Schweizerdeutsch
Abschied von der Nummer zehn
28 von 31 Partien bei der EM sind gespielt. Das Niveau des Turniers insgesamt ist gut. Als Fußball-Trainer stelle ich aber fest: Es gibt keine Revolution. Stattdessen hat sich weiterentwickelt, was schon vor vier Jahren bei der EM in Portugal zu sehen war: Das Spiel wird noch schneller.
Jeder braucht eine sehr gute Kondition. Nur dann kann eine Mannschaft konstant spielen. Und je mehr Spieler strategisch denken, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man gewinnt. Manchmal reicht ein Spieler, um den Unterschied zu machen. Italien mit Andrea Pirlo hat einen höheren Level als Italien ohne Pirlo - wie das mutlose Viertelfinale des Weltmeisters gegen Spanien gezeigt hat. Ohne Arschawin hat Russland 1:4 gegen Spanien verloren. Mit Arschawin hat Russland im Viertelfinale Hochgeschwindigkeits-Fußball gegen die Niederlande geboten.
Endgültig verabschieden können wir uns von der klassischen Nummer zehn. Der Lenker, der jeden Ball will, auf eine Inspiration hofft und den Rest der Arbeit von Wasserträgern hinter sich machen lässt - das ist vorbei. Deutschland hat gezeigt, wie die moderne Nummer zehn aussieht: In manchem Momenten hat Michael Ballack die Rolle übernommen, dann Lukas Podolski, dann Bastian Schweinsteiger. Das ist kreativ und für den Gegner schwer zu verteidigen. Auch Deco oder die Spanier Xavi und Fabregas spielen so: erster Verteidiger, Ideengeber und manchmal zweiter Stürmer. Kreativ und effizient, so sieht der Mittelfeldspieler der Zukunft aus.
In Deutschland ist viel über Taktik gesprochen worden. Die Mannschaft hat in der Vorrunde im System 4-4-2 nicht so gut ausgesehen. Gegen Portugal hat sie mit 4-5-1 die bisher beste Turnierleistung gezeigt. Brasiliens Weltmeister-Trainer Carlos Alberto Parreira sagt voraus, demnächst werde ein 4-6-0 gespielt. Das kann man noch weiter denken: Auch ein 5-5-0 ist vorstellbar. In der Theorie muss man da am wenigsten laufen, kann die Räume eng halten und schnell den Ball erobern.
In der Praxis sehen wir: Egal, welches System man hat, entscheidend ist die Qualität der Spieler. Frankreich ist gescheitert, weil außer Ribéry niemand in Topform war. Thuram ist zu alt, er kann dieses Niveau nicht mehr gehen. Aus dem Mittelfeld ist von Makelele zu wenig gekommen. Italien hat gute Spieler, wirkte aber schwerfällig und nicht frisch.
Ich freue ich auf Donnerstag, wenn wir bei Hertha BSC mit dem Training beginnen, und morgen auf das Halbfinale Deutschland-Türkei. Die Türkei demonstriert, wie wichtig mentale Stärke ist. Die Türkei hat schon jetzt mehr als das Maximum erreicht. Es wird schwer werden für die Mannschaft von Joachim Löw, weil die Türkei nichts zu verlieren hat. Aber ich denke, dass Deutschland mehr Qualität hat und das Finale erreicht.
Lucien Favre (50) ist ehemaliger Schweizer Fußball-Nationalspieler. Als Trainer gewann er in der Schweiz mit Servette Genf und dem FC Zürich zweimal den Pokal und zweimal die Meisterschaft. Seit 2007 ist er Trainer von Bundesligist Hertha BSC. Für die Berliner Morgenpost kommentiert Favre die EM 2008 als Kolumnist.
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