EM-Qualifikation
Mesut Özil - Wir wollen den EM-Titel
Deutschland löst das EM-Ticket, spielt begeisternd und wird bestaunt. Besonders Mesut Özil, Spielmacher von Real Madrid, begeisterte in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen die Fans.
Von Lars Wallrodt
Nach dem Spiel schwirrten Verschwörungsgerüchte durch die Katakomben der Arena auf Schalke. "Vielleicht hat der Miro vorher was mit dem Schiri abgesprochen, damit er seinem Rekord etwas näher kommt", mutmaßte Thomas Müller und grinste dabei schelmisch. Gerade hatte der Pressesprecher der Nationalmannschaft verkündet, dass der Schiedsrichter das erste Tor im Länderspiel gegen Österreich Miroslav Klose zugesprochen habe. Dem fehlen nun nur noch sechs Treffer, um die Bestmarke von Gerd Müller (68 Tore) einzustellen. Auf den Fernsehbildern war allerdings nicht zu erkennen, ob der Stürmer den Schuss von Mesut Özil wirklich noch berührt hat.
Wenn nach einem Spiel derart geflachst wird, ist das ein untrügliches Zeichen, dass zuvor Erfreuliches geschehen war. Wobei in diesem Fall der Blick zum Videowürfel genügt hätte. "6:2" prangte da, und drumherum tobte der Frohsinn. "Oh, wie ist das schön", stimmten die Zuschauer an. Das hatte es nicht einmal vor einem Monat beim 3:2-Sieg gegen Brasilien gegeben.
Die deutsche Mannschaft verdiente die Ovationen. Der Sieg gegen den Nachbarn war der achte im achten Qualifikationsspiel, und da die Teilnahme an der Europameisterschaft nun auch mit den verwegensten Rechenspielchen nicht mehr in Frage gestellt werden kann, war es Zeit, Lob zu zollen. Das Eliteteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat erstmals in seiner ruhmreichen Geschichte die Chance, eine Qualifikation ohne Punktverlust abzuschließen, wofür allerdings weitere Siege in der Türkei und gegen Belgien vonnöten sind.
Es passte ins Bild, dass der entscheidende Schritt zum Kontinentalturnier, das in Polen und der Ukraine stattfinden wird, ein Kantersieg war. Das 6:2 (3:1) nach Toren von Klose, zweimal Özil, Podolski, Schürrle und Götze ist ein würdiges Symbol für die aktuelle Stärke der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw. Deutschland ist die Nummer eins in Europa - als erstes Land überhaupt kann es für die EM 2012 planen, obwohl auch die Spanier, die Niederländer und die Italiener nur noch theoretisch abgefangen werden können. Spanien und die Niederlande sind ebenfalls bislang verlustpunktfrei. "Wir können stolz sein, wie wir nach einer anstrengenden und schwierigen WM die Qualifikation gemeistert haben. Wir haben bislang alle Spiele in der Qualifikation gewonnen, was absolut bemerkenswert ist. Das ist schon eine Klasseleistung", schwärmte Löw.
Özil reift zum Weltstar
Besonders Mesut Özil, Spielmacher von Real Madrid, begeisterte in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen die Fans. Und nicht nur die. "Natürlich hat Özil eine hohe Klasse, die bei uns keiner hat", gab Österreichs Martin Harnik unumwunden zu. Und auch die Mitspieler des 22-jährigen Ausnahmekönners waren begeistert: "Mesut spielt ja bei Real Madrid, und da spielt man nicht, wenn man nichts kann. Er hat halt so gespielt, wie er spielt", sagte Thomas Müller. Nur mit dem Begriff 'Weltklasse' wollte er vorsichtig umgehen: "Das ist man, wenn solche Leistungen gegen Weltklassemannschaften abgeliefert werden, und nicht gegen Österreich. Wenn wir so was im EM-Finale abziehen, dann ist das Weltklasse. Momentan haben wir nur die Quali geschafft."
Am Dienstag kann der Ernstfall geprobt werden, dann spielt die Mannschaft im Danziger EM-Stadion gegen Gastgeber Polen (20.45 Uhr/ZDF). "Ich habe jetzt den Vorteil, dass ich das eine oder andere ausprobieren kann. Zudem kann ich einigen Spielern, die zum Beispiel in der Champions League gefordert sind, mal eine Pause geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Mannschaft als gegen Österreich aufläuft, ist groß", sagte Löw, der dabei auf Özil, Schweinsteiger und Neuer verzichtet.
Für Teammanager Oliver Bierhoff beginnt nun die heiße Phase. Er muss den Rahmen für eine erfolgreiche Europameisterschaft schaffen - und das beginnt mit dem Quartier. Innerhalb der nächsten 14 Tage will er der Mannschaft eine adäquate Herberge buchen. Doch schon jetzt steht so gut wie fest, dass der DFB-Tross im "Dwor Oliwski" absteigen wird, eine Fünf-Sterne-Anlage, die zehn Kilometer von der Danziger Altstadt entfernt liegt.
Aber schon längst ist es nicht mehr damit getan, der Mannschaft bei einem Großturnier ein schickes Dach über dem Kopf zu besorgen. Seit Jürgen Klinsmann und Bierhoff 2004 die Nationalmannschaft unter ihre Fittiche nahmen, sind derlei Reisen All-inclusive-Veranstaltungen mit Spaßgarantie. "Wir werden uns auch diesmal etwas ausdenken, um gute Stimmung zu erzeugen", sagte Bierhoff. Auch ein Slogan soll wieder her. 2008 blies der DFB bei der EM in Österreich und der Schweiz zum "Gipfelsturm", zwei Jahre später sagten sie in Südafrika "Yebo", was in der Zulu-Sprache "Ja" bedeutet.
"Wir werden uns auch diesmal ein Motto ausdenken, unter der wir die EM angehen. So wollen wir Identifikation mit der Mannschaft, mit dem Unternehmen Euro 2012 schaffen. Wir haben da schon die ein oder andere Idee. Auch, wie wir auf die Gastgeberländer zugehen wollen", sagte Bierhoff.
Dass es der deutschen Mannschaft in den letzten beiden Qualifikationsspielen nicht langweilig wird, liegt am europäischen Fußball-Verband Uefa. Wenn am 2. Dezember in Kiew die EM-Gruppen ausgelost werden, wird die deutsche Mannschaft nach derzeitigem Stand nicht als Gruppenkopf gesetzt sein. Somit könnte sie bereits vor der K.o.-Phase auf die beiden WM-Finalisten Spanien oder Niederlande treffen. Deutschland wäre zusammen mit Italien, England und Kroatien nur in Topf zwei. Für die Berechnung werden alle Pflichtspielergebnisse seit der Qualifikation für die Europameisterschaft 2008 herangezogen. Selbst wenn das Team von Bundestrainer Joachim Löw in der Türkei und gegen Belgien gewinnen sollte, muss es auf Patzer der Niederländer hoffen. Die spielen noch gegen Finnland, Moldawien und Schweden.
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