Australian Open
Diva Scharapowa trifft auf Aschenputtel Kerber
Maria Scharapowa jagt gegen die deutsche Aufsteigerin Kerber bei den Australian Open glorreichen Zeiten hinterher.
Von Jörg Allmeroth
Als Angelique Kerber am Donnerstagnachmittag im Spielerrestaurant der Australian Open für Pasta in der Schlange stand, stolzierte ihre nächste Gegnerin mit der üblichen Eisesmiene vorbei. Um falsche Höflichkeit bemüht sich die bestbezahlte Sportlerin des Planeten erst gar nicht. Maria Scharapowa, die nach einem sagenhaften Aufstieg in die Weltspitze, nach qualvollen Verletzungsjahren und einem famosen Comeback wieder dabei ist, die prägende Figur im Wanderzirkus zu werden, ist beides: eine der schillerndsten Persönlichkeiten und Phantom der Profikarawane.
"Sie will und sucht keine Freundschaften"
Die Drittrundenrivalin der deutschen US-Open-Halbfinalistin, die abseits ihrer Matches und Pflichttermine kaum Kontakte zu ihren Kolleginnen hat, ist als Solistin unterwegs. "Ich weiß nicht, wer sie ist. Keiner kennt sie wirklich", sagt Kerber, die 7:5, 6:1 gegen die Kanadierin Stephanie Dubois gewann . "Sie will und sucht auch keine Freundschaften."
Mag die Deutsche seit ihrem sensationellen Siegeslauf im vergangenen September in New York auch in die erweiterte Weltspitze ihres Sports vorgestoßen sein – im Zweikampf mit der ungekrönten Königin des makellosen Reklamelächelns nimmt sie bloß die Aschenputtel-Rolle ein. Kerber gegen Scharapowa ist ein Duell zweier 24-jähriger Frauen, die in zwei verschiedenen Welten leben. "Sie hat schon eine unglaubliche Karriere hinter sich, meine beginnt gerade erst so richtig", sagt die Kielerin, die bisher weder Bälle noch Worte mit der amerikanisierten Russin gewechselt hat.
Die größte Herausforderung werde sein, so Kerber, in der Partie "den Respekt abzulegen und zu vergessen, wer da auf der anderen Seite steht". Wer allerdings einmal den stechenden Blicken und den einschüchternden Gesten der kühlen Blonden auf dem Spielfeld begegnet ist, weiß, wie schwer es ist, das alles zu ignorieren. Und so zu tun, als ob drüben bloß ein braves Mädchen auf den ersten Aufschlag wartet.
Dass die "heilige Tennis-Maria" ("Herald Sun") tatsächlich noch einmal um die großen Titel und Platz eins der Weltrangliste mitspielt, gilt vielen in der Profikarawane als kleines Wunder. Zur "Lady Eisenherz" ernannte sie die Londoner "Times" – Scharapowa war nach einer heiklen Schulteroperation 2008 in der Weltrangliste abgestürzt und hatte nach mehreren gescheiterten Rückkehrmissionen doch wieder den Anschluss an die Besten der Besten geschafft. "Ich bin niemand, der leichtfertig aufgibt. Und ich habe ein großes Herz für das Tennis", sagt Scharapowa, die 2004 in Wimbledon als 17-jährige auf den Thron gestürmt war.
"Riesenrespekt vor ihrer Laufbahn"
Nicht zuletzt ihretwegen stieß der ganze Tenniszirkus anschließend in neue Vermarktungsdimensionen vor. "Ich habe Riesenrespekt vor ihrer Laufbahn, vor ihrer ganzen Persönlichkeit", sagt Andrea Petkovic, die beste Deutsche, "sie ist die perfekte Botschafterin für unseren Sport, jemand, der immer für Schlagzeilen sorgt." Was die verletzte Darmstädterin natürlich nicht daran hindert, am Samstag ihrer "Ollen", ihrer Trainingspartnerin Angelique Kerber, die Daumen zu halten: "Du hast das drauf", gab ihr die Weltranglistenzehnte mit auf den Weg.
Doch am brennenden Ehrgeiz und Siegeswillen der Multimillionärin, die als einzige Frau regelmäßig in der Top-20-Liste der bestbezahlten Sportler auftaucht, sollte bei diesen Australian Open und in dieser neuen Saison kein Zweifel bestehen. "Maria will der Welt beweisen, dass sie noch die Power für die großen Titel hat", sagt Altstar Chris Evert. "Und ich glaube, dass sie das beweisen wird."
Ums profane Geldverdienen muss sich die Russin ohnehin nicht mehr scheren. Weit über 150 Millionen Dollar hat sie seit dem frühen Ruhm in Teenagerjahren eingenommen: "An mein Bankkonto werden sich die Leute später nicht erinnern, sondern nur an die Erfolge", sagt Scharapowa, die neben den reinen Siegprämien jede Saison rund zehn Millionen Dollar von ihren Sponsoren ausgezahlt bekommt.
Natürlich werde bei Scharapowa "immer gleich ans Geld gedacht, an ihre Präsenz in der Werbung", sagt US-Experte John McEnroe, selbst ein Reklameidol, "aber ich sehe sie vor allem als unglaubliche Kämpferin, als Spielerin, die mit ihrer Siegermentalität ein Vorbild ist".
Es ist das wohl spektakulärste Spiel ihrer Laufbahn, das Angelique Kerber bevorsteht. Ihr Höhenflug geht einher mit einem Aufschwung des deutschen Frauentennis. "Früher waren es die Amerikanerinnen oder die Russinnen. Jetzt sind wir Deutschen wieder im Kommen. Das ist schön", sagt die Berlinerin Sabine Lisicki nach dem 6:1, 6:2 gegen Shahar Peer aus Israel . Neben Kerber war sie Julia Görges und Mona Barthel in die dritte Runde gefolgt.
Ihr Soll hat Kerber erledigt in Melbourne, die Pflicht zweier gewonnener Auftaktrunden. Scharapowa ist Kür, in jeder Beziehung. Das Spiel auf einem der mächtigen Showcourts, der Thrill, einen unvergleichlichen Triumph feiern zu können. "Ich habe mir auch ein gutes Selbstbewusstsein erarbeitet", sagt Kerber, "ich bin nicht mehr die, die sich einfach vom Platz schießen lässt."
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