25.04.11

Sportklettern

Warum viele Bergsteiger Viagra benötigen

Im Frühjahr beginnt die Saison der Bergsteiger. Profis wie die Huber-Brüder jagen immer gefährlichere Rekorde. Amateure hingegen helfen mit Potenzpillen nach.

Die Gipfelsaison ist eröffnet. Die extremsten Bergsteiger der Welt machen sich auf den Weg zu neuen Rekorden – und dabei ist eines auch ohne Fernglas zu erkennen: Diese Sportler sind längst nicht über alle Berge.

Im Gegenteil. Die Expeditionen werden gewagter, die Ziele riskanter. Alle Achttausender sind bestiegen, der Druck, Neues zu erreichen, ist groß, der Weg zum Ruhm gefährlich. "Das Scheitern wird in den kommenden Jahren zunehmen", sagt Thomas Huber, 44, der mit seinem Bruder Alexander, 42, das weltweit bekannte Kletter-Duo "Huberbuam" bildet. "Wir sind Grenzgänger", sagte er: "Wir überleben nur, weil wir am Leben hängen. Man muss im richtigen Moment losgehen – und wenn nötig, im richtigen Moment umkehren. Wer das nicht tut, setzt sein Leben aufs Spiel."

Neue Herausforderungen sind gefragt, an Ideen dazu hat es Hans Kammerlander, 54, nie gefehlt. Der Südtiroler bestieg 1992 den Mount Everest in Rekordzeit, vier Jahre später fuhr er mit Skiern vom Gipfel bis ins Basislager ab. Vor einer Woche ist er nach Papua-Neuguinea aufgebrochen, um dort den zweithöchsten Berg Ozeaniens zu besteigen. Der Puncak Trikora zählt mit 4750 Metern Höhe zu den "Seven Second Summits", die jeweils zweithöchsten Berge der sieben Kontinente, die Kammerlander derzeit der Reihe nach besteigt. Natürlich als Erster.

Obwohl er bis zum Fuße des Puncak Trikora fünf Tage durch den Dschungel laufen muss und einen "heillosen Respekt vor Schlangen" hat, sind solche Expeditionen für Kammerlander reizvoller als die klassischen Ziele, die er abschätzig "Katalog-Berge" nennt: "Auf die höchsten Gipfel fand ein 20 Jahre währender Wettlauf statt. Auf den Mount Everest pilgern Touristenströme. Aber wenn der K2 vor dir steht, weißt du, was dich erwartet. Den K2 kann man nicht kaufen."

Der für seine launischen Wetterumschwünge berüchtigte und mit 8611 Metern zweithöchste Berg der Welt auf der Grenze zwischen China und Pakistan zählt auch zu den "Seven Second Summits" – und fehlt in der Sammlung der Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, 40, die als dritte Frau überhaupt alle 14 Achttausender bezwungen haben will. Vergangenes Jahr hatte sie eine Expedition auf den K2 abgebrochen, nachdem ihr schwedischer Bergkamerad Fredrik Ericsson vor ihren Augen in den Tod gestürzt war.

Im Sommer will Kaltenbrunner einen neuen Anlauf starten mit ihrem Mann Ralf Dujmovits, 49, der als erster Deutscher alle Achttausender bestiegen hat. Diesmal soll das Vorhaben über die Nordflanke gelingen – nach einer acht Tage langen Anreise auf Kamelen. "Wir nähern uns dem Berg lieber langsam an", sagt Dujmovits: "Bergsteigen heißt, Zeit mitzubringen und sich Zeit zu lassen. Mich hat nie der Wettkampf gegen andere angespornt. Beim eigentlichen Bergsteigen geht es immer nur um einen selbst."

Am wichtigsten ist die Kreativität

Auch für Thomas Huber zähle nicht, der stärkste Bergsteiger zu sein, sondern allein die Kreativität: "Wir sind frei schaffende Künstler, wir haben laufend neue Ideen. Bergsteigen heißt, Pionier zu sein. Und es gibt noch viel zu entdecken, viele unbekannte Ziele und neue Namen." Alleine in der chinesischen Provinz Sichuan sind es Dutzende 6000er und 7000er, deren Erstbesteigung noch nicht offiziell vermeldet wurde. Eine Tatsache, aus der sich Kapital schlagen lässt: Die chinesische Regierung verscherbelt die Genehmigungen für 24 000 Euro aufwärts.

Bergsteigen boomt seit Jahren, die "Huberbuam" sind zu Ikonen des Werbefernsehens geworden. Neben dem professionellen Gipfelsturm floriert auch der touristische Alpinismus. 2007 wurde der Gipfel des Mount Everest von 604 verschiedenen Bergsteigern erreicht, 2010 stand mit dem 13 Jahre alten Amerikaner Jordan Romero der erste Teenager auf dem höchst gelegenen Punkt der Erde. Rund ein Drittel aller Everest-Besteiger sind Teil einer kommerziellen Expedition.

Die Kosten für einen geführten Aufstieg liegen bei rund 25 000 Euro pro Person. Um ein Gelingen der Mission zu unterstützen, ist es bei Amateuren durchaus üblich, auf Doping zurückzugreifen. Unerfahrene Ärzte verschreiben immer wieder Viagra – das Potenzmittel lindert einer Studie zufolge die Symptome der Höhenkrankheit.

"Doping kann niemals richtig sein"

So soll es stramm gen Gipfel gehen. Experten wie Alexander Huber raten allerdings dringend von solchen Hilfsmitteln ab: "Doping kann niemals richtig sein. Es zerstört den Körper und den Sport. Aber ein Manager von der Wallstreet hat nur einen Monat Zeit für seinen Urlaub in Nepal. Wenn er in New York ist, will er auf einer Cocktailparty erzählen, dass er auf dem Mount Everest war. In dieser Zeit kannst du dich aber nicht akklimatisieren."

Zeit ist vielleicht das wichtigste Rüstzeug der Profibergsteiger. Geduld ist gefragt, um die richtige Route anzugehen. Traditionalisten wie Hans Kammerlander rümpfen die Nasen, wenn Rekord versessene Kletterer mit Hilfe von Trägern, Sauerstoffgeräten, GPS und Hubschraubern aufsteigen. "Das erkenne ich nicht als Höhenbergsteigen an." Derweil hat Kammerlander die "Sieben Matterhörner" anvisiert; Berge in allen Regionen der Erde, die dem Schweizer Original ähneln.

Unabhängig von solchen Großtaten solle sich jeder Hobbykletterer sein eigenes Ziel suchen, fordert Kammerlander. Auch die Kollegen begrüßen das. "Ich freue mich über jeden Menschen in den Bergen. Jeder von ihnen wird ein glücklicher Mensch sein. Es ist Platz genug für alle – so lange alle aufeinander Rücksicht nehmen", sagt Alexander Huber. Für Dujmovits ist Bergsteigen das pure Glück: "Wichtig ist, dass man seine Ziele verantwortungsvoll definiert und Freude an der Einsamkeit hat. Wenn man sie erlebt, ist das ein wunderbares Gefühl.

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