Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
09.02.12

Cas-Urteil

Jan Ullrich hat seinen Ruf nachhaltig ramponiert

Er war einer der erfolgreichsten deutschen Sportler und der beliebteste auf dem Rad – auch weil er Makel hatte. Aber zu einem Vorbild taugt Jan Ullrich nicht.

Getty Images/Getty

Der Radprofi aus Rostock gewann...

10 Bilder

Nun ist es also endlich gefallen, das Urteil des Obersten Sportgerichtshofs . Jan Ullrich hat gedopt, sind die Cas-Richter überzeugt, und bestätigen damit offiziell doch nur, was spätestens seit dem – glimpflich ausgegangenen – Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in Bonn offenkundig war.

Dass sie Deutschlands erfolgreichsten und ehedem populärsten Radprofi lediglich zu zwei Jahren und nicht zu einer lebenslangen Wettkampfssperre verurteilten, spielt dabei bloß eine untergeordnete Rolle. Ebenso wie der Verlust von Platzierungen wie dem dritten Tour-Rang 2005 oder dem Titel "Gewinner der Tour de Suisse 2006".

Im Laufe der Zeit verheddert

Eine unsäglich lange juristische Hängepartie hat damit nun endlich ein Ende gefunden. Begonnen hatte die Ullrich-Saga ja am 30. Juni 2006 mit der Suspendierung aus dem T-Mobile-Team einen Tag vor dem Start der Tour de France. Man darf dem inzwischen 38 Jahre alten Rad-Pensionär abnehmen, dass er erleichtert ist und sich am Beginn eines neuen Lebensabschnitts wähnt. Nur: das hätte er auch früher haben können.

Anstatt frühzeitig reinen Tisch zu machen, Fehler offen einzugestehen und sich zu erklären, hat Ullrich sich von Beginn an hinter dem – angesichts seines chronisch verseuchten Berufsumfelds sogar nachvollziehbaren – Mantra "Ich habe nie jemanden betrogen" verschanzt.

Im Laufe der Zeit verhedderte er sich mehr und mehr im Gestrüpp juristischer Auseinandersetzungen, aus dem es schon sehr früh keinen Rückweg mehr zu geben schien aus seiner Sicht. Dass die Cas-Richter verwundert feststellten, Ullrich habe im Kern formaljuristische Argumente zu seiner Verteidigung vorgebracht anstatt sich konkret gegen Dopingvorwürfe zu äußern , spricht für sich.

Ullrich hat letztlich die Chance auf rasche Rehabilitierung in der Öffentlichkeit vertan. Schlecht beraten von diversen Einflüsterern und Advokaten in seinem Umfeld und in dem naiven Glauben, nichts Unrechtes getan oder nur ein Kavaliersdelikt begangen zu haben, ramponierte er seinen Ruf zu nachhaltig, als dass er je vollständig zu reparieren wäre.

Dies ist die Tragik, die dem Fall Jan Ullrich (s) innewohnt, einem der sympathischsten Sportler in Deutschland, der gerade deshalb so beliebt war, weil er kein Seriensieger gewesen ist, kein kühler Roboter, sondern ein Mensch mit Makeln, der auch in der Niederlage auf dem Rad Größe zeigte.

In einer Parallelwelt

Ullrich ist, das sollte niemand bei der Beurteilung seiner Vita vergessen, auch Opfer eines Systems geworden. Als der als "Jahrhunderttalent" gefeierte Junge aus Rostock nach der Wende in die Parallelwelt Straßenprofiradsport ein- und dort kometenhaft emporstieg, lautete die unausgesprochene Maxime in Sachen Doping im Kern: Nimm und spritz – oder hechel’ hinterher! Sich gegen das System zu stellen, kam Ullrich damals wohl nie in den Sinn. Doch wie sehr taugt das zur Exkulpation?

Als Bauernopfer muss sich der Toursieger von 1997 deshalb fühlen, weil andere Branchengrößen wie der Italiener Ivan Basso nach wachsweichen Geständnissen in der Dopingaffäre Fuentes längst wieder mitradeln und prächtig mitverdienen im Heer der Profis. Mit dem Kapitel Berufsradsport hat Jan Ullrich abgeschlossen, sagt er, und man glaubt es ihm gern.

Kein Vorbild

Behutsam scheint nun seine Resozialisierung in der Öffentlichkeit voranzuschreiten. Tatsächlich ist es glaubhaft, wenn er wie Mittwoch auf einem Sponsorentermin behauptet: "Die Leute wollen mich live auf dem Rad sehen. Die freuen sich." Sympathien genießt Ullrich landesweit noch immer viele, wiewohl sich die Geister an ihm und seiner Sportlervita scheiden.

Es ist Ullrich zu wünschen, dass er, unterstützt glücklicherweise von seiner Familie, seinen Frieden macht mit der Vergangenheit. Einen bedeutenden Beitrag zur dringend notwendigen Selbstreinigung des Radsports sollte aber niemand von ihm erwarten. Und als Vorbild taugt er – bislang – nur bedingt.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Wendig: Dieses autonome Auto deutscher Forscher ("EO") parkt selbsttätig ein und dreht dabei seine Räder um 90 Grad
Die Geisterautos sind da

Diese Autos kommen ohne Fahrer aus

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote