Gegen Polen
Deutsche Handballer werfen die EM weg
Der Medaillentraum endet mit einem unglücklichen 32:33 gegen Polen – und auch die Olympia-Teilnahme ist damit fast verspielt. Spieler und Trainer ringen nach der Niederlage um Fassung.
Von Rainer Grünberg
"London" hieß der Schlachtruf der deutschen Nationalmannschaft bei der Handball-Europameisterschaft in Serbien. Er verhallte ungehört. Zum ersten Mal wird in diesem Sommer wohl keine deutsche Handball-Mannschaft an Olympischen Spielen teilnehmen. Mit einer unglücklichen 32:33-(17:18-)Niederlage gegen Polen verabschiedete sich das Team von Bundestrainer Martin Heuberger nicht nur von den kontinentalen Titelkämpfen, sondern vermutlich auch von allen olympischen Ambitionen.
"Wir haben zwei Matchbälle nicht genutzt, um ins Halbfinale zu kommen, erst gegen Dänemark, jetzt gegen Polen. Das tut verdammt weh. Wir sind alle bitter enttäuscht", klagte der Flensburger Rückraumschütze Lars Kaufmann. Trainer Heuberger fand am Abend als Erster seine Fassung wieder: "Ich bin stolz auf diese Mannschaft. Sie hat nie aufgegeben und eine vorbildliche Einstellung gezeigt. Es ist traurig, dass wir jetzt mit leeren Händen dastehen", sagte er. "Das haben die Jungs nicht verdient, sie haben aufopferungsvoll gekämpft. Für diesen Kampf hätten sie wenigstens mit einem Punkt belohnt werden müssen."
Abwehr nicht aufmerksam genug
Im Gegensatz zu den ersten beiden Hauptrundenspielen gegen Schweden und Mazedonien waren die Polen konzentriert und aggressiv gestartet. Ihr Trainer Bogdan Wenta, ein ehemaliger polnischer wie deutscher Nationalspieler, hatte die Begegnung zum Charaktertest für sein Team ausgerufen. Das hatte offenbar Wirkung hinterlassen. Die deutsche Deckung, sonst das Prunkstück der Mannschaft, bekam die polnischen Angreifer nicht zu fassen, selbst nicht mit verbotenen Griffen ans Trikot. "Wir waren diesmal nicht spritzig genug", sagte Heuberger hinterher, "das ist im sechsten Turnierspiel aber verständlich."
Und hinter der Abwehr hatte der Berliner Torhüter Silvio Heinevetter, Fangquote: 15 Prozent, diesmal selten das Glück, Hände oder Füße an die Bälle zu bekommen. Dabei war er zuvor im Turnier noch auf eine Quote abgewehrter Bälle von 35 Prozent gekommen. In der 20. Minute, Stand 10:13 aus deutscher Sicht, räumte der Berliner für den Lemgoer Carsten Lichtlein seinen Arbeitsplatz. Der machte es besser, hielt immerhin acht von 24 Würfen.
Dass die deutsche Mannschaft ins Spiel zurückfand, daran hatte in der ersten Hälfte der Kieler Linksaußen Dominik Klein den größten Anteil. Zweimal fing er vor dem eigenen Kreis einen Pass der Polen ab und nutzte den Ballgewinn auf der Gegenseite zum Treffer.
Insgesamt vier gelangen ihm in den ersten 30 Minuten, sieben insgesamt. Und wenn es etwas zu loben galt im deutschen Spiel, dann war es die Bereitschaft, keinen Ball verloren zu geben. Oliver Roggisch und Christoph Theuerkauf gingen da mit bestem Beispiel voran. Die von Torhüter Piotr Wyszomirski bis an den Kreis abgeprallten Bälle griffen sie reaktionsschnell vor ihren Gegenspielern und holten in zwei Situationen die Tore nach, die Wyszomirski zuvor verhindert hatte.
Es bedurfte schon solcher Aktionen, um die deutsche Angriffseffektivität zu erhöhen. Im normalen Positionsspiel, sechs gegen sechs Mann, fehlte der Mannschaft wie im gesamten Turnier die Durchschlagskraft, weil, wie Heuberger monierte, sie ihre Angriffe nicht über die gesamte Breite des Feldes vortrug, um damit die gegnerische Deckung auseinanderzuziehen und sie in Bewegung zu bringen.
Das sollte am Ende entscheidend sein. "Es lief irgendwie nicht rund", sagte Kaufmann. Hinzu kamen Abspielfehler, ein paar strittige Schiedsrichterpfiffe, sieben Zwei-Minuten-Strafen und die Rote Karte für Klein nach einem üblen Foul an Krzysztof Lijewski in der 58. Minute. Da nutzte es nichts, dass nach erfolgreicher Aufholjagd eines Vier-Tore-Rückstandes (28:24/45. Minute) Kapitän Pascal Hens in der 56. Minute in Unterzahl zum 30:29 die erste deutsche Führung erzielte. Christian Sprenger baute sie in doppelter Unterzahl mit seinem siebten Treffer sogar auf 31:29 aus. Nun schien das Halbfinale ganz nah.
Haaß wird Sprunggelenk eingerenkt
Doch dann nahm das Unglück seinen Lauf. Klein rannte beim Zurücklaufen Lijewski um, der unglücklich auf Michael Haaß fiel und diesen am Sprunggelenk verletzte. Der deutsche Spielmacher musste mit Verdacht auf mehrere Bänderrisse im Fuß ins Krankenhaus. Als erste Hilfsmaßnahme hatte Mannschaftsarzt Berthold Hallmaier das Sprunggelenk eingerenkt.
Nach Kleins Hinausstellung glichen die Polen aus, Michael Jurecki erzielte in der letzten Minute den Siegtreffer zum 33:32. "Wir haben über die gesamten 60 Minuten betrachtet letztlich verdient verloren", meinte Abwehrhef Oliver Roggisch enttäuscht, "in Unterzahl kann man solche Entscheidungsspiele eben nicht gewinnen."
Polen feiert, Deutschland trauert Uwe Gensheimer will nach dem Scheitern seiner Mannschaft nichts sehen und nichts hören Getty/Christof Koepsel
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