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20.11.08

Bundestrainer Otto Becker

"Wir haben in Deutschland ein Pferdeproblem"

Am Donnerstag beginnt in Stuttgart das weltbeste Hallen-Reitturnier, das German Masters. Bei Morgenpost Online spricht der neue Bundestrainer Otto Becker über Doping, das Kontrollsystem, die Sperre gegen Christian Ahlmann, den zukünftigen deutschen Kader, und erklärt, warum es in Deutschland ein Pferdeproblem gibt.

© DPA
Otto Becker
Otto Becker tritt am 1. Januar 2009 das Amt des Reit-Bundestrainers an

Morgenpost Online: Bei der Wahl der Sportler des Jahres werden die Springreiter wohl leer ausgehen. Sie haben sich speziell bei Olympia, dem Höhepunkt der Saison, nicht mit Ruhm bekleckert.

Otto Becker: Das kann mal passieren. Wir sind als Favoriten hingegangen und hatten uns das auch ganz anders vorgestellt, als es dann gelaufen ist.

Morgenpost Online: Was werden Sie tun, um die Springreiter wieder in die Erfolgsspur zu bringen? Kommt nun der große Schnitt?

Becker: Das grobe Konzept steht. Wir waren in den letzten Jahren sehr erfolgreich, wir müssen nur die Schwachstellen verbessern. Wir, Heiner Engemann an meiner Seite und ich, sind sehr zuversichtlich, dass es gelingt. Mit neuen Leuten kommen auch immer frischer Wind und neue Motivation.

Morgenpost Online: Mit welchen Reitern planen Sie?

Becker: Wir werden den Kader sehr offen gestalten. Wer aktuell gut ist, wird berücksichtigt. Es sollen immer die besten Paare am Start sein. Parallel dazu werden wir eine Perspektivgruppe von jungen Reitern an die Spitze heranführen. Viele unserer erfolgreichen Reiter sind schon über 40. Da müssen wir vorbeugen.

Morgenpost Online: Haben wir in Deutschland ein Reiter- oder ein Pferdeproblem?

Becker: Eindeutig ein Pferdeproblem. Wir haben eine dünne Spitze an Top-Pferden und müssen uns breiter aufstellen. Es ist wichtig, Sponsoren zu ermutigen, Pferde für unsere Reiter zu kaufen, und nicht gleich wieder ins Ausland zu verkaufen, wenn die Pferde ausgebildet sind.

Morgenpost Online: Sie gelten als Kritiker des Beerbaum-Clans. Hat das noch mit Ludger Beerbaums Salbenaffäre von Athen zu tun, die Sie Ihre zweite Goldmedaille kostete?

Becker: Athen ist in einigen Gesprächen aufgearbeitet worden. Unser Verhältnis ist besser, als viele vermuten. Wir haben gemeinsame Ziele und alle Reiter sind hochmotiviert, die Scharte von Hongkong auszuwetzen.

Morgenpost Online: Spielt Christian Ahlmann, der vom nationalen Verband für zwei Jahre aus den deutschen Mannschaften verbannt wurde, in Ihren Überlegungen noch eine Rolle?

Becker: Wenn er seine Sperre verbüßt hat und die Leistung bringt, möchte ich gerne wieder mit ihm zusammenarbeiten. Er ist ein sehr guter Reiter, der sich über Jahre für Deutschland eingesetzt hat.

Morgenpost Online: Der nationale Verband hat gegen die Vier-Monats-Sperre durch den Weltverband beim Sportgerichtshof Cas Berufung eingelegt und eine längere Sperre gefordert. Ahlmann äußerte Unverständnis darüber. Er erwog sogar, für ein anderes Land zu starten. Ist das nachvollziehbar?

Becker: Dazu möchte ich mich im Detail nicht äußern. Ich finde es nur unglücklich, dass ein neues Urteil gefällt wird, wenn Ahlmann schon wieder startet. Ab 18. Dezember (Ende der Vier-Monats-Sperre; d. Red.) kann er wieder reiten, aber beim Cas gibt es noch nicht einmal einen Verhandlungstermin.

Morgenpost Online: Akuter Handlungsbedarf besteht in Sachen Doping, das den Ruf des Reitsports zuletzt angriff. Es soll mehr und schärfere Kontrollen geben, der Anfang wird jetzt in Stuttgart beim German Masters gemacht. Künftig sollen neben Urin- und Bluttests sogar Haarproben von den Beinen der Pferde genommen werden. Ist das der richtige Weg?

Becker: Grundsätzlich haben wir ein gutes Regelwerk, aber das gilt es zu modernisieren. Wir müssen den Spagat schaffen, dass wir die Pferde auch noch medizinisch betreuen können, ohne dass man in den Bereich der Leistungsbeeinflussung vorstößt. Das ist Aufgabe von Experten wie Tierärzten und Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit dem Verband.

Morgenpost Online: Die nationale Dopingagentur Nada wurde aufgefordert, ein umfassendes Kontrollsystem aufzubauen. Bisher hat die Reiterliche Vereinigung FN die Tiere selbst getestet und dafür jährlich 480.000 Euro ausgegeben. Für die zusätzlichen Trainingskontrollen sind weitere 200.000 Euro fällig. Wer soll das bezahlen?

Becker: Die erste Zahl zeigt, dass schon viel getan worden ist. Wer die Mehrkosten tragen soll? Die Frage muss der Verband beantworten.

Morgenpost Online: Sie waren ein erfolgreicher Reiter. War er schwer, sich vom aktiven Sport zu verabschieden?


Becker: Es war ein tiefer Einschnitt, der mir sehr schwer gefallen ist. Aber ich sehe in meiner neuen Aufgabe die Chance, im Reitsport zu bleiben und mit Topleuten weiterzuarbeiten, von denen ich sportlich und menschlich noch viel lernen kann.

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