Sigurdsson im Gespräch

Sigurdsson: "Das wäre eine Revolution für den Handball"

Schon als Kind konnte Dagur Sigurdsson nicht verlieren. Er spricht über Ehrgeiz, die neue Premier Handball League und Konkurrenzkämpfe.

Foto: Stanislaw Rozpedzik / dpa

Berlin..  Dagur Sigurdsson kommt in zivil. Jeans, dunkelblaues Hemd, braune Schuhe mit kräftiger Wintersohle. Noch rasch einen interessierten Blick in den Skulpturengarten des "Café K." neben dem Georg-Kolbe-Museum, dann bestellt der Handball-Bundestrainer Naturjoghurt mit frischen Früchten, dazu einen Cappuccino. Der 43-Jährige bevorzugt am Morgen leichte Kost. Ehe er am Mittwoch mit der Europameister-Mannschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) empfangen wird, sprach der Isländer mit der Morgenpost über die Zeit nach dem furiosen EM-Triumph, die in dieser Woche anstehenden Länderspiele gegen Katar und seinen ausgeprägten Ehrgeiz.

Berliner Morgenpost : Herr Sigurdsson, wo bewahren Sie eigentlich die goldene EM-Schale auf?

Dagur Sigurdsson: (lacht) In meiner Hosentasche. Ich habe sie immer dabei.

Wie geht das denn?

Ich habe sie auf meiner Smartphone-App "Cupodium". Das ist ein virtuelles Pokalregal, das ich entwickelt habe.

Wie funktioniert die App?

Das Größte am Sport ist es, einen Pokal oder Titel zu gewinnen. Im Profisport ist es aber auch so, dass am Tag nach einem Triumph schon wieder die nächste Herausforderung lockt. Du hast gar nicht so viel Zeit, den Titel zu genießen und zu entspannen. Und mit meiner App kannst du dir deine Pokale auf deinem Smartphone anschauen und ein bisschen stolz darauf sein.

Womit haben Sie sich nach der EM belohnt, als sie wieder in Berlin waren?

Ich war seitdem gar nicht so viel zu Hause, der Medien-Hype war enorm. Erst seit dem Beginn der Bundesliga-Rückrunde hat es sich normalisiert.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit als Bundestrainer aus?

Sie ist schwer zu bemessen, ich habe ja keine festen Arbeitszeiten. Natürlich schaue ich mir viele Bundesligaspiele an und scoute dabei alle aktuellen und möglichen Nationalspieler. Dabei stehe ich ständig im Austausch mit meinen beiden Co-Trainern. Die genaue Analyse erfolgt dann mithilfe einer Software am Laptop. Sie dient mir dazu, zum Beispiel alle Würfe eines Fabian Wiede (Rückraumspieler der Füchse Berlin/d.Red.) zu analysieren. Da bekomme ich auf Knopfdruck alle Würfe beim Gegenstoß oder aus dem Rückraum aus einem Spiel. Wenn ich als Bundestrainer auf der Tribüne sitze, schaue ich das Spiel wie alle anderen auch. Erst zu Hause geht die Arbeit dann richtig los.

Die Füchse, die Sie bis vorigen Sommer betreuten, liegen derzeit auf Platz fünf, der zur erneuten Teilnahme am Europacup berechtigen würde. Allerdings fehlt den Berlinern immer mal wieder die Konstanz. Wie beurteilen Sie die Leistungen der Füchse im Jahr eins nach Dagur Sigurdsson?

Gleich zu Beginn der Saison haben sich mit Paul Drux und Mattias Zachrisson zwei wichtige Spieler schwer verletzt. Dadurch mussten wiederum andere viel zu viel spielen, was dann zu Ermüdungserscheinungen führt. Das ist völlig logisch. Die Füchse müssen weiter arbeiten und jetzt mit dem neuen Rechtsaußen Hans Lindberg und den beiden Rückkehrern Drux und Zachrisson versuchen, stabiler zu werden. Durch das Ausscheiden im EHF-Cup ist die Belastung geringer, das kann ein Vorteil sein. Deshalb mache ich mir da keine großen Sorgen. Die habe ich eher angesichts der hohen Erwartungshaltung, immerhin sind sie derzeit Fünfter. Bei meinem letzten Besuch in der Halle habe ich immer nur gehört, die Füchse müssen, müssen, müssen. Aber wenn du das im Sport immer nur hörst, ist das auch belastend. Da fehlt der Spaßfaktor. Und nur zur Erinnerung: Ich bin am Ende der vergangenen Saison Siebter mit den Füchsen geworden.

Nach dem überraschenden EM-Titel wird auch die Erwartungshaltung bei der Nationalmannschaft größer. Wie bewahren Sie sich die Frische und Unverbrauchtheit, die das Team bei der EM ausgezeichnet haben?

Diese Dinge kannst du nicht bestellen oder kaufen. Ich bin ein großer Fan von der Vorgehensweise: Kopf runter und arbeiten. Konzentration ist alles. Man kann viel gewinnen, wenn man voll fokussiert ist, das versuche ich meinen Spielern beizubringen. Das haben wir bei der EM geschafft. Ob nach Siegen oder Erfolgen, das Gefühl hält ja nicht monatelang vor, die nächste Herausforderung steht immer schon bevor, und die Jungs sind alle so vernünftig, dass sie nicht abheben. Es herrscht ein guter Konkurrenzkampf.

Sie haben zahlreiche Weltklassespieler im erweiterten Kader, zudem sind einige Verletzte wieder fit. Wie schwer ist es, den Olympia-Kader zusammenzustellen?

Unsere Stärke in Polen war, dass die Mannschaft das Größte war. Und alle haben ihre Aufgaben im Team super erledigt. Meine Aufgabe ist es dann, die 14 richtigen Spieler zu nominieren, die mit nach Rio fliegen. Das wird nicht einfach, aber ich habe keine Angst davor.

Wie sieht es auf der Torhüterposition aus? Andreas Wolff aus Wetzlar dürfte nach der überragenden EM gesetzt sein. Carsten Lichtlein befürchtet hingegen, dass er einmal mehr Olympia verpasst. Könnte der Berliner Silvio Heinevetter ins Aufgebot für Rio de Janeiro rutschen?

Zunächst einmal: Für mich gehören alle Spieler zur Gold-Mannschaft, die in der EM-Qualifikation, der Vorbereitung und beim Turnier selbst dabei waren. Das sind dann insgesamt um die 30 bis 35 Leute, die auch alle für Rio interessant sind. Daher hat selbstverständlich auch ein Silvio Heinevetter alle Chancen, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Die Tür steht für alle Spieler offen.

Sie wohnen seit sieben Jahren in Berlin und veranstalten wie jetzt auch regelmäßig Lehrgänge in Berlin, der EM-Titel wurde in der Max-Schmeling-Halle gefeiert, Bob Hanning, Vizepräsident Leistungssport im DHB, lebt und arbeitet in Berlin. Wird die Stadt zum neuen Handballzentrum in Deutschland?

Als ich Bundestrainer geworden bin, war es mein Vorhaben, mit meinen Maßnahmen mehr in die großen Städte zu gehen. Vor allem wegen der Spieler, damit diese während eines Trainingslagers auch mal etwas unternehmen können und nicht immer nur auf die nächste Einheit warten. Im Handball ist Berlin in der Tat eine große Adresse geworden, in Füchse Town gibt es ideale Trainingsbedingungen, und die Verkehrsanbindung ist perfekt. Und natürlich kann ich hier in Berlin mit Bob Hanning schnell etwas auf die Beine stellen.

Ist es dann umso bitterer, dass der Handballstandort Hamburg weggebrochen ist?

Auf jeden Fall. Die Tradition ist da, Hamburg gehört in die Bundesliga, aber eben nicht um jeden Preis. Es war richtig, nach der Insolvenz die Konsequenzen zu ziehen und die Profimannschaft abzumelden. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen den Spitzenhandball dort bald wieder zum Erwachen bringen.

Eine Investorengruppe um den Spielerberater Wolfgang Gütschow plant eine europäische Spitzenliga. Die Premier Handball League soll 2019 an den Start gehen und zunächst zwölf europäische Spitzenklubs in Großstädten wie Berlin, Paris, Barcelona oder Moskau umfassen. Auch die Füchse haben ein Angebot, dort mitzuspielen. Was halten Sie von den Plänen?

Das Projekt hat Hand und Fuß, das weiß ich deshalb, weil Gütschow mein Berater ist, seit ich 20 Jahre alt bin. Die Pläne sind sehr konkret, und ich finde diese Superliga interessant, sie könnte eine Revolution für den Handball sein. Es hängt jetzt von den großen Champions-League-Teams wie Barcelona, Paris, Veszprem oder auch Kielce ab, ob sie diesen Sprung machen wollen. So wie es aussieht, sind die deutschen Vereine dazu bereit.

Sie waren bei den Füchsen sechs Jahre Trainer und haben mit Geschäftsführer Hanning eng zusammengearbeitet, sie vertrauen einander fast blind. Ist das eine der Grundlagen für den Erfolg des Nationalteams?

Die Konstellation ist schon richtig gut so, weil wir sehr gut miteinander funktionieren und harmonieren. Das hat sich über Jahre entwickelt, auch wenn wir beide nicht so ganz einfache Typen sind im Umgang. Aber wir sind freundschaftlich verbunden, und jeder weiß vom anderen, was er für Vorstellungen hat und wie er in Stresssituationen reagiert.

Wie haben Sie den EM-Empfang nach der Rückkehr aus Polen in der Schmeling-Halle in Erinnerung?

Das war sensationell, und ich habe Bob persönlich dafür gedankt, dass er das Event in der Kürze der Zeit auf die Beine gestellt hat. Das ist ja nicht selbstverständlich, fast 10.000 Leute an einem Montag in die Halle zu bekommen. Dazu noch die drei Millionen Menschen vor dem Fernseher. Solche Dinge kann nur ein Bob Hanning. Und mein Glück war natürlich, dass die Feier in der Schmeling-Halle war, also quasi mit meinem Heimpublikum.

Die WM 2015 in Katar war Ihr erstes großes Turnier als Bundestrainer. Jetzt stehen die beiden Länderspiele gegen Katar an. Schließt sich da ein Kreis für Sie?

Ich sehe das eher sportlich, Katar liegt im Ländervergleich 1:0 vorn (Sieg im WM-Viertelfinale 2015, d.Red.). Das passt mir so gar nicht, ich will in solchen Bilanzen gern die Oberhand haben. Dazu haben wir jetzt die Gelegenheit, da wir binnen zwei Tagen gegen Katar spielen. Am Ende soll es 2:1 für uns stehen. Ich liebe generell die Revanche. Und die Lust am Gewinnen ist bei mir immer größer als die Angst vor dem Verlieren.

Stört es Sie, dass die Nationalmannschaft von Katar aus vielen internationalen Stars besteht, die mit fürstlichen Gehältern ins Emirat gelockt wurden? Zudem werden dem Land immer wieder Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Ich trenne da Sport und Politik. Fakt ist, dass Katar bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften dabei ist. Dann gehört es sich auch, dass man Länderspiele gegeneinander bestreitet. Dass Katar sich Spieler aus der ganzen Welt geholt hat, stört mich überhaupt nicht, denn es passiert im Handball seit 20 Jahren, dass Spieler integriert werden. Und wenn die Regeln es zulassen, kann man Katar keinen Vorwurf machen. Die Arbeitsbedingungen in Katar stoßen auch mir auf. Aber man muss auch sagen, dass vielleicht 99 Prozent der Kritiker ihr Wissen aus Medienberichten nehmen. Meine Eindrücke bei der WM waren letztlich viel positiver, als ich gedacht hätte. Du gehst da ganz normal auf die Straße, da spielen Kinder, es wird gelacht, die Menschen sind herzlich. Klar, die Frauen sind verhüllt, aber es herrschte eine sehr friedliche und fröhliche Atmosphäre.

Stichwort Sicherheit?

In Katar war das überhaupt kein Problem. Ich war schon in Ländern wie Ägypten oder Tunesien, wo vor dem Hotelzimmer Soldaten mit Maschinengewehren auf den Gängen standen, oder das Militär die Mannschaften im Bus begleitet hat. In Katar habe ich drei Wochen bei der WM keine Soldaten und fast gar keinen Polizisten gesehen, geschweige den Militär. Ich denke, man muss vorsichtig sein, ehe man mit dem Finger auf andere Nationen zeigt, in Europa oder den USA läuft auch nicht alles problemlos. Es ist immer gut, sich die Dinge vor Ort anzuschauen. In Island leben ja auch nicht nur Trolle und Elfen, obwohl das immer gern in der Öffentlichkeit so dargestellt wird.

Sie haben einen großen Ehrgeiz. Wie war das in Ihrer Kindheit?

Ich war so ein Kind, das keiner irgendwie mochte. Weil ich immer ausgeflippt oder weggerannt bin, wenn ich verloren habe. Ich habe mit meinem zwei Jahre älteren Bruder einen ständigen Kampf ausgefochten. Das war jeden Tag Krieg, und ich habe fast nie gewonnen. Ich fühlte mich, als wäre die ganze Welt gegen mich.

Sie haben in Ihrer Jugend lange Zeit parallel Fußball und Handball gespielt. Wie fiel die Entscheidung pro Handball?

Als ich in die erste Handballmannschaft von Valur Reykjavik kam, da hatte ich großes Glück, weil die Mannschaft kaum Spiele verloren hat, das war natürlich ganz nach meinem Geschmack. Mit dem Fußballteam haben wir öfter verloren und auch keine Titel geholt. Mit knapp 18 Jahren stand für mich dann fest, dass ich auf Handball setze.

Übertragen Sie den Ehrgeiz auf Ihre drei Kinder (18, 16 und 13 Jahre alt)?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin auch nicht so ein verrückter Spielervater, sondern ganz locker. Ich spreche mit meinem Sohn, der Fußball spielt, schon manchmal über Leistungssport im Allgemeinen. Was an Eigenschaften dazu gehört, dass man auf den Trainer hören muss. Aber nicht darüber, dass er links oder rechts herum spielen soll. Ich bin aber schon ganz froh, dass er Fußball spielt und nicht Handball, so dass er nicht ständig mit mir verglichen wird.

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