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16.06.08

EM-Spiel gegen Österreich

Verliert Deutschland, muss Joachim Löw gehen

Nach dem 1:2 gegen Kroatien stehen plötzlich all die Dinge zur Debatte, die in den vergangenen Jahren bejubelt und beklatscht wurden. Niemand mag über den Fall einer Niederlage im Spiel gegen Österreich sprechen, aber jeder weiß, welche Folgen sie hätte: Der Bundestrainer müsste gehen.

Die Umgebung erinnert zumindest ein wenig an die WM 2006, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sein Turnierquartier in Berlin aufgeschlagen hatte. Nach 13 Tagen im Tessin, weit weg von Fußball-interessierten Menschen, Fanmeilen und EM-Stimmung, bezog die deutsche Nationalmannschaft Sonntagnachmittag das Hotel "Hilton" in Wien. Eine Unterkunft mitten in der österreichischen Hauptstadt, nur ein paar Gehminuten vom Stephans-Dom und nur ein paar Kilometer von dem Stadion entfernt, wo am 29. Juni das Finale der Europameisterschaft gespielt wird.

Geht es nach den ursprünglichen Plänen des Trainerstabes, sollen die Nationalspieler an diesem Tag auf dem Rasen des Ernst-Happel-Stadions stehen, die Nationalhymne singen und im Idealfall danach das Endspiel gewinnen. Heute geht es allerdings erst einmal um weitaus bescheidenere Ziele. Gegen Gastgeber Österreich ist mindestens ein Punkt nötig, um nach 2000 und 2004 nicht schon wieder kläglich in der Vorrunde einer EM zu scheitern. Und sich nicht mit einer Niederlage gegen die Nummer 92 der Weltrangliste in ganz Europa lächerlich zu machen.
Es ist nicht nur der gute Ruf, der jetzt auf dem Spiel steht. Nach dem erschütternden 1:2 gegen Kroatien stehen plötzlich all die Dinge zur Debatte, die in den vergangenen Jahren oft bejubelt und beklatscht wurden. Niemand mag über den Fall einer Niederlage sprechen, aber jeder weiß, welche Folgen sie hätte. Bundestrainer Joachim Löw müsste gehen. Die offensive Spielphilosophie, sein Personalstab, die Trainingsinhalte, alles würde plötzlich in Frage gestellt werden.

Dieses Szenario ist tabu, offiziell nicht gegenwärtig, auch wenn es die Beteiligten offenbar doch ein bisschen aus der Fassung bringt. Der Mediendirektor des DFB begrüßte die Presse gestern in Ascona/Schweiz "zur letzten Pressekonferenz", um dann doch noch schnell "natürlich nur vor dem Spiel gegen Österreich" anzufügen. Trainerassistent Hans-Dieter Flick geriet ins Stottern, als er versicherte, dass "keine Tickets für einen Rückflug reserviert sind". Und Bundestrainer Joachim Löw raucht offenbar wieder deutlich mehr als vor dem Turnier.

Mannschaftssitzung ohne den Trainer

"Es ist doch ganz klar, dass die Anspannung größer ist als sonst. Aber wenn wir unser Leistungsvermögen abrufen, muss uns nicht bange sein", sagt Michael Ballack. Warum die Leistung zuletzt gegen Kroatien so schlecht war, wurde vor dem Abflug nach Wien auch in kleiner Runde diskutiert. Im Hotel "Il Giardino" hatten sich die Spieler zusammengesetzt und offen geredet, erstmals ohne Löw. Ballack: "Manch einer spricht vielleicht ein bisschen freier, wenn der Trainer nicht dabei ist."

Es wurde nicht nur freier, sondern auch deutlich lauter gesprochen. All die Defizite und Fehler aus dem Spiel gegen Kroatien wurden thematisiert. Die Mittelfeldspieler warfen den Stürmern vor, sich zu wenig zu bewegen. Die Abwehrspieler mussten sich für ihr Defensivverhalten kritisieren lassen. Marcell Jansen musste sich anhören, dass er sich lieber auf die Defensiv- als auf seine eigene PR-Arbeit konzentrieren solle. Nichts wurde ausgelassen, selbst der Besuch einiger Spielerfrauen am Tag nach dem Kroatien-Spiel im Mannschaftshotel wurde diskutiert.

"Fußball ist nicht immer nur Harmonie"

"Fußball ist nicht immer nur Harmonie. Es gehört auch mal dazu, dass es laut und unsachlich wird. Dabei muss nicht immer der Ton getroffen werden", sagte Ballack, der von der positiven Wirkung der Diskussion überzeugt ist. "Es ist gut, dass wir so selbstkritisch miteinander umgehen. Wir wollen das Beste rauskitzeln. Und ich bin sicher, wir gehen in Wien als Sieger vom Platz."

Die Einstellung soll also eine andere sein als zuletzt gegen Kroatien, und die Aufstellung auch. Löw hat in den vergangenen Tagen im Training nicht nur vorrangig Zweitkampfverhalten üben lassen, sondern bei jedem Einzelnen genau hingeschaut. "Wir werden auf einigen Positionen Spieler bringen, die neue Akzente bringen können", hatte der Bundestrainer gewarnt. Und er wird Wort halten.

Friedrich und Hitzlsperger Kandidaten für die Startelf

Eine dieser Positionen ist die linke Abwehrseite. Jansen hatte im Auftaktspiel gegen Polen und gegen Kroatien enttäuscht und spielt nicht nur wegen seiner Schulterverletzung vorerst keine Rolle mehr. Löw wird voraussichtlich Philipp Lahm dort aufstellen, im Gegenzug könnte Arne Friedrich von Hertha BSC nach guten Trainingsleistungen eine Option für die dann vakante rechte Seite sein. Clemens Fritz würde in das rechte Mittelfeld vorrücken.

Ebenfalls zur Diskussion steht die Besetzung des linken Mittelfeldes. Obwohl Lukas Podolski diese Rolle bisher gut ausgefüllt und drei Treffer erzielt hat, kann sich Thomas Hitzlsperger, der am 6. Februar beim 3:0 im Testspiel in Wien die Führung erzielte, Hoffnungen auf sein Turnierdebüt machen. Mit dem Stuttgarter wäre die Defensive gestärkt. Podolski könnte für den schwachen Mario Gomez in den Sturm rücken. An der Seite von Miroslav Klose, der bisher ebenfalls enttäuschte, würde die Angriffsreihe der WM auflaufen.

"Ich erwarte, dass die Spieler reparieren, was sie in den 90 Minuten gegen Kroatien kaputt gemacht haben", sagt Günter Netzer Morgenpost Online. Der Bundestrainer erwartet nicht weniger. "Eine Leistung wie gegen Kroatien wird es nicht noch einmal geben", sagt Löw. Trotz aller Probleme hat er seinen Traum noch nicht aufgegeben: Nach dem Österreich-Spiel noch einmal nach Wien zurückkehren – zum EM-Finale am 29. Juni.

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