Bundesliga-Referee
Rafatis Selbstmordversuch kurz vor Anpfiff
Drama um Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati: Nach einem Selbsttötungsversuch des 41-Jährigen wurde am Sonnabend das Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FSV Mainz 05 abgesagt. Er ist aber außer Lebensgefahr.
Von Lars Wallrodt, Simon Pausch und Jan Brockhausen
Es war halb zwei Uhr mittags, als Holger Henschel, Patrick Ittrich und Frank Willenborg in der Lobby des Kölner Hyatt-Hotels das ungute Gefühl beschlich, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihr Chef kam nicht – und das war ungewöhnlich: Die beiden Schiedsrichter-Assistenten und der vierte Offizielle waren mit Babak Rafati zur Vorbesprechung verabredet, zwei Stunden später sollten sie das Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FSVMainz leiten. Henschel, Ittrich und Willenborg warteten vergeblich, denn zu diesem Zeitpunkt schwebte der 41-jährige Rafati bereits zwischen Leben und Tod. Er hatte sich im Bad seines Hotelzimmers die Pulsadern aufgeschnitten.
Kurze Zeit später, als Rafati sich auch am Telefon nicht meldete, ließen sich seine Assistenten von einem Zimmermädchen die Zimmertür öffnen und fanden ihn leblos in der Badewanne. Per Krankenwagen wurde Rafati in eine Kölner Klinik gebracht und dort auf die Intensivstation verlegt. Sein Zustand ist kritisch, er ist aber außer Lebensgefahr.
Inzwischen außer Lebensgefahr
Um 13.45 Uhr klingelte das Handy von Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Schiedsrichterobmann Herbert Fandel meldete sich: "Es ist etwas ganz Schlimmes passiert." Zwanziger brach den Besuch des Frauen-Länderspiels der deutschen Mannschaft gegen Kasachstan in Wiesbaden ab und fuhr nach Köln, um sich vor Ort ein Bild zu machen. "Der Druck im Leistungssport ist ungeheuer hoch, und wir schaffen es einfach nicht, das in die richtige Balance zu bringen", sagte er am späten Nachmittag.
Die Mainzer Mannschaft, die im gleichen Hotel wie Rafati und sein Gespann untergebracht war, bekam die Unruhe mit, fuhr allerdings pünktlich um Viertel vor zwei ab Richtung Stadion. "Wir haben die Unparteiischen noch gesehen, allerdings fehlte Rafati. Als wir dann unterwegs waren, kamen uns Krankenwagen und Polizei entgegen. Wir haben allerdings nicht geahnt, was das zu bedeuten hatte", sagte der Mainzer Manager Christian Heidel der Berliner Morgenpost.
Um 14.45 Uhr erfolgte die Absage
Als die Mannschaft im Stadion eintraf, herrschte bereits hektische Betriebsamkeit. Wolfgang Niersbach, Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hatte mit Schiedsrichtersprecher Hellmut Krug und Holger Hieronymus von der Deutschen Fußball Liga (DFL) telefoniert. Um 14.45 Uhr stand dann fest: Das Spiel wird abgesagt. In der Kürze der Zeit war kein neues Schiedsrichtergespann aufzutreiben gewesen, außerdem waren alle Beteiligten schockiert über die Nachricht.
Das Stadion war zu diesem Zeitpunkt etwa zur Hälfte gefüllt, die Veranstalter rechneten mit 46000 bis 48000 Besuchern. Um 14.57 Uhr griff Stadionsprecher Michael Trippel zum Mikrofon und verkündete die traurige Botschaft: "Das habe ich in 50 Jahren auch noch nicht erlebt. Leider ist der Schiedsrichter des heutigen Spiels kurzfristig ausgefallen. Da es nicht möglich ist, kurzfristig Ersatz zu finden, muss das Spiel leider abgesagt werden." Die Zuschauer pfiffen zwar, verließen dann aber geordnet das Stadion. Wann die Partie nachgeholt wird, stand gestern noch nicht fest. Die Mainzer setzten sich jedenfalls in den Mannschaftsbus und fuhren heim. "Ich hoffe nur, dass Babak Rafati schnell wieder gesund wird, alles andere ist unwichtig", sagte Manager Heidel.
Rafati ist gelernter Bankkaufmann und leitet in seiner Heimatstadt Hannover eine Sparkassen-Filiale. Er war ein renommierter, wenn auch nicht unumstrittener Schiedsrichter. In Umfragen unter den Bundesligaprofis wurde er dreimal zum schlechtesten Unparteiischen gewählt, einmal landete er auf Platz zwei.
Umstritten auch in Berlin
Nicht selten stand Rafati auch bei Spielen von Hertha BSC in der Kritik. Nach einem 2:2 gegen Leverkusen in der Abstiegs-Saison schimpfte Verteidiger Arne Friedrich: "Unfassbar! Wir haben in Berlin schon so viele Spiele mit ihm gehabt, immer ist etwas..." Beim 0:1 im Olympiastadion gegen Köln haderte Hertha ebenso mit Rafati wie in der Zweiten Liga, als die Berliner bei 1860 München 0:1 verloren.
Vor sechs Jahren hatte er sein Erstligadebüt gegeben – ausgerechnet bei der Partie Köln gegen Mainz. Insgesamt 84 Spiele leitete er in der Bundesliga, wurde 2008 Fifa-Schiedsrichter. Seit September 2011 wird er vom DFB allerdings nicht mehr für internationale Einsätze nominiert und soll 2012 von der Fifa-Liste gestrichen werden. "Altersbedingte Umstrukturierung", begründete der DFB.
Mirko Slomka, Trainer von Hannover 96, war tief bewegt: "Ich kenne ihn sehr gut. Die Nachricht hat mich sehr geschockt", sagte er bei "Sky". Herbert Ruppel, der Erste Vorsitzende von Rafatis Heimatverein Niedersachsen Döhren, sagte: "Ich kann nur sagen, dass so etwas auf keinen Fall absehbar war. Soweit ich das beurteilen kann, hatte er keine Nachteile oder ernsthafte Probleme. Ich kann nur das Beste über ihn sagen."
Die Gründe liegen im Dunkeln
Über die Gründe des Selbstmordversuches ist noch nichts bekannt. Zwanziger berichtete, dass "Notizen", also ein Abschiedsbrief, gefunden worden seien, deren Auswertung andauere: "Die polizeilichen Ermittlungen haben da noch zu keinen Erkenntnissen geführt." Die drei Assistenten wurden nach dem Auffinden Rafatis von der Notfallseelsorge betreut.
Sie hatten berichtet, dass am Abend zuvor noch alles in Ordnung gewesen sein. Morgens habe Rafati zwar beim Frühstück gefehlt, das sei jedoch nichts Ungewöhnliches gewesen. "Wenn Rafati überlebt, ist es das Verdienst der drei Assistenten, die schnell reagiert haben. Das wurde mir von der Polizei bestätigt", sagte Zwanziger. Das war wohl die beste Nachricht in diesem Drama.
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