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22.01.12

Handball-EM in Serbien

Rettung für Deutschland kommt aus Berlin

Das Spiel gegen Serbien war spannender als jeder Krimi. Dass die deutschen Handballer sich schließlich den Sieg sicherten, lag nicht zuletzt an Sven-Sören Christophersen und Silvio Heinevetter. Mit ihren überragenden Leistungen schüren sie sogar Titelträume.

dpa/DPA

... verlor zum Auftakt gegen Außenseiter Tschechien.

7 Bilder

Martin Heuberger hatte eine unruhige Nacht. "Ich habe kaum Schlaf gefunden", erzählte der Handball-Bundestrainer. Die aufwühlenden Ereignisse des Vorabends hatten gedankliche Nachtarbeit erfordert. Da erging es den Berlinern Sven-Sören Christophersen und Silvio Heinevetter nicht anders. Die beiden Spieler der Füchse werden diesen Abend in der Arena Belgrad wohl nicht so schnell wieder vergessen, mit herausragenden Leistungen haben sie ihre Auswahl vor einer Niederlage gerettet.

Am Montag gegen Dänemark

Rückblende: Mit 8:15 hatte die deutsche Mannschaft im ersten Spiel der EM-Hauptrunde nach 34 Minuten gegen Gastgeber Serbien zurückgelegen , nach 60 Minuten konnte sie wieder jubeln. Berlins Rückraumstar Christophersen hatte drei Sekunden vor Schluss mit einem Wurf aus neun Metern den viel umjubelten Ausgleich zum 21:21 (7:12) erzielt und die Hoffnungen auf das Erreichen des Halbfinales der Titelkämpfe erhalten. Mit fünf Zählern führen die Deutschen in der Hauptrunde eins die Tabelle vor den Serben an. Das nächste Spiel findet Montag gegen Dänemark statt (18.20 Uhr, ZDF).

In Serbien vollzieht sich derzeit die Metamorphose einer Mannschaft. Schien diese nach der Auftaktniederlage in Nis gegen Tschechien (24:27) höheren internationalen Ansprüchen nicht zu genügen, wäre nun das Verpassen des Halbfinales fast schon eine Enttäuschung. Selbst bei einer Niederlage gegen Dänemark würde am Mittwoch (16.15 Uhr, ZDF) ein Sieg über Polen genügen, um die Runde der letzten vier Teams zu erreichen.

"Wir sind eben eine Turniermannschaft", sagt Abwehrspieler Oliver Roggisch, der zwei Tore erzielte, was bei ihm selten vorkommt. Eines gelang ihm sogar per Heber. "Ich kann auch filigran", grinste Roggisch. Wenn die Spieler ihre Wandlung erklären sollen, beginnen sie ihre Geschichte mit dem emotionalen wie glücklichen Vorrundensieg über Mazedonien (24:23). "Aus dieser Begegnung haben wir viel Selbstbewusstsein gezogen. Die Halle war gegen uns, wir sind cool geblieben und haben unser Konzept durchgezogen", sagt Linksaußen Uwe Gensheimer: "Wir wussten von da an, dass wir mehr leisten können, als uns viele zugetraut haben."

Nach dem Schlüsselerlebnis gegen Mazedonien kehrte zudem der Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurück. Und der half gegen Serbien, einen Rückstand von sieben Toren wieder auszugleichen. Silvio Heinevetter leistete mit seiner Weltklasseleistung und einer Abwehrquote von 43 Prozent einen maßgeblichen Beitrag dazu. In den letzten sieben Minuten ließ "Heine" keinen Gegentreffer mehr zu, drei Minuten vor Schluss konnte ihn Ivan Nikcevic bei einem Tempogegenstoß nicht einmal aus nächster Distanz überwinden.

Ebenso erfreulich aus Berliner Sicht war die Leistung von Sven-Sören Christophersen. Im Hauptstadtklub längst ein Leistungsträger ist ihm nun auch in de Nationalmannschaft der Durchbruch gelungen. In der Partie gegen die Serben wuchtete er kurz vor Schluss den Ball zum 21:21 ins Tor. "Ich bin froh, in dem Moment die richtige Entscheidung getroffen zu haben", sagte er danach und strahlte. Den Spitznamen "Smöre" hat der 26-Jährige den Brüdern Christian und Max Ramota zu verdanken. Als Christophersen einst zum TBV Lemgo kam, fragten sie, ob sie ihn Sven öder Sören nennen sollten. Da beide Namen nordisch sind, kam nach einigem hin und her das skandinavische "Smörrebröd" ins Spiel – und wurde verkürzt zum Spitznamen.

Raubbau hinterlässt Spuren

Wer die bisherigen EM-Ergebnisse betrachtet, wird erkennen, dass in Serbien keine weit überdurchschnittlichen Leistungen nötig sein werden, um in den Medaillenwettstreit eingreifen zu können. Der Raubbau der vergangenen Jahre hat bei den Spitzenmannschaften Spuren hinterlassen. Weltmeister Frankreich und der WM-Zweite Dänemark, die beiden überragenden Teams der WM 2011, sind ohne Punkte in die Hauptrunde gestartet. Ihre Spieler sind nicht nur Jahr für Jahr in ihren Auswahlmannschaften gefordert, das Pensum in ihren Vereinen mit Meisterschaft, Pokal und Europapokal lässt sie zehn Monate lang nicht zur Ruhe kommen. Beispielhaft ist die laufende Saison, die nach der EM und der Olympiaqualifikation im April erst im August mit den Sommerspielen in London enden wird. "Vielleicht haben Franzosen und Dänen geglaubt, die EM in der Vorrunde mit dosiertem Krafteinsatz angehen zu können. Das ist heute nicht mehr möglich, weil sich die besten zehn Mannschaften in Europa nur marginal unterscheiden", sagt Heinevetter. "Und wenn du erst mal deinen Rhythmus verloren hast, wird es schwer, ihn wiederzufinden."

An dieser Stelle kommt ein großes Plus der deutschen Auswahl ins Spiel, ihre Ausgeglichenheit. Heuberger hat von Anfang an seiner Tätigkeit als Bundestrainer auf diese Stärke gesetzt, die Einsatzzeiten auf möglichst viele Spieler verteilt. Auch darum war gegen Serbien dieser Kraftakt in der zweiten Hälfte möglich. Moral und Charakter stimmen, die Abwehrarbeit auch, nur dem Angriff dagegen fehlt die Durchschlagskraft. Allein die Außen Gensheimer und Patrick Groetzki sind selbst aus ungünstigen Wurfwinkeln zu Außergewöhnlichem in der Lage.

Allein zwei Spieler kommen in diesen Tagen nicht richtig in Tritt, der Hamburger Kapitän Pascal Hens und der Kieler Linksaußen Dominik Klein, beide noch 2007 Weltmeister. Und wenn zuletzt immer der Umbruch im deutschen Handball gefordert wurde, bei der EM hat Heuberger ihn klammheimlich begonnen. Hens und Klein spielen in diesem Team nicht mehr die Rollen, die ihnen noch vor einer Woche zugedacht waren. Heuberger, der sich stets vor jeden seiner Spieler stellt, wehrt sich allerdings gegen diese Einschätzung: "Beide sind Klassespieler. Wir werden sie bei dieser EM noch sehr gut gebrauchen können." Hens aber droht aber wegen eines Magen-Darm-Virus gegen Dänemark auszufallen.

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