11.11.12

Diskuswerfen

Olympiasieg kostete Robert Harting auch ein Stück Freiheit

Der Berliner hat sich mit dem Olympiasieg im Sommer seine Träume erfüllt. Rund 100 Tage danach will es sich jedoch nicht immer so anfühlen.

Von Alexandra Gross und Sebastian Arlt
Foto: dapd

Geschafft: Mit dem Gewinn der Goldmedaille in London war Robert Harting am Ziel seiner Träume
Geschafft: Mit dem Gewinn der Goldmedaille in London war Robert Harting am Ziel seiner Träume

Robert Harting hat als Diskuswerfer alles erreicht. Der 28 Jahre alte Berliner ist Olympiasieger, Welt- und Europameister, zugleich der große Star der deutschen Leichtathletik. Am kommenden Donnerstag sind seit seinem Goldwurf von den Spielen in London 100 Tage vergangen. Zeit, um im Interview mit Morgenpost Online einen Einblick in sein Seelenleben zu geben.

Morgenpost Online: Herr Harting, knapp hundert Tage nach ihrem Olympiasieg: Wie haben Sie die Zeit seither erlebt?

Robert Harting: Natürlich habe ich sie genossen und es mir gut gehen lassen. Und ich habe viel für Medien und Sponsoren gemacht. Aber der Wettkampf selbst ist nicht mehr so präsent; es ist ein schnelllebiges Geschäft, die Medien bringen bald danach schon ein neues Thema. Das verfliegt schnell. Nur bei Interviews und Fernsehsendungen sehe ich die Bilder von London wieder und erinnere mich dann. Aber selber schaue ich mir die Bilder nicht mehr an.

Morgenpost Online: Was glauben Sie ist den Menschen mehr in Erinnerung geblieben: Ihr Goldwurf oder der anschließende Hürdenlauf auf der Ehrenrunde?

Robert Harting: Ich denke so 50:50. Es ist schon so, dass ich im Supermarkt mal höre: Jetzt aber nicht über die Kasse springen! Oder einen Spruch wie: Nicht mit dem Waschmittel werfen!

Morgenpost Online: Sie werden fast überall sofort erkannt?

Robert Harting:Ja, das hat sich stark verändert. Vorher wussten das Fachpublikum und der eine oder andere normale Mensch bescheid. Jetzt ist es ganz anders. Die Olympischen Spiele haben die Bevölkerung bewegt. Es war auch für viele sehr emotional vor dem Fernseher, die wurden auch gefordert.

Morgenpost Online: Schränkt Ihre gestiegene Bekanntheit Ihre Freiheit ein?

Robert Harting: Ja, ich habe ein Stück Freiheit verloren.

Morgenpost Online: Und, wie leben Sie damit?

Robert Harting: Ich kann es eh nicht ändern. Ich könnte mich beispielsweise aus allen medialen Dingen rausziehen, dadurch verliert man aber auch eine Präsenz, was sich wiederum wirtschaftlich bemerkbar machen kann. Man ist in dem Sinne ein Gefangener der Situation. Man kann was ändern, würde dadurch aber auch die ganzen Umstände verändern.

Morgenpost Online: Insofern ist das Ganze Segen und Fluch zugleich.

Robert Harting:Was ich auf alle Fälle verfluche, ist die Erfindung des Fotohandys. Es gibt keine klassischen Autogramme mehr. Fast alle machen jetzt Fotos.

Morgenpost Online: Zum Beispiel auch, wenn Sie mal privat in einem Club unterwegs sind?

Robert Harting: Es ist nicht so, dass sie einem hinterherrennen und ich die Leute wegstoßen muss. Aber ich werde belauert. Ein, zwei Stunden lang. Bis einer den Mut fasst und zu mir kommt. Und dann ist der Bann gebrochen, dann kommen ganz viele.

Morgenpost Online: Hemmt Sie das selbst in Ihrem Verhalten, wenn Sie sich dauernd beobachtet fühlen?

Robert Harting: Das ist eben dieser Einschnitt ins Privatleben, wo man ja eigentlich so sein will, wie man gerne möchte. Aber ich versuche dennoch, so zu sein, wie ich bin. Das schätzen die Leute schließlich auch an mir. Aber wenn es zu weit geht, muss man schon mal nein sagen.

Morgenpost Online: Wenn Sie mit Ihrer neuen Freundin, der Berliner Diskuswerferin Julia Fischer, unterwegs sind, dürfte die Aufmerksamkeit besonders groß sein.

Robert Harting: Natürlich falle ich mit Julia sofort auf. Sie ist ja auch hübsch und über 1,90 Meter groß. Eine große Frau fällt sowieso jedem auf, daneben noch ein großer Mann mit 2,01 Meter...

Morgenpost Online: Gerade für die Boulevardmedien ist nun Ihr Liebesleben natürlich sehr interessant geworden.

Robert Harting: Ich persönlich werde jetzt eine strikte Trennung vornehmen, die ich vorher nicht hatte – zwischen meinem Privatleben und dem sportlichen Bereich. Für Julia gilt das Gleiche. Da wird es boulevardesk nicht mehr viel geben.

Morgenpost Online: Wie ist das denn an der Uni, bei Ihrem Studium der Gesellschafts- und Wirtschafts-Kommunikation? Sind Sie da ein normaler Student?

Robert Harting: Man muss normal studieren, sonst kriegt man das Wissen nicht. Aber ich bin eben eine öffentliche Person, das wissen die Studenten auch. Für mich ist das eine besondere psychologische Belastung, weil man ja auch bei Referaten vorn steht. Wie wird man gesehen? Als Kommilitone oder als diese Person, die auf studentisch tut?

Morgenpost Online: Erwarten die Mitstudenten, dass Sie im Studium alles so super schaffen wie im Sport?

Robert Harting: Das ist der Punkt. Ich würde von meinen Kommilitonen nie erwarten, dass sie den Diskus 70 Meter weit werfen. Aber von einem, der 70 Meter weit wirft und national und international bekannt ist, erwartet man, dass er auch gut an der Uni ist. Das ist das Problem der Doppelbelastung.

Morgenpost Online: Sie haben mal gesagt: Ich muss mich selbst mögen, das ist bei mir schwer. Wie sieht"s aus: Mögen Sie sich momentan?

Robert Harting: Da denke ich gar nicht drüber nach. Vielleicht habe ich diesen Status gerade erreicht... Nein, nein, ich glaube nicht, dass es so ist. Dieser Zeitmangel und die vielen Dinge, die man leider nicht machen kann, fressen einen auf Dauer auf.

Morgenpost Online: Vor einem Jahr war dies der Fall. Es ging Ihnen schlecht. Sie standen kurz vor einem Burn-out und sagten, Sie hätten es allen recht machen wollen und hätten viel zu wenig an sich gedacht. Denken Sie jetzt mehr an sich?

Robert Harting: Ich glaube nicht. Man ist noch fremd gesteuert. Man muss viele Sachen bedienen, bevor man die Interessen der eigenen Person bedient. Ich hoffe, es wird aber irgendwann die Situation kommen, wenn alles in geregelten Bahnen läuft, dass ich dann auch dazu komme. Es fällt mir schwer, nicht allen gerecht werden zu können, weil ich gerne Sachen machen würde, aber keine Luft habe. Da bin ich dann auf das Verständnis der Journalisten und der Partner angewiesen.

Morgenpost Online: Sie haben keine Zeit.

Robert Harting: Ich erzähle ihnen mal ein Beispiel, das war eine geile Situation: Direkt nach meinem Training habe ich noch – ohne mich umzuziehen – auf dem Platz einen Werbespot für einen Partner gedreht. Ich musste kurz unterbrechen, weil ich einen wichtigen Anruf von der Baustelle bekommen habe (Anm. d. Red.: Harting hat ein Loft umbauen lassen, in dem er jetzt wohnt). Nach diesem Gespräch habe ich auf meinem Handy eine wichtige SMS gesehen von meiner Unigruppe, mit der ich mich am Abend traf.

Morgenpost Online: Beispielhaft für einen Ihrer Tage?

Robert Harting: Ja, fürs Leben generell. Irgendwann bist du dann auch kaputt.

Morgenpost Online: Es wird nicht besser, schließlich ist ja auch die Zeit ohne Training bald vorbei.

Robert Harting: Ich hatte zwei Monate richtig frei vom Training. Da stand die Behandlung meines Knies im Vordergrund. In den nächsten Tagen fange ich ein bisschen an mit Radfahren und Tischtennis. Dann steige ich wieder richtig ins Training ein.

Morgenpost Online: Sie hatten im Herbst 2011 eine Knieoperation, es dauerte quälende Monate, bis Sie wieder richtig trainieren konnten. Doch das Knie hat weiter Schmerzen verursacht. Wie geht es dem Knie jetzt?

Robert Harting: Ich habe sechs Wochen lang Bestrahlungen bekommen. Erst in ein paar Wochen, nach den ersten Trainingseinheiten, werde ich ein bisschen schlauer sein, ob es was gebracht hat.

Morgenpost Online: Ihr Körper ist Ihr Kapital, haben Sie manchmal Angst, Ihre Karriere könnte wegen einer Verletzung vorbei sein?

Robert Harting: Na klar. Jetzt stellt sich ja gerade die große Frage: Hat die Behandlung was gebracht, kommen die Probleme wieder? Letztes Jahr waren die Schmerzen immer da. Ich habe nie Ruhe gehabt.

Morgenpost Online: Da benötigt man eine große Leidensfähigkeit.

Robert Harting: Das wird in den nächsten Jahren interessant. Meine Belastungsfähigkeit im Training ist nach wie vor hoch. Aber diese extreme Schmerzverträglichkeit, die ist zwar da, aber sie wird von Jahr zu Jahr auch schwächer. Man weiß, was auf einen zu kommt, das ist das Schlimme.

Morgenpost Online: Ihre Bereitschaft, Schmerzen zu ertragen, geht zurück?

Robert Harting: Die Geduld neigt sich dem Ende entgegen.

Morgenpost Online: Besteht da ein Zusammenhang mit der Tatsache, dass Sie als Olympiasieger, Welt- und Europameister schon alles erreicht haben. Oder anders: War die Schmerzverträglichkeit größer, als Sie noch auf große Ziele – wie zuletzt Olympia – fixiert waren?

Robert Harting: Schwer zu sagen. Aber es ist schon richtig, dass, wenn man noch was offen hat in seinem Leben, man noch mehr verträgt und zu sehr vielen Sachen bereit ist. Aber wie es künftig wirklich sein wird, kann ich erst Ende kommenden Jahres beurteilen.

Morgenpost Online: Sie haben, wie gesagt, alles erreicht, Ihre Medaillensammlung ist komplett. Was kann da noch kommen?

Robert Harting: Es wird nicht langweilig, es kommen immer neue Wettkämpfe, neue Einflüsse, neue Situationen hinzu, die man bewältigen muss. Sportlich wie auch privat. Ich mag es nicht, wenn es so langweilig vor sich hintrottet.

Morgenpost Online: Der Weltrekord von Jürgen Schult steht seit 1986 bei 74,08 Metern, wäre das nicht auch ein Ziel?

Robert Harting: Der Unterschied ist ja nicht mehr so weit, nachdem ich mit 70,66 Metern in diesem Jahr zum ersten Mal über 70 Meter gekommen bin. Vorher war es exorbitant weit weg. Auch Schult hatte ein Niveau von 71 Metern. Diskuswerfen ist sehr stark mit Aerodynamik verbunden. Wenn der Wind kommt und der Abwurfwinkel entsprechend stimmt…

Morgenpost Online:…Sie sind also auf äußere Einflüsse angewiesen?

Robert Harting: Wenn es irgendwo einen Ort gibt, wo plötzlich Böen kommen und ich in der entsprechenden Form bin, 70, 71 Meter weit zu werfen, dann kann so etwas passieren. Antrainieren kann man das aber nicht.

Morgenpost Online: Wäre der Weltrekord dann nicht die beste Gelegenheit, um aufzuhören?

Robert Harting: Puh, wenn man das schafft, muss man sich wahrscheinlich schon die sportliche Sinnfrage stellen.

Morgenpost Online: Was meinen Sie, werden Sie bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio dabei sein?

Robert Harting: Natürlich bin ich dabei. Der Medaillenabdruck muss ja auf die Haut gebrannt werden.

Morgenpost Online: Was heißt das?

Robert Harting: Dass ich mich mit der Medaille dann hoffentlich an den Strand legen kann mit einem riesengroßen Abdruck auf der Brust – und rechts und links daneben einen riesigen Sonnenbrand.

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