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13.02.12

Kolumne "Nachspielzeit"

Das Schweizer Genie erfindet den Zauberer Hanke

Was vom 21. Spieltag übrig bleibt: Mönchengladbachs Verwandlung erreicht einen vorläufigen Höhepunkt. Aus Mike Hanke formte Trainer Favre einen neuen Spieler.

dpa/DPA

Mönchengladbach und Schalke kämpften im direkten Duell um Platz drei.

18 Bilder

Es war ein Tor für den nächsten Bundesliga-Imagefilm, dieses 2:0 für Mönchengladbach gegen Schalke 04 . Dieser außergewöhnliche Spielzug bewies exemplarisch, weshalb das Team von Trainer Lucien Favre nach der Rettung vor dem Abstieg in die zweite Liga im vergangenen Sommer nur ein Dreivierteljahr später erster Verfolger von Titelverteidiger Borussia Dortmund und Rekordmeister Bayern München ist. 

Während die Tore von Marco Reus (2.) und Juan Arango (32.) herausragende Einzelleistungen waren, entsprang Mike Hankes Treffer in der 15. Minute der exzellenten Raumaufteilung, der aufmerksamen Defensivarbeit und den einfach-genialen Spielzügen der Gladbacher Mannschaft am Strafraum des Gegners.

Schlenzer aus perfekter Position

Linksverteidiger und Kapitän Filip Daems erkämpfte eine zu lang geschlagene Flanke von der rechten Seite an der linken Schalker Eckfahne. Anschließend verschaffte sich Mike Hanke durch einen Doppelpass mit Patrick Herrmann Handlungsspielraum vor dem gegnerischen Tor und entschied sich für den nächsten Doppelpass - diesmal mit Juan Arango -, um aus perfekter Schussposition den Ball an Schalke-Keeper Lars Unnerstall ins Tor zu schlenzen. 

Nach dem herausragenden 3:0 (3:0)-Sieg gegen den Tabellennachbarn gestand Gladbachs Sportchef Max Eberl ein: "Wir haben Blut geleckt und stehen völlig berechtigt in diesen Bereichen. Jeder, der eins und eins zusammenzählt, darf träumen." 

Von der Meisterschaft. Vom Pokalsieg. Vom ersten Double der Vereinsgeschichte. Nur ein Jahr, nachdem Favre das damals abgeschlagene Bundesliga-Schlusslicht am 14. Februar 2011 übernommen hatte. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer sagenhaften Verwandlung einer Mannschaft, die personell unverändert nach dem Existenzkampf bereit ist für die Titeljagd. 

Langsam, unbeständig, limitiert, ungefährlich

Die außergewöhnlichste Metamorphose hat dabei Mike Hanke vollzogen. Im Winter 2011 war der 28-Jährige aus Hannover geflüchtet, wo er es in dreieinhalb Jahren nicht schaffte, seine Ablöse von 4,4 Millionen Euro zu rechtfertigen. 

Unter Trainer Mirko Slomka kam Hanke in einer Halbserie nur noch auf sieben Einsätze als Einwechselspieler. Einmal musste er sogar in der Regionalliga Nord gegen Türkiyemspor Spielpraxis sammeln. Gladbach war Hankes letzte Chance in der Bundesliga. Er galt als zu langsam, zu unbeständig, zu limitiert, zu ungefährlich als Stoßstürmer. 

Aus einer anderen Zeit die Erinnerungen an den Schalker Rekordtorschützen (13 Einsätze, neun Tore) im Europapokal. An sein Tor 2004 von der Mittellinie für Königsblau gegen Leverkusens Torwart Hans Jörg Butt, der sich zu ausgiebig über einen verwandelten Strafstoß gefreut hatte. An seine Flucht vor Kevin Kuranyi (O-Ton Hanke: "Die Millionen kann sich Schalke sparen. Wir brauchen keinen Kuranyi, weil wir einen Hanke haben.") nach Wolfsburg 2005.

An seine Nominierung anstelle Kuranyis in den Kader für die WM 2006, obwohl Hanke wegen eines Platzverweises beim Confederations-Cup für die ersten beiden Gruppenspiele gesperrt war. An seine Einwechslung im Spiel um Platz drei gegen Portugal. 

Der "Unabsteigbare" wird zur "Neuneinhalb"

In Mönchengladbach half der Ex-Nationalspieler (12 Einsätze, ein Tor) in der aussichtslosen Lage vor zwölf Monaten zu allererst mit seinem unerschütterlichen Optimismus. Die Tiefpunkte seiner Karriere haben Hanke eine besondere Gelassenheit verschafft.

Vor dem Klassenerhalt mit Gladbach rettete sich der "Unabsteigbare" mit seinen früheren Teams (Wolfsburg 2006, 2007) und Hannover (2010) schon drei Mal am letzten Bundesliga-Spieltag vor dem Absturz in die Zweite Liga.

Auf dem Spielfeld schuf Favre für den gelernten Stoßstürmer eine neue Position. Als "Neuneinhalb" spielt Hanke hinter der Sturmspitze, aber vor dem offensiven Mittelfeld. "Mike ist ein guter Fußballer und ein sehr intelligenter Spieler", sagte der Schweizer Fußball-Lehrer. Favre sei der erste Trainer, der "auch andere Qualitäten von mir zur Geltung bringen will", entgegnete Hanke. Er habe nie einer Mannschaft gespielt, in der alle Spieler so gut aufeinander eingestellt waren. 

Die Abwehrleistung des Tabellendritten ist die beste in Europa. Die Lauf- und Passwege sind defensiv wie offensiv nahezu perfekt einstudiert. Favre vertraut einem kleinen Kreis von nur 14 Spielern. Auch vom Verletzungspech verschont zu bleiben ist das große Gladbacher Glück in dieser Erfolgssaison.

Effenberg lobt den "Rumtreiber"

Hanke (6 Tore/9 Torvorlagen in seiner Gladbacher Zeit) steht in Favres Spielidee verlässlich als Anspielstation in der gegnerischen Hälfte zur Verfügung, strukturiert das Kombinationsspiel und zeichnet sich als Vorbereiter aus. Er erschließt  anderen Freiräume, geht weite Wege. "Sky"-Experte Stefan Effenberg nennt ihn einen "Rumtreiber im positiven Sinne".

"Wir haben ihn auch geholt, weil wir von seiner fußballerischen Qualität überzeugt waren. Andere profitieren stark von ihm. Wir wussten, dass er richtig kicken kann", kommentierte Eberl die Neuerfindung des Mike Hanke. 

Eine Konstante in seiner Karriere bleibt dem zweifachen Familienvater, der an einer Rasenallergie leidet, auch nach den Umbrüchen des letzten Jahres erhalten. Nur in 71 seiner 226 Bundesliga-Spiele (48 Tore) stand Hanke die kompletten 90 Minuten auf dem Platz. In dieser Saison wechselte ihn Favre 17 Mal aus. So wie am Samstag gegen Schalke, als sich Hanke kurz vor Spielende seinen Extra-Applaus abholen durfte. 

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