Olympia-Serie Hockey-Bundestrainer Mülders denkt vier Schritte voraus

Als Spieler wurde Jamilon Mülders Weltmeister. Seit 2012 ist er Bundestrainer der deutschen Hockey-Frauen und mit der Mannschaft bereits für Rio qualifiziert

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Als Spieler wurde Jamilon Mülders Weltmeister. Seit 2012 ist er Bundestrainer der deutschen Hockey-Frauen und mit der Mannschaft bereits für Rio qualifiziert

Hockey-Weltmeister Jamilon Mülders führt die Frauen als Bundestrainer nach Rio. Die Unterschiede zwischen Athlet und Coach sind groß.

Kuala Lumpur, 9. März 2002. Im WM-Finale besiegt die deutsche Auswahl Australien mit 2:1, danach brechen im Malaysia National Hockey Stadium alle Dämme. Ausgelassen feiern die Spieler von Bundestrainer Bernhard Peters den Titel. Mittendrin in der Jubeltraube: Jamilon Mülders.

Rio de Janeiro, 19. August 2016. Im Deodoro Olympic Park steigt das olympische Finale der Frauen. Und wenn es perfekt, ja, wenn wirklich alles perfekt läuft, könnte er wieder mittendrin sein. Auf jeden Fall aber ist Jamilon Mülders (39) in Brasilien mit dabei.

Ein Platz zwischen fünf und acht soll es werden. Und schön wäre es natürlich, den Niederländerinnen im Viertelfinale aus dem Weg zu gehen, dann ist einiges möglich. Aber so ein Turnier ist kein Wunschkonzert. In Rio gucken alle wieder genau auf den Kunstrasen, Hockey ist bei Olympischen Spielen die erfolgreichste deutsche Mannschaftssportart. "Der Druck ist immer da, ohne Ergebnisse gibt es bei der Förderung kein Geld", weiß der im Berliner Speckgürtel lebende Mülders.

Die Mannschaft ist bereits für die Spiele in Rio qualifiziert

Das mit dem Druck kennt Mülders zu gut, gefühlt eigentlich schon immer. In Düsseldorf geboren, wurde er mit dem Crefelder HTC zweimal deutscher Jugendmeister, 1991 kam die Berufung in die Junioren-Nationalmannschaft (U16), vier Jahre später debütierte er im A-Kader.

42 Länderspiele wurden es insgesamt, die Krönung der internationalen Karriere war der WM-Titel in Malaysia. Zu den Olympischen Spielen hingegen hat Mülders es als Aktiver nie geschafft, das holt er jetzt als Bundestrainer nach. Die deutschen Hockey-Frauen haben ihr Ticket für Rio seit vergangenem Sommer in der Tasche.

Die Erinnerung an die triumphale Nacht von Kuala Lumpur ist noch frisch. An die hohe Luftfeuchtigkeit von weit über 90 Prozent auch. In Rio sind für August 2016 nur vier Regentage vorausgesagt. Und dann sind da noch diese extremen Kontraste in der Bevölkerung. "Ein total spannendes, aber zur damaligen Zeit schon hochexpolsives Gemisch gab es in Kuala Lumpur", erinnert sich Mülders. "Damals saßen auf den Tribünen noch Leute im Osama-Bin-Laden-Shirt. Das fanden wir nicht witzig, aber wir waren ja ein bisschen unbedarft. Die Welt war damals noch eine andere", sagt Mülders.

Die Nähe zur Bevölkerung wird in Brasilien begrenzt sein

Sehr arm und sehr reich, Gegensätze wie in Malaysia erwartet Mülders im Sommer auch in Rio. Der größte Unterschied zur WM wird sein, dass er womöglich gar nicht so sehr viel davon mitbekommt. "Bei der WM waren wir im Hotel in der Stadtmitte, haben die Hockeyverrücktheit der Leute hautnah mitbekommen." In Rio wird alles anders. "Wir wohnen im olympischen Dorf. Das ist ein Mikrokosmos", sagt Mülders und ahnt, dass die Nähe zur Bevölkerung sehr begrenzt sein wird. "Die Frage wird sein, wie viel wir von Rio de Janeiro tatsächlich mitbekommen werden, das ist aufgrund der Sicherheitslage jetzt noch völlig unklar."

Olympische Luft hat Mülders freilich schon geschnuppert. Bei den Sommerspielen 2012 in London, dort war er als Junioren-Bundestrainer. "Da standen Luftabschussraketen auf den Dächern", erinnert sich Mülders an die "traumhaften Spiele. Zehn Tage habe ich mich absolut sicher gefühlt". Nach den Spielen, bei denen die Frauen mit Rang sieben enttäuschend abgeschnitten haben, übernahm er die Nationalmannschaft dann als Cheftrainer.

Der Berliner profitiert davon, dass er als Spieler Weltmeister war

Mülders profitiert stark davon, dass er als Spieler auf Spitzeniveau agiert hat. Das fließt heute noch in seine Arbeit mit ein. Er kennt sich auf beiden Seiten bestens aus, und die Unterschiede sind groß. "Du hast als Trainer ganz andere Gedankengänge. Ich denke immer drei, vier Schritte voraus."

Um die 18 Spielerinnen hat Mülders, dazu neun Mitarbeiter im Betreuerstab. "Bei mir läuft alles zusammen. Es gibt bei einem großen Turnier eine nur sehr begrenzte Anzahl an Auszeiten, die ich mir als Trainer nehmen kann. Als Spieler kann man sich auch mal rausnehmen. Das sind zwei unterschiedliche Welten." Mülders lässt seinen Spielerinnen auch Ruhephasen. "Es geht nicht darum, sie in Watte zu packen, sondern darum, auf der sozialen Beziehungsebene einen Zugang zu finden", sagt er.

Die Kommunikation hat sich auch wegen der Smartphones stark verändert

Den Trainerjob eines Bernhard Peters von damals und seinen Job heute, sagt Mülders, könne man kaum noch vergleichen. Und das, obwohl Peters ein akribischer Arbeiter, exzellenter Taktiker und Meister seines Fachs war. "Die Komplexität des Jobs ist heutzutage um ein Vielfaches höher", sagt Mülders. Immerhin war Peters, der jetzt als Sportdirektor beim Fußball-Bundesligisten Hamburger SV arbeitet, mit seinen analytischen Methoden seiner Zeit voraus. Aber Mülders stellt klar: "Der Trainer von damals würde heute untergehen."

Natürlich hätte sich ein Bernhard Peters angepasst und entwickelt. Aber grundsätzlich seien die Jobs nicht mehr vergleichbar. "Die Komplexität ist unfassbar, das Welthockey ist so schnell in der Sache geworden, die finanziellen Anforderungen werden immer höher, ebenso die Engpässe. Und die Arbeit mit Medien wie Videos steckte ja zur WM 2002 noch in den Kinderschuhen, heute befinden wir uns in der Hochleistungsphase."

Der moderne Athlet fordert heute ein Mitspracherecht ein

Hinzu kommt, dass der Athlet sich sehr gewandelt hat. "Die Aktiven haben heute eine sehr hohe Selbstständigkeit. Die Anforderungen haben sich aber auch völlig verändert, wie zum Beispiel beim universitären System mit Bachelor und Master. Die meisten meiner Spielerinnen studieren und müssen die Grundlage für ihr späteres Berufsleben legen", erklärt Mülders. Der Typ des diktatorischen Trainers würde heute nicht mehr funktionieren. "Die Athleten fordern jetzt ein Mitspracherecht ein." Zudem hat sich die Kommunikation – auch durch die Smartphones – verändert. "Früher konntest du mal abtauchen, heute ist das schon schwer."

Die nötige Ruhe findet Mülders bei seiner Familie. Er kennt keine geregelten Arbeitszeiten, sein Job erstreckt sich über sieben Tage, 24 Stunden lang. Zu Hause sitzt Mülders oft vor dem Laptop, schreibt Trainingspläne, analysiert Videos, hält Telefonkonferenzen ab. Mülders sagt: "Wenn ich Glück habe, habe ich bis zum Abflug nach Rio noch zehn Tage frei."

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