Fussball-Bundesliga
Hoeneß will noch zwei Stars zu Hertha holen
Mittwoch, 23. Juli 2008 16:28 - Von Daniel StolpeIn der vergangenen Saison konnte Hertha BSC seine Fans nur selten begeistern. In der neuen Spielzeit soll nun alles anders werden, der Druck auf Lucien Favre steigt. Im Interview mit Morgenpost Online spricht Manager Dieter Hoeneß über die Erwartungen an den Schweizer Trainer und seine Suche nach einem zweiten Diego.

Morgenpost Online: Herr Hoeneß, am Samstag reiste die Mannschaft ins Trainingslager nach Stegersbach. Sie nicht. Welche Pläne haben Sie?
Dieter Hoeneß: Ich habe andere Prioritäten. Wir befinden uns in einer Zeit des Jahres, zu der es vorkommen kann, dass ich am Morgen mit einem Bürotag plane und mich am Nachmittag unvermittelt irgendwo auf der Welt wieder finde, weil dort eine Tür aufgegangen ist. Es ist eine Phase, in der höchste Flexibilität gefragt ist.
Hoeneß: Weil ungewöhnlich früh in der Saison für uns schon Pflichtspiele anstehen, muss Favre den Spagat meistern, die Mannschaft einerseits auf diese Aufgaben von nicht geringer Bedeutung vorzubereiten, ohne darüber die auf den Stichtag 15. August ausgerichtete Saisonvorbereitung aus den Augen zu verlieren. Das erfordert auch vom Trainer gewisse Flexibilität. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass Favre dies gelingen wird.
Morgenpost Online: Nachdem er mit einem kompletten Jahr mehr Zeit zur Eingewöhnung besaß als jeder andere Trainer vor ihm, lastet auf Favre nun erheblicher Druck.
Hoeneß: Das ist richtig. Aber diesen Druck bereitet sich Favre durchaus selbst. Er weiß, dass die Erwartung an ihn und die Mannschaft nun eine andere ist. Die Öffentlichkeit hatte ein Übergangsjahr akzeptiert, doch dieses ist nun vorüber.
Morgenpost Online: Inwieweit hat Favre Hertha BSC im ersten Jahr seiner Amtszeit bereits geprägt?
Hoeneß: Vieles von dem, was wir angekündigt haben, ist eingetreten: Favre wird Zeit brauchen, aber er wird Strukturen entwickeln, die der Mannschaft zuletzt abhanden gekommen waren. Dass er auf dem richtigen Weg ist, hat die Rückrunde in Ansätzen gezeigt. Wir waren noch nicht hochzufrieden, aber wir haben viele Spiele kontrolliert. Das ist eine wichtige Voraussetzung.
Morgenpost Online: Was noch gefehlt hat, sind Tore.
Hoeneß: 39 Tore genügen auf regulärem Wege nicht für die Uefa-Cup-Teilnahme. 44 Gegentore dagegen sehr wohl. Also müssen wir, das haben wir mehrfach wiederholt, unser Offensivspiel verbessern, mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld entwickeln und auch bei Standards effektiver werden.
Morgenpost Online: Die beiden vergangenen Bundesliga-Spielzeiten beendete Hertha jeweils auf Platz zehn. Die bislang feststehenden Zugänge garantieren nicht gerade, dass es deutlich besser wird. Auch Sie mochten zuletzt nicht uneingeschränkt an der Zielsetzung „Uefa-Cup-Platz“ festhalten.
Hoeneß: Stopp! Natürlich ist die Zielsetzung abhängig von der Qualität der Spieler. Ich will mich also erst endgültig festlegen, wenn der Kader komplett ist.
Morgenpost Online: Werden Sie damit wie im Vorjahr bis nach dem ersten Spieltag warten müssen?
Hoeneß: Nein. Zwar werden wir nicht mit Gewalt Termine einhalten. Aber in vier, spätestens fünf Wochen wollen wir alles unter Dach und Fach haben.
Morgenpost Online: Die Transferphase endet offiziell am 31. August. Gibt es davor einen Termin, nach dem Sie sagen: Ab jetzt werden wir keinen Spieler mehr abgeben?
Hoeneß: Nicht absolut. Es wäre falsch, von vornherein Festlegungen zu treffen, die sich neu ergeben können. Unverkäuflich ist niemand; ich bin mir sicher, dass auch Manchester United für Cristiano Ronaldo eine Grenze hat, an der sie sagen: Jetzt machen wir’s! Nur muss bei einem Angebot immer auch die Alternative stimmen. In unserem Fall muss sie günstiger und im Zweifelsfall sogar jünger sein und wir von ihr zu 100 Prozent überzeugt.
Morgenpost Online: Wie groß ist Ihre Sehnsucht, einen millionenschweren Transfer zu tätigen und einen Spieler vom Kaliber eines Valdivia oder Neves zu verpflichten?
Hoeneß: Ich habe solche Transfers in der Vergangenheit schon getätigt: Um Pantelic beneiden uns viele Klubs. Genauso war es bei Gilberto, Bastürk, Marcelinho. Jetzt verfolgen wir einen etwas anderen Kurs. Wir entwickeln eine Mannschaft, von der wir hoffen, dass der eine oder andere Spieler in eine solch begehrenswerte Rolle hineinwächst. Kacar zum Beispiel hat sein Potenzial längst nicht ausgeschöpft, Raffael ebenso. Auch von Domovchiyski erwarte ich einiges.
Morgenpost Online: Fehlt Hertha aber nicht ein Spieler, der regelmäßig 50.000 und mehr Besucher ins Olympiastadion lockt?
Hoeneß: Indem wir angekündigt haben, noch wenigstens zwei offensive Leute zu holen, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass darunter für die Leute attraktive Spieler sind. Aber ein solcher Publikumsrenner muss nicht zwangsläufig als solches Kaliber kommen; er kann sich in der Bundesliga auch dazu entwickeln. Beispiel Diego: Er kam mit gutem Namen aus Porto nach Bremen. Seine Entwicklung zum Star der Liga und Nationalspieler nahm er erst dort.
Morgenpost Online: Allerdings sollte der Leistungssprung zur übernächsten Saison nicht zu groß werden. 2010, wenn Sie abtreten, soll Hertha die Qualifikation zur Champions League gelungen sein.
Hoeneß: Es wäre zu viel der Belastung, sich jetzt schon mit der übernächsten Saison zu beschäftigen. Ich habe damals von einem Drei-Stufen-Plan gesprochen, um zu verdeutlichen, dass wir uns dauerhaft nicht mit Mittelmaß zufrieden geben werden. Ohne meine damaligen Worte relativieren zu wollen: Sie hatten in erster Linie Symbolcharakter.
Morgenpost Online: Wird Josip Simunic am kommenden Wochenende nach Stegersbach nachreisen?
Hoeneß: Ja. Wir erwarten ihn am Sonntag.
Morgenpost Online: Wenn sich bis dahin nicht doch noch ein Käufer für ihn findet...
Hoeneß: Lassen Sie uns nicht über Dinge reden, die nicht da sind. Wir erwarten Joe am 13. Juli – uneingeschränkt.
Morgenpost Online: Überrascht es Sie aber nicht, dass sich trotz ordentlicher Leistungen bei der EM kein konkretes Interesse einstellen wollte?
Hoeneß: Ich zerbreche mir nicht den Kopf anderer Leute. Fakt ist: Es hat bis zum 30. Juni kein Klub die geforderte Summe (sieben Millionen Euro – d.R.) hinterlegt, zu der er Simunic ohne uns zu fragen hätte verpflichten können. Auch danach ist keine Anfrage bei uns eingegangen und schon gar kein konkretes Angebot.
Morgenpost Online: Welches waren für Sie die Trends der EM?
Hoeneß: Kleinigkeiten entschieden die Spiele: Fitness und Teamgeist. Dazu gewann, wer als Mannschaft gut in die Spiele fand. All das sind keine bahnbrechenden Evolutionen, sondern Dinge, wie wir sie auch in der Bundesliga regelmäßig erleben. Was auffällt: Immer häufiger werden Spiele nur durch ein Tor Unterschied entschieden. Daran müssen wir arbeiten; in der vergangenen Saison standen wir in dieser Hinsicht zu oft auf der falschen Seite.
Morgenpost Online: Ein Stürmer, kein klassischer Zehner, schnelles Kurzpassspiel: Hertha praktiziert unter Favre bereits einige der modernen Erscheinungsformen des Fußballs. Dazu gehören außerdem spielstarke, taktisch kluge Außen. Was wird aus Lucio?
Hoeneß: Er wird zurückkommen. Ganz sicher. Die Frage lautet nur: wann. Aber wir sind ja auf der Suche nach einem zusätzlichen Mann für das offensive Mittelfeld, der ähnlich zu Franck Ribery vom FC Bayern auch über die Seiten kommen kann. Nur wachsen solche Leute nicht gerade auf Bäumen.
Morgenpost Online: Was ist mit Patrick Ebert – seit seiner Vertragsverlängerung spielte er schwach, zuletzt überholte ihn sogar Lukasz Piszczek. Steht Ebert in dieser Saison auf dem Prüfstand?
Hoeneß: Das allein würde ihn nicht besser machen. Patrick muss selbstkritisch genug sein um zu wissen, dass das vergangene Jahr nicht sein bestes war.
Morgenpost Online: Die erste Aufgabe der Saison wartet unmittelbar nach dem Trainingslager. Das Überstehen der ersten Uefa-Cup-Qualifikationsrunde ist auch ohne Simunic und Kapitän Friedrich Pflicht?
Hoeneß: Ganz ohne Zweifel. Das hat auch nichts damit zu tun, dass wir die Moldawier unterschätzen. Die Mannschaft muss in der Lage sein, diese zwei Spiele erfolgreich zu gestalten. Nur das zählt.
Erschienen am 06.07.2008


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