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03.06.08

EM 1988

Als Ronald Koeman sich den Hintern wischte

Am 7. Juni beginnt die EM in Österreich und der Schweiz. In der Morgenpost Online-Serie "Meisterwerke" erinnern sich die Sieger an vergangene Endrunden-Turniere. Im fünften Teil spricht sich Hans van Breukelen darüber, wie sie 1988 die Kritiker widerlegten und den lang ersehnten Titel gewannen.

KEYSTONE

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Übrig geblieben ist auch ein Eintrag im Wörterbuch. "Bobos" steht seit jenem Sommer 1988 in jedem niederländischen Nachschlagewerk. "Bobos", das sind die "bondsbonzen", die Bonzen des Verbandes. Ruud Gullit hat es kreiert. Es war an jenem Abend des 12. Juni, wenige Stunden vor dem ersten Gruppenspiel der Niederländer gegen die Sowjetunion in Köln. "Wir waren viel zu spät dran", erinnert sich Torwart Hans van Breukelen. Doch der Mannschaftsbus musste einem Umweg nehmen, Anordnung von oben, hieß es. Die Funktionäre des Verbandes wollten den Ihren noch einmal die besten Wünsche mit auf den EM-Weg geben und winken. Und so entstanden die "Bobos".

Die netten Worte brachten nicht viel, zumindest nicht zum Auftakt in Köln. Die Niederlande waren gnadenlos überlegen, aber am Ende hieß es 0:1. Es blieb das einzige Spiel, dass die Holländer herschenkten. Trainer Rinus Michels hatte nach dem Fehlstart mahnende Worte gesprochen und in den letzten beiden Gruppenspielen Marco van Basten von Beginn an auflaufen lassen. Das reichte, um Irland und England aus dem Turnier zu werfen. Nun hatte man im Halbfinale das Spiel, auf das man seit 14 Jahren hinarbeitete. Michels nannte es die "Schmach von 1974", jenes verlorene WM-Finale gegen Deutschland. "Wir hatten als Fans 1974 Hollands goldene Fußballgeneration bewundert und gleichzeitig getrauert: Wir waren doch damals gegen Deutschland die Besseren – und haben trotzdem verloren", sagt van Breukelen.

Unschöne Gesten

Und dennoch lieferten gerade jene 74er, die Cruyff und Co., im Vorfeld der Europameisterschaft reichlich Zündstoff. "Sie haben uns lächerlich gemacht", erzählt van Breukelen. "Sie nannten uns die Patat-Generation". Die Jungs, die nur an der Pommesbude rumhängen.

Als Außenseiter waren die Niederländer nach Deutschland gereist. Die letzten sechs Jahre hatten sie sich weder für eine WM- noch eine EM-Endrunde qualifiziert. Und nun standen sie in Hamburg im Halbfinale gegen Deutschland. "Jetzt hatten wir endlich die Gelegenheit, das Gezeter von Cruyff und Co. zu widerlegen. Denn die haben nie gegen Deutschland gewonnen. Deshalb waren wir so motiviert."

Es wurde ein emotionales Spiel, mit noch emotionalerem Nachspiel. Zwei umstrittene Elfmeter, verwandelt von Lothar Matthäus und Ronald Koeman, das 2:1 durch van Basten zwei Minuten vor dem Abpfiff und reichlich orangener Jubel. Von kühlen Hamburgern und fehlender Unterstützung sprachen die Deutschen: "Schön wäre es gewesen, wenn wir heute in Deutschland gespielt hätten", schimpfte Frank Mill.Von frei werdender Emotion nach einer historischen Tat und unschönen Gesten, "auf die wir nicht stolz sein müssen", sprachen die Niederländer.

Van Breukelen parierte einen Elfmeter

Gemeint war Ronald Koemans Aktion nach dem Trikottausch mit Olaf Thon. Demonstrativ wischte er sich damit den Hintern ab. Dumm und unbeherrscht, nennt es van Breukelen heute und spricht von fehlender Größe, vom abfallenden Druck und unendlicher Last.


Die Presse feierte den "größten Sieg" und schrieb "von unglaublichem Stolz". Man hatte das Gefühl, dieses Spiel gegen Deutschland war wichtiger als jedes Finale. "Wir gingen tanzen in eine Hamburger Diskothek, zusammen mit den Spielerfrauen", erinnert sich van Breukelen. Es wurde lang, bis früh in den Morgen. Michels, der knorrige Bondscoach, ließ seine Jungs gewähren und richtete am nächsten Tag nur folgende Worte an sie: "Männer, können wir vielleicht diesmal auch noch das Finale gewinnen. Denn sonst hat der Sieg gegen Deutschland keinen Wert."


Für Michels war das eine Reise in die Vergangenheit. 1974 hatte er bereits die Niederländer im WM-Finale von München betreut. Diesmal wieder ein Finale, wieder München. "Für uns zählte nur der Titel", sagt van Breukelen. Dass sie ausgerechnet auf Auftaktgegner Sowjetunion trafen, nahmen sie als Zeichen "Zeit für die Revanche", titelten die Gazetten oder "Zeit für den ersten niederländischen Titel".


Von München in Erinnerung geblieben sind die finalen Tore, der wuchtige Kopfball von Gullit, der Traumtreffer von van Basten und jener gehaltene Elfmeter von van Breukelen, den er selbst verschuldet hatte. "Alles war orange", erinnert er sich an den Schlusspfiff im Olympiastadion. Und danach war wieder Zeit für die "Bobos" und deren Glückwünsche.

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