Hallen-Istaf

Alexandra Wester ist das schöne Gesicht der Leichtathletik

Die Tochter eines Deutschen und einer Ghanaerin wuchs in der Pfalz auf

Foto: Jens Wolf / picture alliance / dpa

Die Tochter eines Deutschen und einer Ghanaerin wuchs in der Pfalz auf

Alexandra Wester hat das Zeug zur Weltklassespringerin und tut der Leichtathletik gut. Sie war auch schon Model bei der Fashion Week.

Berlin.  Eigentlich sollte sie gar nicht in Berlin starten. Alexandra Wester gehört zwar schon länger zur Gruppe hochtalentierter deutscher Weitspringerinnen. Nur ist diese Gruppe momentan recht groß.

Dann jedoch gelang der 21-Jährigen beim Sportfest in Düsseldorf gut eine Woche vor dem Hallen-Istaf mit 6,72 Metern das beste Resultat ihrer Laufbahn. Die Last-Minute-Einladung zum Spektakel in der Mercedes-Benz Arena nahm sie gern an, und hier gelang prompt der nächste Karrieresprung.

6,95 Meter – so weit ist seit Heike Drechsler vor 20 Jahren in der Halle keine Deutsche mehr geflogen. In diesem Jahr sogar niemand auf der ganzen Welt. "Die sieben Meter hat sie absolut drauf", war sich die Olympiasiegerin als Zuschauerin sicher. "Diese Weite habe ich wirklich nicht erwartet", wundert sich Bester auch am Tag danach, schiebt aber gleich einen Satz hinterher: "Diese Weite will ich draußen bestätigen."

Fernziel Rio

Draußen: Dort finden Olympische Spiele statt, die will sie erreichen. Am liebsten schon dieses Jahr in Rio. "Gestern war ein Tag, den ich nie vergessen werde", beschrieb sie ihre Gefühle auf ihrer Facebook-Seite.

"Ich kann wirklich immer nur wiederholen – für das, was man liebt, lohnt es sich IMMER zu kämpfen!!!" Sie hat das lernen müssen. Alexandra Westers Karriere verlief nicht gerade. Mit 17 Jahren stürzte die damalige Siebenkämpferin beim Hürdentraining. Im linken Knie war alles kaputt, Kreuzband, Menisken.

"Es ist ein kleines Wunder", sagt Bundestrainer Ulrich Knapp, "dass sie wieder so auf die Beine gekommen ist".

In Florida kam die Wende

Zunächst sah es nicht danach aus. Die attraktive junge Frau hatte ihr Sportprogramm heruntergefahren. Wurde angesprochen, ob sie Lust habe zu modeln. Sie hatte, trat kurz darauf bei der Fashion Week in Berlin auf.

Sie experimentierte viel, erwarb nebenbei die Lizenz zum Personal Trainer. Mit 20 Jahren zog Wester nach Florida, wo sie in Miami Sportwissenschaft studierte. Doch obwohl sie der Aufenthalt dort sportlich nicht voranbrachte, nahm sie ausgerechnet im Sonnenstaat den entscheidenden neuen Anlauf.

Täglich schrieb sie sich WhatsApp mit Knapp, der sie quasi per Handy betreute. Sie wollte es noch einmal professionell angehen. Der Bundestrainer beschaffte ihr auch die Möglichkeit, per Sonderantrag an den Deutschen Meisterschaften teilzunehmen.

Sie schaffte die Qualifikationsweite eine Woche vorher, im Endkampf erreichte sie 6,59 Meter. Dann folgte, so sieht es die Athletin selbst, "die beste der vielen Entscheidungen, die ich im vergangenen Jahr getroffen habe".

Wechsel zu Weltmeister Friedek war die beste Entscheidung

Sie wechselte vom USC Mainz zum ASV Köln zu Trainer Charles Friedek, dem Dreisprung-Weltmeister von 1999. Er gab ihr Freiheiten im Krafttraining, die sie offensiv einforderte. "Am Anfang war ich skeptisch. Sie sagte mir, sie sei ein Typ mit relativ hoher Grundkraft."

Doch dann sagte er sich: "Was kann es Besseres geben als eine Athletin, die sich selbst Gedanken macht?" Zumal ihre Ideen gut und innovativ waren. Er verbesserte stattdessen viele Kleinigkeiten an ihrer Technik.

Das Ergebnis zeigte sich in diesem Winter. In Düsseldorf. In Berlin. In riesigen Sprüngen. Beim Istaf hat sie sich für die Hallen-WM in Portland/Oregon vom 17. bis 20. März qualifiziert. "Sie will unbedingt hin", sagt Friedek, "sie ist ein Wettkampftyp. Gegen die Besten zu springen, spornt sie an."

Alexandra Wester scheint genau die richtige Mischung zu sein. Die Tochter eines Deutschen und einer Ghanaerin wuchs in der Pfalz auf. Ihre Großeltern hatten eine Weitsprunggrube im Garten, wo sie erste Versuche unternahm.

Die Frau mit dem Bauchnabel-Piercing ist selbstbewusst, aber zugleich herrlich normal. Nach ihrem Sieg in Berlin absolvierte sie wie ein junger Hüpfer ein Tänzchen mit Freundin Maryse Luzolo. Als sie später fürs Interview zu den Journalisten geführt wurde, stoppte sie kurz ab und fragte: "Oh Gott, warten die alle auf mich? Was soll ich denen denn erzählen?"

Für ihre gute Form lässt sie auch das Modeln ruhen

Ihr ist dann doch genug eingefallen, etwa, dass sie noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten ist. Wie auch, im März wird sie 22. "Alexandra", sagt Friedek, "ist ein sehr fokussierter Typ mit großen Zielen. Und dem Potenzial, diese zu erreichen. Sie ist ein außergewöhnliches Talent."

Dem Ziel Rio wird alles untergeordnet, gemodelt hat sie zum letzten Mal im vergangenen Herbst für Adidas. "Ich will meinen Trainingszustand nicht gefährden für sowas", sagt sie, "der ist viel wichtiger."

Knapp sieht sogar noch mehr in Alexandra Wester als eine gute Athletin. "Sie ist leistungsstark, und man hat in Berlin gesehen, wie sie mit dem Publikum agieren kann. Sie kann absolut zu einem Gesicht werden für die deutsche Leichtathletik."

Die Sportart war ja zuletzt durch die Doping-Geschichten aus Russland, Kenia und dem Weltverband in Verruf geraten. "Sportlerinnen wie Alexandra", sagt Knapp, "sind genau das, was wir brauchen."

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