07.12.08

Bremer Krise

Jetzt verliert Werder auch noch den Anstand

Beim neunmal in Folge sieglosen KSC verlor Champions-League-Teilnehmer Werder Bremen nicht nur ein weiteres Spiel, sondern gleich auch zwei seiner wichtigsten Spieler: Torjäger Claudio Pizarro und Spielmacher Diego. Pizarro sah nach einer Tätlichkeit die Rote Karte, mit Diegos Würgegriff beschäftigt sich der DFB.

Foto: DPA
Rote Karte für Pizarro: Auch auf Diego wird Werder wohl länger verzichten müssen
Rote Karte für Pizarro: Auch auf Diego wird Werder wohl länger verzichten müssen

Worte waren in diesem Moment überflüssig, fand Diego wohl. Kommentarlos stapfte Werder Bremens kleiner Spielgestalter also aus der Kabine und schlüpfte rasch in den Mannschaftsbus. 0:1 (0:0) hatte seine Mannschaft knapp eine Stunde zuvor beim Karlsruher SC verloren. Eine weitere peinliche Niederlage für die Bremer, die sich aus ihrer seit Saisonbeginn andauernden Krise einfach nicht befreien können. Nun sitzen sie im Mittelfeld der Liga fest – und nicht nur deshalb wären Diegos Erklärungen sehr interessant gewesen.

Denn beim zuvor neunmal in Folge sieglosen KSC verlor Werder nicht nur ein Spiel, sondern gleich auch noch die Nerven und zwei seiner wichtigsten Führungsspieler: Diego und Claudio Pizarro. Beide sorgten für einen Eklat, dem die Vereinsverantwortlichen ratlos gegenüber stehen. Zunächst flog Stürmer Pizarro in der 90. Minute mit einer Roten Karte vom Platz, weil er seinen Gegenspieler Martin Stoll mit einem Schlag ins Gesicht niedergestreckt hatte. Parallel sprang Diego ihm bei, packte den Karlsruher Spieler Christian Eichner mit beiden Händen am Hals und würgte ihn. Diego wäre ebenfalls des Feldes verwiesen worden, hatte aber zunächst Glück, dass Schiedsrichter Guido Winkmann den Aussetzer des Brasilianers nicht bemerkte.

Dennoch drohen nun sowohl Pizarro als auch Diego drastische Sperren. Montagfrüh geht der Bericht des Schiedsrichters beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein, und dann wird der Kontrollausschuss das Schriftstück sowie die Fernsehbilder auswerten, die beide Tätlichkeiten exakt dokumentieren.
"Schiedsrichter Winkelmann hat die Szene mit Diego nicht gesehen, und deshalb wird in beiden Fällen der Kontrollausschuss aktiv, der jetzt gegen beide ermittelt", erklärte DFB-Pressesprecher Harald Stenger. "Ich gehe davon aus, dass zunächst Pizarro am Montag zu einer Stellungnahme aufgefordert wird."
Bei Diego kann sich der Prozedere noch um einige Tage verzögern. Stenger stellte aber klar, dass der DFB die Urteile noch in diesem Jahr verkünden will: "Wir wollen solche Fälle so schnell wie möglich erledigen." Zur Dauer der absehbaren Sperren äußerte sich der DFB noch nicht, die Sanktionen werden die Bremer aber wohl empfindlich treffen.

Im Raum stehen drei Spiele Pause für Pizarro und bis zu sechs Partien für Diego, der als Wiederholungstäter vorbelastet ist. Im Februar ließ sich der Werder-Spielgestalter im Spiel bei Eintracht Frankfurt von Sotirios Kyrgiakos provozieren, er rempelte den Griechen mit einem Bodycheck nieder und erhielt die Rote Karte. Konsequenz damals: drei Partien Sperre.

In Karlsruhe, wo Stefan Buck in der 83. Minute den Siegtreffer erzielte, zeigte sich immerhin Pizarro reumütig ("Es tut mir leid, so darf ich nicht reagieren"), während Diego jede Aussage verweigerte. Dafür redete Manager Klaus Allofs Klartext. "So ein Verhalten schadet nicht nur dem einzelnen Spieler, sondern auch der Mannschaft und dem Verein. Wir können jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen." Der Verein wird wahrscheinlich für beide Kicker eine Geldstrafe im fünfstelligen Bereich verhängen.

Fassungslos registrierten Allofs sowie Trainer Thomas Schaaf, wie sich ihre Mannschaft zum wiederholten Mal in dieser Saison gegen einen spielerisch unterlegenen Gegner kampf- und leidenschaftslos präsentierte. "Wir haben immer wieder versucht, diese Dinge zu beheben", klagte Schaaf fast schon verzweifelt, "aber wir haben wieder den Kampf nicht angenommen."
Dass es innerhalb der Mannschaft nicht stimmt, weil sie zwar aus individuell qualifizierten Einzelspielern, aber nicht aus einem Kollektiv zu bestehen scheint, in dem jeder für den anderen arbeitet, deutete auch Frank Baumann an. "Diese Situation hatten wir in dieser Saison schon so oft, und das ist kein Zufall", sagte der Werder-Kapitän. "Es ist schlimm."

Die abzusehenden Sperren für Pizarro und Diego gefährden nun auch Bremens Plan, die verkorkste Hinrunde durch eine erfolgreiche Rückrunde auszugleichen, um doch noch das vor der Saison ausgegebene Ziel Champions League zu erreichen. Zwar wären beide Akteure im Achtelfinale des DFB-Pokals in Dortmund am 29. Januar spielberechtigt, aber nur zehn Tage später steht die wichtige Partie bei Schalke 04 an. Und nur drei Wochen danach trifft Werder auf Bayern München – bei einer Sechsspielesperre würde Diego seinem Team auch in diesem Duell fehlen.

Derzeit sehnen Bremens Verantwortliche die Winterpause herbei, um dann den Kader mit einigen Zu- und Abgängen zu verändern. Insbesondere auf den Außenbahnen haben die Hanseaten dringenden Handlungsbedarf, weil Akteure wie Dusko Tosic, Sebastian Boenisch (beide links) und auch Clemens Fritz (rechts) massiv enttäuschten. Dabei rückt die letzte Begegnung in der Champions League morgen gegen Inter Mailand fast in den Hintergrund, weil Werder nur durch einen Erfolg über den italienischen Meister bei einem gleichzeitigen Sieg Panathinaikos Athens über Anorthosis Famagusta zumindest noch den Uefa-Cup erreichen kann. Aber auch diese Hoffnung ist momentan an der Weser minimal. "So wie wir uns derzeit präsentieren", urteilte Nationalspieler Per Mertesacker, "hat das keine Zukunft."

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