Champions League
Dilettanten-Bayern legen Traum in Trümmer
Der FC Bayern München schafft es nicht mehr, einen Vorsprung ins Ziel zu retten. Der Grund dafür ist ein dilettantisches Defensivverhalten.
Von Anja Schramm
Bayern München - Inter Mailand 2:3 (2:1) Mit einer Schweigeminute haben die Spieler des FC Bayern und von Inter den Opfern der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan gedacht.
Bloß nicht reden, Thomas Müller wollte nur noch weg. "Ich würde sicherlich nur Falsches sagen", raunte er und eilte davon. Müller musste aber auch nichts sagen. Der Veitstanz, den er vorher auf dem Rasen der Münchner Arena aufgeführt hatte, war die offensichtlichste aller Arten von Frustbewältigung, die die Bayern am Dienstagabend vortrugen. Während die meisten seiner Kollegen nach Schlusspfiff zu Boden sanken, als folgten sie einer einstudierten Choreographie, traktierte Müller den Rasen, sprang wild umher und schrie, weil er nicht fassen konnte, was zuvor geschehen war.
Der FC Bayern ist im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden. Dem 1:0 im Hinspiel bei Inter Mailand folgte am Dienstagabend ein 2:3 (2:1). Im Selbstverständnis der Münchner verdient die Saison ohne Titelgewinn nur ein Prädikat: miserabel.
Die unnötige, aber bezeichnende Niederlage gegen Inter war ein Spiegelbild dieser Spielzeit. "Unfassbar", nannte Bastian Schweinsteiger das Resultat, "eigene Dummheit" Mario Gomez und "einfach nur naiv" Vorstandsboss Karl Heinz Rummenigge. Die Münchner hatten gegen den Titelverteidiger 60 Minuten lang berauschenden Fußball gespielt, sich selbst vom frühen Gegentor durch Samuel Eto’o (3.) nicht beirren lassen.
Mario Gomez (21.) und Thomas Müller (31.) war noch vor der Pause die Führung gelungen. Und dennoch hatten sich in diesem Spiel all jene Probleme offenbart, die die Bayern schon länger plagen.
Die Münchner schaffen es nicht mehr, einen Vorsprung ins Ziel zu retten. Einst gehörte dieser Part zum "Mia-san-mia" des Vereins. Jene simple Ergebnisverwaltung aber, ein unverzichtbares Mittel vor allem auf internationalem Terrain ist ihnen mittlerweile fremd.
Insbesondere ihrem im Sommer scheidenden Trainer Louis van Gaal, der auch am Mittwoch wieder sagte, die Seinen seien die bessere und aktivere Mannschaft gewesen. Eine Betrachtung, die für zwei Drittel der Spielzeit durchaus zutreffen mag. "In den entscheidenden Momenten aber waren wir ihnen überlegen", sagte Inters Thiago Motta.
Statt kompakt zu stehen, liefen die Münchner bei eigener Führung in Konter, auch weil die Offensive viel zu weit entrückt war. Was folgte war der Ausgleich durch Wesley Sneijder (63.) und die Entscheidung in der 87. Minute, als erst Eto’o freundlichen Geleitschutz von Münchens heillos überfordertem Innenverteidiger Breno erhielt und Goran Pandev dann zum Inter-Sieg einschob.
"Dennoch hätten wir gewinnen müssen, und zwar hoch", sagte Torwart Thomas Kraft. Allein in den ersten 45 Minuten hatten sich die Bayern so viele Möglichkeiten erspielt, dass deren Anzahl bis zum Finale im Mai hätte reichen müssen.
Nun ist die mangelhafte Chancenverwertung das eine und auch nichts Neues in dieser Saison. Das weit größere Problem der Van-Gaal-Bayern aber ist ihr dilettantisches Defensivverhalten. Allerdings ist auch das kein Fakt, der die Münchner erst seit 2011 begleitet. Das Neue jedoch ist, dass es nun folgenschwer bestraft wird.
Doch schon in der vergangenen Spielzeit kamen Fragen nach der Qualität des Defensivpersonals auf, vor allem auf europäischer Ebene. Es gab wohl kaum eine Mannschaft, die mit so vielen Gegentoren bis ins Endspiel spazierte. Insgesamt acht waren es in Achtel- und Viertelfinale.
Van Gaal aber wollte im Sommer partout kein neues Personal, eine fatale Fehleinschätzung. Am Dienstag jedenfalls scheiterten die Seinen an individuellen Fehlern, "nicht zum ersten Mal in dieser Saison", wie er zugab. Und so gewannen auch die verbalen Schuldzuweisungen an Schärfe. "Es kann nicht sein, dass wir zu Hause wieder drei Tore kassieren", sagte Arjen Robben. Ob die Abwehr Champions-League-tauglich sei, wurde er noch gefragt. "Momentan nicht", antwortete er.
Es ist jedoch nicht nur die Viererkette, deren 18. Variante in der Zusammenstellung van Gaal gegen Inter wählte – mittlerweile dürfte er so ziemlich jede mathematisch mögliche Variante ausgereizt haben. Es ist das gesamte Defensivverhalten, das Fehlen eines Konzepts oder zumindest dessen ungenügende Umsetzung, das sie in die momentane Situation gebracht hat. Von "taktischen Defiziten" sprach dann auch Schweinsteiger. Der Trainer habe ihnen Kompaktheit gepredigt. "Jetzt muss sich jeder hinterfragen."
Es geht aber auch um grundsätzliche Fragen, die nach Führungspersönlichkeiten etwa. Seit Mark van Bommel Weggang üben sie sich in München in flacher Hierarchie. Doch auch das wurde gegen die Mailänder deutlich. Kapitän Philipp Lahm kann einen wie van Bommel nicht ersetzen, dessen Präsenz gerade in misslicher Lage entscheidend war. Auch das ist eine Überlegung, die die Münchner anstellen müssen, wenn sie über die dringend benötigten Neuen für die kommende Spielzeit nachdenken. Neben Nationaltorwart Manuel Neuer soll vor allem in der Innenverteidigung nachgebessert werden.
In spätestens zwei Monaten ist dann auch das Kapitel van Gaal Vergangenheit. Der neue Trainer – vieles spricht für das dritte Engagement von Jupp Heynckes (derzeit Leverkusen) – wird eine Mannschaft mit einer beseelten Offensivabteilung übernehmen, aber auch eine mit einer höchst verunsicherten Defensive.
Und was bleibt nun bis Mai? "Wir müssen retten, was zu retten ist", sagte Rummenigge. Die Niederlage gegen Inter nannte er "einen Stich ins bayerische Herz". Der könnte jedoch noch tiefer werden, wenn sich der derzeitige Bundesligavierte nur für einen zweitklassigen internationalen Wettbewerb qualifiziert. "Das Champions-League-Finale nächste Saison im eigenen Stadion ohne den FC Bayern, der dann in der Europa League spielt", sagte Gomez, "das können wir unseren Fans nicht antun."
Doch Kapitän Lahm schwant vor dem Spiel am Samstag in Freiburg nichts Gutes: "Es ist schwierig, die Mannschaft jetzt zu motivieren. Bei uns geht es immer bis zum Saisonende um Titel." Nun aber liegen alle Träume bereits in Trümmern.
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