Neuer Trainer gesucht
Englischer Verband provozierte Capellos Rücktritt
Auf der Insel rumort es: Vier Monate vor Beginn der Europameisterschaft steckt der englische Fußball vor der schwersten Krise seiner jüngeren Geschichte.
Von Thomas Kielinger
Hier finden das Eröffnungsspiel Polen gegen Griechenland sowie ein Viertelfinale und ein Halbfinale statt.
Nur die Wortspielkünstler der "Sun" schaffen solche Schlagzeilen: "Arryvederci" jubelte das Blatt am Donnerstag. Der italienische Teil des Wortes verabschiedete schmucklos den Italiener Fabio Capello . England muss sich nach dessen Rücktritt einen neuen Nationaltrainer suchen.
Am Mittwochabend hatte der nach einem Gespräch mit der Football Assocation (FA) die Brocken entnervt hingeschmissen. Doch mit der ersten Silbe "’arry", hat die Zeitung ihre Präferenz für den Capello-Nachfolger angemeldet – für Harry Redknapp, im Moment noch Trainer der Tottenham Hotspur.
Redknapp spricht Cockney, das Englisch der Londoner Plebs aus dem Ostteil der Stadt, und dort unterdrücken sie das "H" gern vor einem folgenden Vokal, namentlich dem "a". Redknapp, ein wachechter Cockney, gilt als glänzender Kommunikator, vor allem bei seiner Mannschaft, die er als Trainer in dieser Saison in der Premier League zu ihrer stärksten Leistung seit langem motiviert hat. Wir wollen Redknapp, tönt es auf allen Kanälen, wir wollen ihn als Manager der englischen Nationalmannschaft.
Die aber steht vier Monate vor Beginn der Europameisterschaft vor der schwersten Krise ihrer jüngeren Geschichte. Sie ist ohne Trainer und ohne Kapitän, denn ihr bisheriger, John Terry, verlor vor zehn Tagen die Binde des Spielführers .
Der FA-Vorstand hatte diese Entscheidung ohne Gegenstimme gefällt, aber erst danach Capello von dem Schritt informiert. Dieser zeigte sich am Sonntag in einem Interview des italienischen Fernsehsenders Rai empört, dass ihm sein Kapitän so einfach genommen wurde. Damit nahm das Unheil seinen Lauf, wie nicht anders zu erwarten, wenn Verband und Nationaltrainer im Clinch liegen.
Terry, Kapitän des FC Chelsea, steht unter Anklage , im Oktober 2011 einen farbigen Spieler von Queens Park Rangers einen "fucking black cunt" genannt zu haben, eine kaum übersetzbare Verunglimpfung.
Anton Ferdinand, der so beschimpfte Bruder des bei Manchester United spielenden Rio Ferdinand, erstattete Anzeige wegen rassistischer Pöbelei. Terry aber bestreitet alles, und Capello, treu dem Grundsatz, dass niemand schuldig ist, solange nicht das Gegenteil feststeht, hielt entsprechend an seinem Spielführer fest.
Pech, dass die Gerichte bisher den Fall nicht aufgegriffen haben, wie alle gehofft hatten. In der vergangen Woche entschied die Anklagebehörde auf einen Gerichtstermin am 9. Juli – dem Montag nach dem Endspiel um die EM! Das zwang die FA-Oberen zum Handeln. Zwar ist noch nichts bewiesen – aber kann ein angeklagter Mannschaftskapitän in seiner Rolle belassen werden?
Das ging nicht, so der Konsens. Vor allem bei einem so heiklen Thema wie Rassismus. Erst im November 2011 hatte der beim FC Liverpool spielende Uruguayer Luis Suarez eine Sperre von acht Spielen erhalten, weil er während einer Ligapartie gegen Manchester United den gebürtigen Senegalesen Patrice Evra mehrmals als "Nigger" beschimpft hatte.
Der Fußballverband verzeichnet mit Sorge eine Zunahme solcher Vorfälle, auf dem Rasen wie auch auf den Zuschauerrängen. Dem will die FA mit äußerster Härte entgegen treten. Das hat Capello nicht verstanden.
Das Risiko, ihren Nationaltrainer zu verlieren, gingen die Oberen gern ein. Der Italiener war in den vier Jahren als Verantwortlicher nie warm geworden auf der Insel, das Aus der englischen Mannschaft vor zwei Jahren in Südafrika während der Weltmeisterschaft war fast auch schon sein Aus.
Des Englischen kaum mächtig – "lost in translation", wie Verteidiger Rio Ferdinand am Donnerstag twitterte – fehlte ihm die wichtigste Vorraussetzung zum Verständnis des "English game" und seiner Spieler.
Jetzt sucht der FA-Vorstand mit Hochdruck einen Nachfolger, vorzugsweise "einen Engländer oder Briten", wie Chairman David Bernstein ankündigte. Das Testspiel Ende Februar gegen die Niederlande soll vorerst Nachwuchstrainer Stuart Pearce leiten.
Von teuer eingekauften ausländischen Startrainern wie Capello mit seinen rund sieben Millionen Euro Jahresgehalt und der fälligen Abfindung von 1,5 Millionen haben sie fürs Erste genug.
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