Fussball-EM
Schweinsteiger führt Deutschland ins Halbfinale
Die Bergtour der Nationalelf bei der EM geht weiter. Die Elf von Bundestrainer Joachim Löw besiegte Portugal und zog ins Halbfinale ein. Ein Garant für den verdienten Erfolg war Bastian Schweinsteiger, der die deutsche Führung erzielte und zwei weitere Treffer vorbereitete.
Von L. Wallrodt, R. Köttker und L. Gartenschläger
Die Vorzeichen waren denkbar schlecht, das Ergebnis dafür umso überwältigender: Ohne Bundestrainer auf der Bank, wo stattdessen der verletzte Torsten Frings Platz nehmen musste, besiegte Deutschland im Viertelfinale der Europameisterschaft die hoch gehandelten Portugiesen mit 3:2 (2:1) und zählt nach einer Galaleistung nun wieder zu den Turnierfavoriten. Auf welche Mannschaft die Deutschen im Halbfinale am Mittwoch treffen, entscheidet sich in der Partie zwischen Kroatien und der Türkei. Im Halbfinale steht dann auch wieder Joachim Löw am Spielfeldrand.
Spieler des Tages war Bastian Schweinsteiger. Mit seinem herrlichen Treffer zum 1:0 sowie seinen gefühlvollen Freistoß-Vorlagen zum 2:0 und beim 3:1 avancierte Schweinsteiger, der gegen die Portugiesen erstmals im Tunierverlauf in der deutschen Startelf stand, zum Mann des Abends im St. -Jakob-Park von Basel.
"Ich bin überglücklich. Wir sind in den Top Four. Das ist sensationell. Wir haben die meiner Meinung nach beste Mannschaft aus dem Turnier gekegelt. Heute haben wir auch für den Trainer gespielt. Man hat gesehen: Wir können Fußball spielen und wir können auch kämpfen", sagte der 23-Jährige.
Am Nachmittag hatte der Bundestrainer noch die abschließende Teamsitzung geleitet, war dann mit den Spielern im Bus ins Stadion St. Jakob-Park gefahren. Dann trennten sich die Wege: Während die Spieler den gewohnten Weg in die Kabine wählten, verfolgte Löw das Spiel aus einer "Skybox", einer verglasten Loge unter dem Stadiondach. Eine Uefa-Sperre hinderte ihn an der gewohnheitsgemäßen Ausübung seines Berufs, die er wegen seiner Scharmützel mit dem vierten Offiziellen während des Österreich-Spiels erhalten hatte. Für ihn übernahm sein Assistent Hans-Dieter Flick das operative Geschäft an der Seitenlinie.
Die Weichen für das Portugalspiel hatte Löw allerdings schon im Vorfeld gestellt. Die wichtigste Entscheidung des Bundestrainers bestand darin, einen adäquaten Ersatz für Torsten Frings zu finden, der trotz intensiver medizinischer Betreuung wegen seines Rippenbruchs nicht auflaufen konnte. "Das Risiko war uns zu groß", sagte Manager Oliver Bierhoff vor dem Spiel. Als moralische Unterstützung saß er auf der Bank.
Rolfes für Frings
Für Frings beorderte Löw den Leverkusener Simon Rolfes vor die Abwehr, um dort gemeinsam mit Thomas Hitzlsperger als "Doppelsechs" die Kreise der technisch hochbegabten portugiesischen Mittelfeldspieler einzuschränken. Michael Ballack rückte in die Rolle des zentralen Spielmachers. Für Rolfes war es in seinem elften Einsatz im Nationaltrikot erst das zweite Spiel, in dem er in der Startformation stand. Superstar Cristiano Ronaldo von Manchester United erfreute sich zumeist einer Sonderbewachung von Arne Friedrich, wenn er über die linke portugiesische Seite kam.
Das neu kreierte deutsche 4-5-1-System funktionierte prächtig: Durch den Verzicht auf einen zweiten Stürmer machte Deutschland im Mittelfeld die Räume eng, alle Spieler beteiligten sich zudem fleißig an der Defensivarbeit und hinderte den Gegner durch kluges Verschieben daran, sein Hochgeschwindigkeitsspiel aufzuziehen. Erst nach zwanzig Minuten kam Portugal zur ersten Chance, als Joao Moutinho aus sechs Meters den Ball mit dem Knie über das Tor beförderte.
Zwei Minuten später spielte Deutschland den vielleicht besten Angriff des Turniers: Ballack und Lukas Podolski überbrückten per Doppelpass die linke Seite, Podolski flankte hart nach innen und der mitgeeilte Bastian Schweinsteiger vollendete den Musterkon-ter zur 1:0-Führung (22.). Ausgerechnet Schweinsteiger, der nach einer Roten Karte gegen Kroatien im letzten Vorrundenspiel aussetzen musste und den Trainer Löw in einer "Bringschuld" sah gegen einen Gegner, gegen den er bereits bei der Weltmeisterschaft 2006 beim 3:1-Sieg im Spiel um Platz drei zwei Treffer beigetragen hatte.
Schläfrig vor der Pause
Dass Portugal endgültig zum Lieblingsgegner des Münchners avancierte, stand weitere vier Minuten später fest. Diesmal wuchtete Schweinsteiger einen Freistoß von der halblinken Seite in die Mitte, Vereinskollege Miroslav Klose stieg zum Kopfball hoch und ließ Torwart Ricardo keine Chance. 2:0 nach 26 Minuten – "Ersatz-Bundestrainer" Flick feierte die hochverdiente Führung mit einem Freudentanz.
Doch verfrühter Jubel war fehl am Platz, denn in der Schlussphase der ersten Halbzeit vernachlässigte Deutschland die taktische Disziplin: In der 40. Minute entwischte Cristiano Ronaldo zum ersten Mal seinem Bewacher, in diesem Fall Per Mertesacker. Seinen Schuss parierte Torhüter Jens Lehmann zwar noch bravourös, doch gegen den Nachschuss von Nuno Gomes war er machtlos. Dass das 2:1 zugleich der Pausenstand war, lag daran, dass Ronaldo kurz vor dem Halbzeitpfiff knapp am Tor vorbeischoss.
Ballack per Kopf
Das hochklassige Spiel setzte sich auch in den zweiten 45 Minuten fort. Hitzlsperger platzierte einen Distanzschuss zu hoch (51.), auf der Gegenseite köpfte Pepe nach Eckball aus Nahdistanz über das Tor (56.). Dann schritt wieder Schweinsteiger zur Tat, zirkelte erneut einen Freistoß angeschnitten nach innen. Dort verschaffte sich Michael Ballack mit einem kleinen Schubser gegen Paulo Ferreira Platz, köpfte und traf zum 3:1 (61.). "Das Entscheidende war, dass wir etwas verändert haben. Die Kreativität hat gefehlt, die Leidenschaft, die Ideen. Deshalb haben wir umgestellt. Das war der Schlüssel", sagte Michael Ballack.
Hoch über dem Geschehen fielen sich Löw und Chefscout Urs Siegenthaler in der "Skybox" in die Arme. Dort zitterten sie wie die übrigen deutschen Zuschauer, als der eingewechselte Helder Postiga in der 87. Minute per Kopf den Anschlusstreffer herstellte.
Doch die deutsche Mannschaft hatte am gestrigen Abend bereits genug Selbstvertrauen getankt. Die letzten Minuten verstrichen ohne weitere Chancen, auch wenn der Schiedsrichter vier Minuten nachspielen ließ. Danach brach grenzenloser Jubel aus, in den zehn Minuten nach dem Abpfiff auch Löw einstimmen konnte – seine Sperre war zu diesem Zeitpunkt abgelaufen.
Nach dem Spiel beendete Cristaino Ronaldo die Spekulationen über seine Zukunft: "Ich werde nach Manchester zurückkehren – aber nur für eine Operation. In zwei Tagen werde ich ankündigen, was jeder schon längst weiß. Die Entscheidung steht schon länger fest. Es ist für mich ein Traum. Es ist das, wovon ich als Kind geträumt habe. Es ist sehr schwer, Manchester zu verlassen." Ohne das der 23-Jährige die Worte Real Madrid in den Mund nahm, scheint festzustehen, dass er beim Klub von Trainer Bernd Schuster anheuern wird.
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