Hockey

Was Deutschland von Indien lernen kann

Moritz Fürste und Martin Häner sind Olympiasieger und für Rio 2016 qualifiziert. Trotzdem sorgen sie sich um ihren Sport. Warum nur?

Die Hockey-Olympiasieger Martin Häner (l.) und Moritz Fürste urlauben derzeit mit anderen Medaillengewinnern in der Türkei

Die Hockey-Olympiasieger Martin Häner (l.) und Moritz Fürste urlauben derzeit mit anderen Medaillengewinnern in der Türkei

Foto: Frank May / picture alliance / Frank May

Belek.  Im Robinson Club Nobilis in der Türkei küren in dieser Woche rund 80 deutsche Topathleten ihren "Champion des Jahres". Eingeladen von der Stiftung Deutsche Sporthilfe sind auch die Hockeyspieler, die sich als World-League-Sieger bereits für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro qualifiziert haben. Der Berliner Martin Häner, 27, und der Hamburger Moritz Fürste, 30, die 2012 gemeinsam Olympiagold gewannen, sprachen über ihre Chancen und Probleme ihres Sports.

Berliner Morgenpost: Demnächst startet wieder die India Hockey League. Spieler aus aller Welt konnten sich bewerben und wurden von den sechs Vereinen ersteigert. Bei Moritz Fürste fiel der Hammer bei 105.000 Dollar Gehalt, er ist aktuell der teuerste Hockeyspieler der Welt. Sind Sie ein bisschen neidisch, Herr Häner?

Martin Häner: Nein, ich hätte mich ja selbst bewerben können. Ich freue mich, dass da vier deutsche Spieler hingehen und solche Summen bekommen. Sie sollen so viel verdienen wie möglich und eine schöne Zeit haben.

Wie passt das zusammen: Hockey und eine solche Gage für nur einen Monat?

Moritz Fürste: Gar nicht. Das ist eine abstrakte Situation, diese Liga hat eine enorme Medienpräsenz in Indien und deshalb auch einen viel höheren Wert. Das kann man nicht mit Deutschland vergleichen. Natürlich ist das unheimlich viel Geld auf einen Schlag, rechne ich es aber hoch auf zwölf Jahre internationale Karriere, dann wird es schon überschaubar.

Was erwartet Sie noch in Indien außer dieser spektakulären Entlohnung?

Fürste: Ich war ja schon zweimal dort und auch häufig mit der Nationalmannschaft in Indien. Beim ersten Mal war alles spektakulär, aber jetzt ist es das nicht mehr. Die Aufregung ist weg. Das ist jetzt mehr ein Job.

Warum gehen Sie nicht nach Indien, Herr Häner?

Häner: Klar ist das verlockend, allein schon, um zu sehen: Was bin ich denn wert für andere? Aber es hat vom Zeitpunkt her nie gepasst. Wegen Studium, Bundesliga, Nationalmannschaft.

Woher kommen die anderen Spieler?

Fürste: Ganz viele Australier, eigentlich Spieler von überall. Nur die besten Belgier und Holländer sind nicht dabei – ihre Nationaltrainer haben es untersagt im Hinblick auf Rio.

Wie steht es um die Entwicklung des Hockeys in Deutschland? Geht es vorwärts?

Häner: Es ist die Frage, ob man das am Geld festmachen will oder am Drumherum. Mein Gefühl ist, dass das Interesse an der Bundesliga nachgelassen hat. Die Spiele sind nicht gut besucht. Klar, es gibt jetzt schon ein paar mehr Vereine in Hamburg, Köln oder Mannheim, die Geld für Spieler ausgeben. Aber das ist nicht mit Indien vergleichbar, das reicht zum Leben, aber nicht, um etwas beiseite zu legen. Es ist auch nicht vergleichbar mit Handball, Eishockey, Basketball.
Fürste: Ich sehe es noch drastischer: Die Zuschauerzahlen haben sich wahnsinnig verschlechtert. Bei meinem Klub Uhlenhorster HC sind die Zahlen von 600 bis 700 im Schnitt vor fünf Jahren auf jetzt 200 gesunken. Das Produkt Bundesliga hat einfach nicht die Strahlkraft, es scheint nicht spannend zu sein.

Wie kommt das? Das Regelwerk wurde im Vergleich zu früher vereinfacht. Das Spiel ist schneller geworden, es fallen massenhaft Tore. Und immerhin spielen in der Liga auch die besten Spieler der Welt.

Fürste: Die Sportart tut wirklich viel, aber offensichtlich ist noch nicht das richtige Rädchen gefunden worden. Die besten Deutschen reichen als Magnet anscheinend nicht. Da fehlen andere Ansätze, wo wir weit hinterher hängen. Die Vereine sind in puncto Vermarktung nicht professionell genug aufgestellt. Auch die Verbände nicht. Die Klubs können sich gar nicht leisten, jemanden anzustellen, der nur für Marketing zuständig wäre. Das läuft so nebenher mit.

Was braucht Hockey denn: Cheerleader?

Häner: Klar, man sieht so etwas ja in anderen Sportarten. Ob man in Berlin zu den Füchsen geht oder zu den BR Volleys – das ist ein Event. Es ist schwierig, das auf Hockey zu übertragen. Man müsste erst mal viel Geld investieren, um es etwas attraktiver zu bekommen. Es gibt aber nicht den externen Sponsor, der fünf Jahre investiert, ohne gleich Rückflüsse zu erwarten.

Wie ist das zum Beispiel in Holland, wo ordentlich Geld gezahlt wird?

Fürste: Es gibt da einen wesentlichen Unterschied. In Deutschland leben 80 Millionen Menschen und 80.000 Hockeyspieler. In Holland leben 16 Millionen, davon spielen 245.000 Hockey. Der Sinn für ein Unternehmen, dort zu investieren, ist logischerweise viel größer. Du erreichst etwa als Rabobank (Hauptsponsor des Verbandes, d.Red.) einen viel höheren Teil deiner Zielgruppe. Dort sprechen wir auch von 2500 Zuschauern im Schnitt, in Rotterdam kommen auch mal 5000 zu Spitzenspielen. Die Topklubs haben Millionen-Etats. In Deutschland bräuchte man pro Klub vielleicht 250.000 Euro, um mal loslegen, etwas anschieben zu können. Aber das ist momentan reine Utopie.

Glauben Sie, dass es mal eine professionelle Liga gibt wie im Volleyball, Basketball...

Häner: Ich glaube gar nicht, dass der Wille da ist. Im Handball und Basketball gibt es ja auch Probleme, weil die deutschen Spieler nicht mehr die größte Rolle spielen. Weil viel Geld in der Top-Liga zu verdienen ist, schaffen junge Deutsche den Sprung kaum noch. Professionalisierung heißt nicht unbedingt, dass sich das positiv auf die Nationalteams auswirkt. Aber wer weiß, was in 20 Jahren passiert? Vielleicht gibt es mal ein Umdenken, dass auch anderer Sport außer Fußball attraktiv ist.
Fürste: Ich glaube genau wie Martin, dass das in Deutschland gar nicht so gewünscht wird. Viele Bundesligavereine fühlen sich in ihrer Nische wohl.

Der Berliner HC, immerhin Meister 2012, scheint da etwas den Anschluss zu verlieren. Viele Talente verlassen die Hauptstadt, kaum eines kommt nach Berlin.

Häner: Früher kamen ziemlich alle Jugend-Nationalspieler aus Berlin auch zum BHC. So konnten wir mithalten, ohne Spieler von anderswo zu holen. Heute bekommen auch 18-Jährige schon Angebote von außerhalb, eine Wohnung gestellt, ein Auto, etwas Geld. Ich finde es legitim, dass sie die Chance annehmen. Wir haben im Verein keinen Mäzen und nicht die Struktur. Wir leben von dem blau-roten Gefühl, BHCer zu sein. Ob das in die Zeit passt, weiß ich nicht. Auf lange Sicht kann man so sicher nicht die Bundesliga halten.

Bei aller Skepsis: In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Hockeyspieler in Deutschland trotzdem um 20.000 gestiegen. Wie passt das zusammen?

Fürste: Das eine hat mit dem anderen nicht unbedingt was zu tun. Hockey ist eine interessante Sportart und eine gute Alternative für Eltern, die ihre Kinder eben nicht zum Fußball oder Handball schicken möchten. Deswegen gehen viele Leute zum Hockey – nur nicht unbedingt zum Zuschauen. Den Prozess, den Martin gerade vom BHC geschildert hat, haben wir bei uns im Klub auch gehabt. Bis vor sechs Jahren wurde beim UHC kein Cent gezahlt. Inzwischen hat sich ein Kreis an Leuten gefunden, die eine beträchtliche Summe zur Verfügung stellen. Den einen oder anderen Kaderspieler können wir so immerhin zu uns holen.

Obwohl andere Länder professioneller aufgestellt zu sein scheinen, wird Deutschland gern mal Olympiasieger, wie 2008 und 2012. Auch 2016?

Häner: Wir gehören zu den Topfavoriten. Aber die Weltspitze ist größer geworden mit Holländern, Belgiern, England, Australien. Die anderen holen eben auf.

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