilosoph Gunter Gebauer sagt, "das Derby ist ein Kampf der Kulturen". Denn das Spiel hat eine Bedeutung über den Sport hinaus.

Foto: picture alliance / dpa

Im September 2012 jubelte Herthaner Ronny nach seinem Treffer zum 1:2 gegen Union
Im September 2012 jubelte Herthaner Ronny nach seinem Treffer zum 1:2 gegen Union

Das Berliner Olympiastadion ist längst ausverkauft, Berlin fiebert dem vierten Fußball-Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union am Montag (20.15 Uhr, Sport1) entgegen.

Die Berliner Morgenpost sprach mit dem Soziologen und Sportphilosophen Gunter Gebauer (69) über die Bedeutung dieses Spiels über den Sport hinaus.

Berliner Morgenpost: Herr Professor, die wichtigste Frage vorweg: Hertha oder Union?

Gunter Gebauer (lacht): Ich habe eine große Sympathie für Union, muss ich sagen.

Wie kommt das?

Der Verein hat eine wunderbare Mischung aus Fußball, Fankultur und Zusammenhalt geschaffen. Es gibt einen schönen Film über Union "Und freitags in die Grüne Hölle", da sieht man, was das für eine herrlich aufmüpfige Truppe Ende der 1980er-Jahre war. Und auch heute, wie die Fans sich am Stadionbau beteiligt haben, das Weihnachtssingen. Das ist toll und hat mir sehr imponiert. Vielleicht bekomme ich noch eine Karte. Dann werde ich am Montag vielleicht im Stadion sein.

Aus philosophischer Sicht: Was ist das Besondere an Stadtduellen im Fußball?

Das hat immer etwas mit Antagonismus, Gegnerschaft in allen möglichen Bereichen zu tun. Zwei rivalisierende Mannschaften stehen sich gegenüber und mit ihnen oft ja auch zwei ganz unterschiedliche Kulturen, zwei verschiedene Welten mit ganz unterschiedlichen Werten, Eigenschaften, sozialer Zugehörigkeit und Geschichte. Wenn Sie zum Beispiel nach Glasgow gucken, wo das Derby eine Wichtigkeit bekommen hat, weil sich dabei ja nicht nur Arm gegen Reich sondern auch zwei verschiedene Religionsgruppen, Katholiken und Protestanten, gegenüberstehen, die gleichzeitig das Machtverhältnis der englischen politischen Dominanz und schottischen Unterlegenheit abbilden. Da hat das Derby fast schon die Form eines Kulturkampfes angenommen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch "Poetik des Fußballs" Parallelen zwischen Fußballfans und religiösen Gemeinschaften. Ist Fankultur eine Art Ersatzreligion?

Ersatzreligion würde ich nicht sagen. Fußball ist heute für viele Menschen eine Art Quasireligion geworden. Er tritt nicht an die Stelle des Christentums oder des Islams, sondern bildet seine eigene Religiosität aus. Es geht in der Religion und im Fußball immer um das Heilige. Die "Heiligen" der Fußballfans sind die verehrten, angebeteten Spieler. Wie in jeder Religion gibt es eine klare Trennung zwischen dem heiligen und dem profanen, weltlichen Bereich. Im Fußball klar zu erkennen: "heiliger Rasen" und Stehplatzränge; die Grenze zwischen beiden darf nicht überschritten werden. Die Fans bilden eine Art Gemeinde, die ihre "Heiligen" durch Gesange, Rituale der Verehrung und Unterstützung stärkt und in den Himmel hebt. Teile von ihnen nennen sich "Kutten" und sind ähnlich wie Mönche gekleidet. Sie strotzen vor Idealismus; sie bringen "Opfer" für ihren Verein; ihre Sprache und Hymnen sind prall gefüllt mit religiösem Vokabular. Nach einem Sieg sind sie erhoben wie nach einem Gottesdienst. In Derbys tritt der religiöse Charakter noch stärker hervor.

Vor diesem Hintergrund: Haben Stadtduelle im Fußball etwas von Religionskriegen?

Das klingt recht martialisch und überzogen, aber Derbys sind ein bisschen so wie Auseinandersetzungen zwischen zwei verschiedenen Glaubensgemeinschaften, die für ihre Überzeugung alles geben. Hier treffen sie auf einen gegnerischen Kult, der in ihren Augen die "falschen Heiligen" verehrt. Daher die unsäglichen Schmährituale, das Verbrennen von Insignien, von Fanschals der "Andersgläubigen". Allerdings ist solche Gegnerschaft zwischen Hertha und Union kaum entwickelt - in der Zeit der DDR hatte Union im deutliche Sympathien für die Hertha im Westen.

Wenn man Fankultur als etwas Quasireligiöses begreift, welche Bedeutung hat dann Pyrotechnik?

Das ist ebenfalls ein Element des Religiösen. Das Entzünden einer Flamme ist in vielen Religionen ein genuin religiöser Akt. Dabei geht es einerseits um die Sehnsucht nach Erhellung, Erleuchtung, andererseits auch um Vertreibung von Dämonen, des Bösen insgesamt.

Kann der Fußball diese Sehnsucht denn erfüllen?

Ja, durchaus. Vor allem junge Menschen können mit ihrer Begeisterung für Fußball und Sport im Allgemeinen Gefühle ausleben, die traditionell in den Bereich der Religion gehören. Hoffnung zum Beispiel: die Hoffnung auf den Sieg der eigenen Mannschaft, im Fall der Hertha-Fans Hoffnung auf den Wiederaufstieg und den Wunsch nach Verehrung und Ergriffenheit. Aber man darf nicht denken, dass der Fußball mit seinen kurzfristigen Wirkungen die Religion verdrängt. Beide können allerdings nebeneinander existieren.

Sind Derbys eigentlich meist für den Außenseiter interessanter, während es für den Favoriten eine Art Pflichtaufgabe ist, bei der man sich nur blamieren kann?

Bei Derbys geht es meist um den Kampf zwischen Klein und Groß, zwischen David und Goliath. Derbys bieten die Möglichkeit, dass sich die unterschiedlichen Kulturen von zwei Vereinen auf dem Spielfeld begegnen – der abgestiegene Hauptstadtklub und der aufgestiegene Verein aus der Vorstadt – und dass am Ende manchmal sogar der Kleinere gewinnt. Das macht den Zauber von Derbys aus.

Was heißt es für ein Derby, wenn es wie in Berlin zwischen Hertha und Union eigentlich keine richtige Derby-Tradition gibt?

Damit es ein richtiges, ein klassisches Derby ist, braucht es Tradition. Fankultur basiert wesentlich auf Erinnerung an Triumphe und Schmerzen. Rivalität vertieft sich mit der Häufigkeit des Aufeinandertreffens. Das ist in Berlin noch nicht der Fall. Man darf ja nicht vergessen, dass es zwischen Hertha und Union durch die Teilung der Stadt ja eigentlich keine richtige Rivalität gab. Aber klar ist, dass eine Niederlage Herthas für den Verein eine tiefe Demütigung und für Union die reine Freude wäre.

Fans identifizieren sich mit ihrem Verein. Fußballprofis dagegen sind heute in erster Linie Ich-Unternehmer, die die Vereine und damit ihre Wohnorte wechseln. Inwiefern können Derbys auch für Profis, die nicht aus der Region kommen, identitätsstiftend sein?

Stellen Sie sich vor, Sie seien Spieler bei Union und Sie kämen am Montag mit Ihrer Mannschaft ins Olympiastadion! Da wird Ihnen nicht nur von den eigenen, sondern auch von den Hertha-Fans vor Augen geführt, dass sie Teil dieser Mannschaft des 1. FC Union sind. Wenn Sie dann auch noch gewinnen, feiern Sie diesen Sieg noch viel ausgelassener als einen gewöhnlichen Sieg. Sie spüren, was dieses Spiel den eigenen Anhängern bedeutet und fühlen sich dieser Gruppe aus der Alten Försterei zugehörig. Solche Derbys können also enorm identitätsstiftend für die Spieler sein.

Kann ein solches Derby zwischen Union und Hertha auch identitätsstiftend für die Stadt Berlin sein?

Ja. Das Derby ist eine große Chance für Berlin, sich als Sportstadt stärker zu etablieren: Es gibt ein wirkliches Berliner Ereignis des Fußballs. Ob eine Stadt als 'Sportstadt' gilt, wird genau daran gemessen. Leider immer noch kein erstklassiges Ereignis, aber immerhin werden am Montag im Olympiastadion mehr als 70.000 Menschen dabei sein. Das ist doch schon mal ein starker Ausdruck von Berlinerischer Fußballkultur.

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