Eisschnelllauf
Pechstein feiert den größten Sieg ihres Lebens
Comeback geglückt: Der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein gelang in Erfurt nach zwei Jahren Sperre die Rückkehr in den Weltcup-Zirkus. Ein Triumphzug der Berlinerin, die mit einer überzeugenden Zeit die Ziellinie überquerte.
Von Marcel Stein
Claudia Pechstein ist Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin. Bei den Winterspielen 1994 in Lillehammer gewann sie (rechts im Bild) ihre erste von fünf olympischen Goldmedaillen. Über 5000 Meter besiegte sie die Favoritin Gunda Niemann (l.).
Wettkämpfe in der Erfurter Eisschnelllaufhalle gehören eher zu den ruhigen Veranstaltungen. Vergangenen Herbst fanden dort die deutschen Meisterschaften statt, interessiert hat es nicht viele. Die Ränge blieben weitgehend leer. Insofern wirkte es eigenartig, dass ein beliebiges internationales Rennen, bei dem weitgehend junge, unbekannte Athleten an den Start gehen, nun plötzlich gut 1500 Besucher anlockte. Genau genommen war es sogar nur eine Athletin, die den Ansturm verursachte, und keineswegs eine junge. Claudia Pechstein (38) nutzte die ungewöhnliche Umgebung, um nach zwei Jahren Sperre ihr Comeback zu feiern. Es wurde ein kleiner Triumphzug für die Berlinerin. Mit den eigenen Augen sehen musste man Claudia Pechstein gar nicht, um zu wissen, wo sie gerade ist. Als sie ihre Runden dreht, springen die Zuschauer auf, wenn die Athletin vorbeirauscht, kreischen laut auf. Pechstein schlägt viel Sympathie entgegen. Niemand, so der Eindruck, war gekommen, um sie verlieren zu sehen. Das hätte sie, wenn sie über 3000 Meter die Weltcup-Norm von 4:15 Minuten verfehlt hätte. Als sie die Ziellinie überquerte, stand 4:10,05 auf der Anzeigetafel. "Der Lauf war sehr schwer, wenn man so unter Druck steht", hauchte Pechstein noch am Eis ins Mikrofon.
Claudia Pechstein ist also wieder zurück, nach zwei Jahren Abstinenz darf sie nächste Woche wieder im Weltcup in Salt Lake City starten und auf die Qualifikation für die Einzelstrecken-WM in Inzell in vier Wochen hoffen. So weit wollte sie gestern allerdings noch nicht denken. "Für mich ist es der größte Sieg in meiner Karriere, wieder dabei zu sein", sagte sie.
Zwei Jahre lang war es die fünfmalige Olympiasiegerin nicht gewesen. Weil der Weltverband ISU sie wegen erhöhter Retikulozyten-Werte gesperrt hatte. Aufgrund einer dünnen Indizienlage und trotz immer neuer Gutachten, nach denen bei Pechstein eine vererbte Membrananomalie vorliegt. Jetzt die Rückkehr, die durchaus beeindruckend war. Wegen der Leistung, aber auch wegen der Kulisse. "Schön, dass du wieder da bist, Claudi!" stand auf einem Plakat.
"Ich habe versucht, dass Ganze auszublenden", sagte sie später und meinte damit auch den Medienandrang. Egal, wie sie oft wirkte in den medialen Inszenierungen ihrer Unschuld und den verbalen Schlachten. In Erfurt zeigte sich, dass Pechstein noch immer ihre Fans hat, dass viele mit ihr fühlen. "Ich möchte mich bei allen bedanken, die zu mir gehalten haben", verkündet sie über die Hallenlautsprecher. Wieder brandet Jubel auf. Und das in der Halle, die den Namen von Gunda Niemann-Stirnemann trägt, die über Pechstein am liebsten nicht mehr reden möchte und sie angeblich tags zuvor nicht einmal grüßte, als sich beide begegneten.
Neue Sperre kaum mehr möglich
Ergriffen sah Trainer Joachim Franke aus. Eigentlich sei er ja kein Mann, der ins Euphorische abgleitet oder überhaupt seine Gefühle all zu offen präsentiert. Aber diesmal. "Wir haben etwas erreicht, dass vor sechs Monaten keiner für möglich gehalten hat", sagte er. Für ihn sei mit der Leistung nun klar, dass Pechstein "in der Lage ist, auf sehr hohem Niveau zu laufen". Zweifel daran hatte auch Alfred Kraus nicht, trotzdem wurde er immer nervöser, je näher das Rennen rückte, an dem auch seine Tochter beteiligt war. Bente Kraus, die in dieser Saison bereits im Weltcup eingesetzt worden war, hatte sich Pechstein als Gegnerin zur Verfügung gestellt. Und ihr Vater hoffte an der Bande, dass niemand stürzt und Pechsteins Ziel gefährdet. Auch an Bente Kraus ging ein Dankeschön Pechsteins. Die Berlinerin machte auch wahr, was sie zuvor angekündigt hatte. Sie ließ auf eigene Kosten eine Blutprobe entnehmen, um zeigen zu können, dass ihre Werte weiter schwanken. Sie will belegen, dass sich bei ihr durch die Sperre nichts verändert hat an ihren Blutwerten. Und damit die Absurdität des Banns belegen. Denn nach den inzwischen gültigen Richtlinien wird sie kaum erneut ausgeschlossen werden können.
Nach den 3000 Metern brauchte Claudia Pechstein etwas, um sich zu erholen. "Mir bleibt ein bisschen die Luft weg", sagte sie, nachdem sie ein paar Runden ausgelaufen war. Ihr Programm zog sie dennoch durch. Dreieinhalb Stunden nach dem ersten Rennen trat sie erneut an, diesmal über 1500 Meter. In diesem Lauf waren 2:03,50 Minuten zu unterbieten, um die Startberechtigung für den Weltcup zu erwerben. Pechstein lief 2:01,22. Ganz so umjubelt war dieser Erfolg nicht mehr. Nach ihrem ersten Rennen hatte gut die Hälfte der Zuschauer die Halle bereits wieder verlassen. Aber die 1500 Meter waren ja auch nur die Zugabe. Trotzdem war immer noch eine ganze Menge los für Erfurter Verhältnisse.
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