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26.01.12

Handball

Wenn ein Bundestrainer sich "richtig sch***" fühlt

Der DHB sucht Wege aus der Krise. Aber für große Einschnitte nach dem Aus bei der EM fehlt das Personal. Und Martin Heuberger soll Bundestrainer bleiben.

dpa/DPA

... verlor zum Auftakt gegen Außenseiter Tschechien.

7 Bilder

Das Wetter beim Abschied aus Belgrad passte zur Stimmung der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Heftiger Schneefall hatte die serbische Hauptstadt in den Morgenstunden zum Teil lahmgelegt, die in der Nacht umgebuchten Rückflüge nach München, Stuttgart, Frankfurt und Berlin verzögerten sich am Mittag.

Ursprünglich war die Heimreise erst für den kommenden Montag geplant, doch zunächst hatte die Niederlage gegen Polen im letzten Hauptrundenspiel den Einzug ins Halbfinale gekostet, dann brachten die Ergebnisse der Konkurrenz die Deutschen auch noch um den letzten freien Platz in den drei olympischen Ausscheidungsturnieren im April.

Den spielen am Freitag in Belgrad die Gruppendritten der beiden Hauptrunden aus, Slowenien und Mazedonien. Spanien gegen Dänemark und Serbien gegen Kroatien bestreiten danach die Halbfinalpartien. Im Gesamtklassement der Europameisterschaft belegte das Team von Bundestrainer Martin Heuberger Platz sieben, drei Ränge besser als bei den kontinentalen Titelkämpfen vor zwei Jahren in Österreich.

Zwei Matchbälle vergeben

Das als Fortschritt anzusehen fiel allen Beteiligten am Tag nach dem vorzeitigen EM-Aus schwer, obwohl Resultat und Auftreten die zuvor bescheidenen Erwartungen eher übertroffen hatten. Nach dem anfangs glücklichen Turnierverlauf hätte es schon das Halbfinale sein sollen.

Dass die Mannschaft gegen Dänemark (26:28) und gegen Polen (32:33) gleich zwei Matchbälle im Kampf um den Einzug in die Runde der letzten vier Teams vergeben hatte, machte die Analyse nicht leichter. Pech, Unvermögen, Schiedsrichter, Nerven – eine Mischung aus diesen Faktoren mag eine Rolle gespielt haben, sagte Mannschaftsführer Pascal Hens. Der Hamburger dürfte gegen Polen sein letztes wichtiges Länderspiel bestritten haben.

Dass der Deutsche Handballbund (DHB) seinem Weltmeister von 2007 als Dank für dessen Verdienste noch den 200. Einsatz im Nationaltrikot gönnt, ist nicht auszuschließen – Hens war in Serbien trotz aller sportlichen Rückschläge ein vorbildlicher Kapitän.

Während Hens (31) selbst an Abschied denkt, will der Bundestrainer seine Mission weiter verfolgen. "Ich fühle mich richtig scheiße. Dies ist einer der bittersten Momente in meiner Trainerlaufbahn", sagte er zwar. Aber: "Ich möchte, wenn der Verband mich lässt, eine Mannschaft aufbauen, die irgendwann wieder um den Titel spielt", sagte Heuberger (47).

Er wird ihn wohl lassen, mindestens bis zum Vertragende 2014. "Stand heute", sagte Horst Bredemeier, Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Handballbundes, "bleibt er unser Bundestrainer. An ihm lag es nicht." Heuberger habe mutig gecoacht, die Mannschaft auf jedes Spiel akribisch vorbereitet und sie hervorragend motiviert. Das sehen die Nationalspieler ähnlich.

"Der Bundestrainer hat einen ausgezeichneten Job gemacht", sagte Abwehrrecke Oliver Roggisch von den Rhein-Neckar Löwen. "Auch taktisch", ergänzte Vorgänger Heiner Brand, "hat Martin im Prinzip keine falschen Entscheidungen getroffen." Brand, inzwischen DHB-Manager, Bredemeier und Heuberger wollen in den nächsten Wochen die Leistungen bei der EM gemeinsam analysieren.

Heinevetter attackiert Verbandschef

Dann werden sie sich vermutlich auch mit Torhüter Silvio Heinevetter auseinandersetzen, der ein famoses Turnier gespielt hatte, nach dem Aus äußerst enttäuscht war und Donnerstagnachmittag hart mit Verbandschef Ulrich Strombach ins Gericht ging.

"Ahnung vom Handball hat der nicht, wenn wir ganz ehrlich sind", sagte Heinevetter. "Wenn man nicht ein einziges Hallo zur Mannschaft sagt und in den Medien erzählt, wir kommen ins Halbfinale, dann muss man sich überlegen, ob man nicht zu Hause bleibt als Präsident."

Strombach reagierte mit Unverständnis auf die Kritik. "Ich glaube nicht, dass ein Silvio Heinevetter beurteilen kann, ob ich Ahnung vom Handball habe", sagte der DHB-Präsident "Morgenpost Online". "Ich bin jetzt schon seit 15 Jahren dabei, und in dieser Zeit hat sich nie jemand über mein Verhalten zur Mannschaft beschwert."

Bei der EM in Serbien habe er der Mannschaft "bewusst jede Freizügigkeit" gelassen. "Ich bin auch nicht bereit, mich einem Silvio Heinevetter gegenüber zu rechtfertigen."

Programm zur Eliteförderung

Harte Worte, die die aktuellen Schwierigkeiten dokumentieren. Dabei ist die Erkenntnis, dass etwas schief läuft im deutschen Handball, nicht neu.

Brand hatte bereits als Bundestrainer nach dem WM-Sieg 2007 die Verantwortung der Vereine bei der Ausbildung junger Spieler gebetsmühlenartig angemahnt, als Manager wiederholt er seine Forderungen.

"Wir müssen unsere Begabtesten stärker fördern. Dazu gehören individuelle Übungseinheiten in den Bundesligaklubs, die in Abstimmung mit unseren Trainern geleistet werden sollten. Nachgewiesenermaßen sind in den vergangenen Jahren zu wenige Talente von unten nach oben gekommen. Ändern wir das nicht, wird sich nichts bessern", so Brand. "Das schaffen wir aber nur in enger Kooperation mit den Vereinen."

Mit einem Programm zur Eliteförderung will der DHB seine Talentschulung in Zukunft systematisieren. Brand arbeitet gerade an den Details.

Haaß bricht sich das Sprunggelenk

Ein Neuaufbau der Nationalmannschaft dürfte sich in den nächsten Jahren selbst bei gutem Willen aller Beteiligten schwierig gestalten. Bis auf Torhüter Johannes Bitter, Spielgestalter Michael Kraus (beide HSV Hamburg) und Rückraumschütze Christian Zeitz (THW Kiel) waren die derzeit Besten in Serbien.

Bitter und Zeitz wollen nicht mehr für Deutschland spielen, Kraus fehlte nach langer Verletzungspause die Form. Auf seiner Position mangelt es den Deutschen am meisten an Kreativität. Der Göppinger Michael Haaß gab bei der EM dennoch einen für viele überraschend guten Spielgestalter.

Im Spiel gegen Polen brach er sich drei Minuten vor Schluss das Sprunggelenk, als Krzysztof Lijewski, von Dominik Klein geschubst, unglücklich auf ihn fiel. Haaß muss am rechten Fuß operiert werden. Er wird erst in der nächsten Saison wieder Handball spielen können.

Suche nach Alternativen

Auf der Suche nach Alternativen fallen in diesen Tagen nur zwei Namen: Christian Dissinger und Hendrik Pekeler, beide 20 Jahre alt, beide unter Heuberger im vergangenen Jahr Junioren-Weltmeister.

Bezeichnend: Dissinger, ein Halblinker und damit potenzieller Hens-Ersatz, musste von Bundesligaabsteiger Friesenheim in die Schweiz zu den Kadetten Schaffhausen wechseln, um Einsatzzeiten zu erhalten, die ihm in Deutschland kein Erstligaklub garantieren wollte – wegen eines Kreuzbandrisses ist auch für ihn die Saison beendet.

Kreisläufer Pekeler wiederum bewährt sich beim Bundesligaaufsteiger Bergischer HC. Vom 1. Juli an hat ihn der TBV Lemgo unter Vertrag genommen.

Bob Hanning, Manager des Bundesligazweiten Füchse Berlin, warnt jedoch vor Schreckensszenarien. "Der deutsche Handball hat das Potenzial zum Olympiasieg", sagte der Vizepräsident der Handball-Bundesliga (HBL), "wir müssen es nur gemeinsam erschließen, der DHB, die Landesverbände und die Bundesliga."

Art und Weise macht Mut

Die Art und Weise, wie sich die Nationalmannschaft in Serbien präsentiert habe, sei ermutigend gewesen. "Gegen Polen haben uns in der Schlussphase auch einige Schiedsrichterentscheidungen um den Sieg gebracht. Das müssen wir so klar sagen."

Was jetzt zu tun sei, dafür hat Hanning "einige Ideen". Die wolle er zunächst intern diskutieren. "Zuletzt sind viele Entscheidungen getroffen worden, die in die richtige Richtung gehen. Wenn wir es weiter schaffen, Sachliches von Persönlichem zu trennen, sind wir auf einem guten Weg."

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