09.08.08

Schwimmen

Was Britta Steffen von van Almsick gelernt hat

Britta Steffen gilt als eine der großen deutschen Hoffnungen auf Gold bei den Olympischen Spielen in Peking – wie Franziska van Almsick in Athen. Mit Morgenpost Online sprechen die beiden Schwimmerinnen über Erfolgsdruck, ihre alte Revalität, traumatische Erfahrungen und Psycho-Tricks.

Von Raik Hannemann
Foto: REUTERS
Schwimmerinen Britta Steffen (l.) und Franziska van Almsick
Schwimmerinen Britta Steffen (l.) und Franziska van Almsick

Morgenpost Online: Frau van Almsick, beneiden Sie Britta Steffen, die sich in dieser Woche den Traum von Olympiagold erfüllen kann? Sie sind diesem Traum bis ans Ende Ihrer Karriere vergebens nachgejagt.

Franziska van Almsick: Auf keinen Fall. Je näher der Wettkampf kommt, desto aufgeregter wird man, die Angst vor dem Versagen wächst mit jedem Tag so sehr, dass man es kaum noch in seinem Zimmer im olympischen Dorf aushält. Britta macht da gerade harte Stunden durch, auf die ich gut verzichten kann. Ich bin sehr froh, dass es in meinem Leben jetzt viel entspannter zugeht. Wir sind zwar jetzt beide in Peking, aber nur eine von uns kann diese Reise wirklich genießen.

Morgenpost Online: Das würde aber bedeuten, dass Britta auch lieber mit Mikrofon in der Hand vor der Fernsehkamera stehen würde.



Britta Steffen: Das ist natürlich nicht so, außerdem hätte ich viel zu wenig Kenntnis, als dass ich diese ganzen Hintergrundgeschichten über die anderen Athleten alle kennen würde. Dafür hätte ich auch nach meiner Karriere bestimmt keinen Nerv. Das macht sicher auch eine Menge Arbeit, oder?

Van Almsick: Wenn man sich noch halbwegs auskennt, eher weniger. Aber ich kann Dich ja verstehen: Wenn man so hart trainiert hat wie Du, gibt man sein Ziel nicht einfach so auf. Man hat den Tag X genau im Kopf – wann ist noch gleich Dein Finale über 100 Meter Kraul?

Steffen: Am 15. August.

Van Almsick: Also hat Britta den kommenden Freitag fix im Kopf, sie kennt sogar auf die Minute genau die Uhrzeit ihres Rennens, auf das sie seit Monaten alles ausrichtet. Und sie weiß, dass Ihr dieser Tag alles bedeutet. Klar hat man auch Angst vor der Herausforderung, aber sie stellt sich ihr. Weil sie es ja unbedingt will. Und sie will, dass es endlich vorbei ist. Stimmt's?

Steffen: Genau.

Morgenpost Online: Britta, Sie haben Franziskas Scheitern 2000 in Sydney und 2004 in Athen hautnah miterlebt – inwiefern belasten Sie diese Erinnerungen?

Steffen: Ich erlebe so etwas wie ein Déjà vu, das gar nicht meins ist. Franzi und auch Hannah Stockbauer waren hoch gelobt und sollten unbedingt Gold gewinnen, die taten mir echt leid und ich war damals echt froh, nicht in dieser Situation stecken zu müssen. Nun habe ich das Gefühl, dass es mir genauso geht. Das ist echt schwierig.

Morgenpost Online: Zumal auch für Sie selbst diese Spiele damals alles andere als berauschend verliefen.

Steffen: In Sydney war ich gerade erst 16 Jahre alt, alles war neu und furchtbar aufregend. Ich bin glatt eine Sekunde auf dem Startblock stehen geblieben im Staffelvorlauf und durfte dann gar nicht mehr am Endlauf teilnehmen. Das war so peinlich für mich – ich war maßlos enttäuscht und wollte nur noch nach Hause. Beim zweiten Mal machst du dein Ding, dachte ich dann 2004, konnte mich aber wieder nur für die Staffel qualifizieren. Und die bin ich dann letztlich auch wieder nicht mitgeschwommen, weil ich mir während Franzis erstem Rennen auf der Stahlrohrtribüne den Knöchel verdrehte. Ein holländischer Trainer hatte mir auf der Treppe sitzend nicht genug Platz gelassen, so dass ich böse ausrutschte. Da hatte ich die Nase voll. Danach habe ich noch versucht, wenigstens Franzi zu unterstützen, indem ich sie ohne große Worte in den Arm genommen und gedrückt habe. Sie hatte ja noch viel mehr Stress als ich.

Morgenpost Online: Und Sie können das verdrängen?

Steffen: Sicher. Zudem gibt es doch auch positive Erinnerungen, auch lustige: Franzi war 2000 meine Patin bei der Taufe der Mannschaftsneulinge und hat mir damals den Spitznamen "Hüfte" verpasst.

Van Almsick: Stimmt, ich erinnere mich. Weil ich noch nie eine Schwimmerin mit einer derart kleinen Hüfte gesehen hatte, schmaler als mancher Oberschenkel. Und dennoch weiß ich, dass die Stimmung im Team in Australien schlecht wie nie war. Es ging nur noch gegeneinander und kaum noch um den Sport. Und ich weiß auch noch, wie ich mich 2004 geärgert habe, als Britta plötzlich für beide Staffeln ausfiel.

Steffen: Ja, ich war das Tribünen-Girl, dass immer die Plätze für den Rest der Mannschaft freigehalten hat. Ich musste mich ja irgendwie nützlich machen.

Van Almsick: Ehrlich gesagt, finde ich es sehr beeindruckend, wie aus dem Küken Britta von 2000 und dem Pechvogel von 2004 das Alphatier von heute geworden ist. Hätte jemand vor sechs Jahren gefragt, wäre meine Antwort gewesen: Die schafft das auf gar keinen Fall!

Steffen: Und ich sage: wenn Franzi mich 2002 nicht nach Berlin gelotst hätte, stünde ich heute nicht so da.

Morgenpost Online: Wie genau lief das damals ab?

Steffen: Auf dem Heimflug von einem Trainingslager in Spanien fragte sie, wie es bei mir läuft. Meine Trainingsgruppe befand sich gerade in Auflösung, die meisten dort konzentrierten sich inzwischen mehr aufs Abitur. Und plötzlich kam die große Franzi daher und fragte beiläufig, ob ich nicht Interesse hätte, zu ihrem Trainer Norbert Warnatzsch nach Berlin zu kommen. Das war ein extremer Schritt, aber ich bin dem Vorschlag dann schnell nachgekommen. Und zum Glück hatte sie kurz vor der EM gefragt – nach meinem miesen Abschneiden dort hätte sie das bestimmt nicht getan.

Van Almsick: An dieses Gespräch erinnere ich mich auch noch. Ich habe ihr lediglich geraten: Entweder du änderst jetzt etwas oder du lässt es lieber ganz sein. Wenn du nicht jetzt etwas riskierst, dann höre lieber auf und mache Dir ein schönes Leben, oder fange an Klavier zu spielen. Pikant an dem Rat war, dass meine Zukunft zu diesem Zeitpunkt ja auch noch ungewiss war: Mein großes Comeback folgte ja dann erst kurz danach bei der EM in Berlin. Aber umso ehrlicher war eben meine Einschätzung: Britta hat immer schon mal gute Zeiten hingelegt, wenn es ihr gut ging, und dann ging plötzlich wieder nichts mehr, es fehlte die Konstanz.

Morgenpost Online: Und stimmt es, dass es nach dem Wechsel nach Berlin auch Reibereien gab, weil Britta Steffen dann bald und immer öfter schneller war als der Star Franzi van Almsick?

Van Almsick: Wir waren dann Konkurrentinnen. Und hatten auch unterschiedliche Auffassungen vom Training.

Steffen: Genau. Ich bin immer geballert wie eine Wilde und Franziska hat Köpfchen bewiesen.

Van Almsick: Britta hat wirklich aus jeder Trainingseinheit einen Wettkampf gemacht. Ich habe dann meist nach ihr angeschlagen und sie beschimpft, sie solle lieber auf ihre Laktatwerte achten. Und wenn der Trainer nach den Pulswerten fragte, hat sie grundsätzlich einen niedrigeren angesagt als ich. Sie hat mich damit bis zur Weißglut getrieben. Und manchmal auch richtig aus dem Konzept gebracht.

Steffen: Das war nicht meine Absicht. Es waren halt meine einzigen Erfolgserlebnisse damals.

Morgenpost Online: Und hat sich diese Einstellung bis heute geändert?

Steffen: Ganz wesentlich sogar. Ich habe von Franziska gelernt. Ich habe mich gefragt, warum sie im Wettkampf immer schneller ist, obwohl ich im Training nicht schlechter bin. Meine damalige Psychologin hat mir das mal erklärt, als wäre die Maximalleistung ein Gummiband. Während meines immer voll gespannt war, hielt Franzi ihres im Training nur leicht unter Spannung, um im Wettkampf kurzzeitig eine größere Dehnfähigkeit zu haben. Es sollte dann alles anders werden, aber es gelang halt nicht sofort. Selbst 2004 bin ich noch mit den Männern mitgekeult und habe mich damit selbst zerstört, auch wenn ich das so gar nicht erlebt habe, weil ich der Überzeugung war: Wenn Du im Training die Beste bist, liegst Du auch im Wettkampf vorn. Mittlerweile trainiere ich aber ganz anders als Franziska damals, es hat lange gedauert, bis ich mit meinem Trainer Norbert Warnatzsch entschieden habe, etwas völlig anderes zu probieren. Heute trainiere ich montags, mittwochs und freitags vorwiegend an Land, nur der Dienstag und Donnerstag sind reine Schwimmtage, an denen ich dann zweimal ins Wasser gehe, aber nicht länger als 90 Minuten. Mit meiner Mentaltrainerin Friederike Janofske haben wir das alles genau durchkalkuliert und fahren mit diesem Plan gut.

Morgenpost Online: Auffällig oft spielt Friederike Janofske in Ihren Äußerungen eine Rolle.

Steffen: Ja, auch auf diesem Gebiet habe ich Franzi viel zu verdanken. Sie hat mir nach ihrem Karriereende ihre Mentaltrainerin empfohlen. Auch Norbert Warnatzsch ist inzwischen von der Arbeit überzeugt.

Van Almsick: Ich freue mich über die Veränderungen, die es gegeben hat seit meinem Abschied. Nicht nur, dass die Trainingshalle in Berlin mit Millionen hergerichtet wurde – auch, dass jetzt drei Psychologen zum Olympiateam gehören. Ich musste Frau Janofske noch heimlich nach Athen schleusen, und sie kam dann auch nicht immer an mich heran, weil sie keine Akkreditierung hatte. Heute kann das ganze Team von ihrer Arbeit profitieren.

Morgenpost Online: Aber reicht das, um zu den großen Schwimmnationen aufschließen zu können?

Van Almsick: Ich glaube, wir sehen die stärksten Spiele mit einer nie da gewesenen Anzahl an Rekorden. Da mitzuhalten, wird sehr, sehr schwer. Vielleicht muss sich noch mehr ändern, als Mentaltrainer mitzunehmen. Das ist sicher ein Fortschritt gewesen, aber es nicht der Urknall. Und Britta ist ja das beste Beispiel dafür, dass sich ein kompletter Neustart auszahlen kann. Wenn man jahrelang dasselbe macht, bleibt man stehen und verpasst den großen Schritt nach vorn. Andererseits dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass zweite oder sechste Plätze durchaus Erfolge sind. Ich galt ja mit Bronze als Dampfer, der auf Grund dümpelt – das darf es nicht wieder geben.

Morgenpost Online: Die wenigsten Menschen können ja überhaupt einschätzen, was man schon für einen sechsten Platz leisten muss. Und welche Entbehrungen damit verbunden sind.

Steffen: Unsicher macht viele aber auch die Tatsache, dass wegen des Schwimmens die berufliche Entwicklung auf der Strecke bleibt. Das macht unzufrieden, das sehe ich an mir selbst. Ich habe das letzte halbe Jahr nichts weiter gemacht als Schwimmen. Essen, Schwimmen, Schlafen, zur Mentaltrainerin gehen und alles wieder von vorn. Ich bin froh, wenn ich nächstes Semester wieder ein paar Seminare absolviere und mich geistig auf Vordermann bringe.

Van Almsick: Und man kann selten davon leben. Auch bei mir war das ja erst nach einer gewissen Zeit klar. Und solange man nicht leben kann von dem, was man tut, kann man es nicht hundertprozentig machen.

Steffen: Außer mir selbst wüsste ich kaum jemanden, der aktuell noch einen nennenswerten Werbevertrag hat. Das finde ich schade, dass wir uns in Richtung Randsportart bewegen. Wichtig sind wir nur noch, weil im Schwimmen so viele Medaillen vergeben werden.

Morgenpost Online: Dadurch ist natürlich der Erfolgsdruck hoch und vielleicht auch das Misstrauen der Athleten untereinander groß in Bezug auf Doping?

Steffen: Ja, ich stutze über Interviews wie das des US-Schwimmers Gary Hall, der seinen Kollegen und auch dem Ausland Doping unterstellt. Mit seiner Zeit vom Olympiasieg 2004 schied er diesmal als nationaler Vierter aus.

Van Almsick: Egal ob Effekthascherei oder ernsthafter Hintergrund: Da darfst Du Dich gar nicht mit belasten. Man kann es nicht ändern. Du musst Dein Ding machen und damit klar kommen, denn Du musst in den Spiegel gucken können, auch noch in zehn Jahren. Wenn Du damit anfängst, über tiefe Stimmen und maskuline Frauenkörper nachzudenken, drehst du am Ende noch durch.

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