Länderspiel in Berlin
Türkiyemspor und Co. leiden unter TV-Übertragungen
Obwohl 200.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Berlin leben, schauen nur wenige hundert die Spiele der türkischen Klubs. Verantwortlich dafür sind Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas.
Auswärtsspiel ist das falsche Wort für diese Begegnung. 35.000 Fans zieht der türkische Erstligist Galatasaray Istanbul im Dezember 2008 ins Olympiastadion. Heimsiel für Galatasaray, das 1:0 gegen Hertha BSC wird frenetisch bejubelt. Ein Autokorso über den Kudamm folgt, während die Fans der Blau-Weißen artig von dannen ziehen. Türkische Heimspiele in Berlin – das Fanpotenzial der Istanbuler Klubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas ist groß und die Strahlkraft der Vereinsfarben enorm: "Es kommen sogar Fans aus Norwegen, den Niederlanden und Österreich", sagt Celal Bingöl, Ehrenpräsident des Regionalligisten Türkiyemspor Berlin, über das Gastspiel von 2008.
Bei Türkiyemspor herrscht ein anderes Bild: 350 Zuschauer verlieren sich Ende September im Jahnsportpark – obwohl es gegen die zweite Mannschaft von Hertha BSC geht. Türkiyemspor verliert. Die Fußballbegeisterung strahlt nicht ab auf Türkiyemspor oder einen der vielen türkisch geprägten Vereine. 25 Hauptstadt-Klubs tragen türkische Wurzeln in Namen oder Wappen. Knapp 200.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben hier. 20.000 türkischstämmige Fußballer kicken auf Berliner Fußballplätzen.
Doch Türkiyemspor nutzen diese Zahlen nichts: kaum Zuschauer, noch weniger Sponsoren, Tabellenletzter der Regionalliga Nord – und seit drei Monaten mit den Gehaltszahlungen im Rückstand. "Ich leide", sagt Bingöl. Am Montag will Türkiyemspor Insolvenz anmelden. Knapp 640.000 Euro Schulden drücken den Klub.
Beim Berliner AK, amtierender Berliner Pokalsieger, sieht es etwas besser aus: Eine Liga tiefer, in der Oberliga, steht der Klub aus dem Wedding auf dem Spitzenplatz. Doch auch ins Poststadion kommen maximal 800 Zuschauer zu den Heimspielen. Das sind viele – für den BAK. "Die kommen halt nur, wenn Erfolg da ist", sagt Bingöl – und wenn kein Spiel von Galatasaray, Fenerbahce oder Besiktas im TV läuft. "Das Fernsehen ist der große Feind des Fußballs", sagt Fikret Ceylan. Er war 26 Jahre lang Manager bei Türkiyemspor. Seit diesem Jahr ist er beim BAK tätig.
"Vor 20 Jahren gab es hier noch keine Liveübertragungen von Fußballspielen aus der Türkei, damals standen die Zuschauer mit dem Radio am Ohr im Stadion und haben die Zwischenstände gebrüllt", erinnert sich Bingöl. "Heute sitzen sie zu Hause, warm, bei Tee und Essen und gucken Fußball im Fernsehen. Das hat Türkiyemspor umgebracht."
Bingöl und Ceylan reden viel von damals: 1987 spielte Türkiyemspor im Poststadion vor 12000 Zuschauern gegen Hertha BSC. Man traf sich in der dritten Liga. Hertha gewann 2:1. 1991 stand der Klub kurz vor dem Zweitliga-Aufstieg, doch das entscheidende Spiel gegen Tennis Borussia ging 0:5 verloren. So nah war das Profigeschäft nie mehr.
Dabei sind sich beide sicher, dass ein türkisch geprägter Verein in der ersten oder zweiten Bundesliga viele Türken, nicht nur aus Berlin, sondern aus ganz Deutschland binden könnte. "Wenn Türkiyemspor in der zweiten Liga spielen würde, kämen mehr Zuschauer als zu Hertha", sagt Bingöl: "100000 würden ins Stadion gehen und 100000 davor warten." Dieser Vision steht nicht nur die begrenzte Kapazität des Olympiastadions, sondern auch die fehlende finanzielle Grundlage im Weg. In den letzten Jahren waren nicht nur der Erfolg und die Zuschauer woanders, sondern auch die Sponsoren.
"Die deutschen Sponsoren haben Angst", sagt Ceylan. Dabei gab es 2008 für Türkiyemspors Vereinsarbeit gar den Integrationspreis des Deutschen Fußball-Bundes. Doch Sponsoren klopften danach keine an. "Wenn jetzt ein Sponsor kommen und uns helfen würde, er würde von den Türken in Deutschland vergöttert", glaubt Bingöl. So überlebte Türkiyemspor bislang auch durch das Verkaufen von Spielern in die drei höchsten türkischen Spielklassen. "Türkische Jungs sammeln und wieder abgeben", nennt Ceylan das. In den 26 Jahren unter seiner Ägide seien 60 Spieler in die Türkei gewechselt. Für die talentierten Jungs gab es bis zu 200000 Euro.
Bei Hertha herrscht ein anderes Phänomen: In jedem der 13 Jugendteams sind durchschnittlich zwei Jungs mit türkischen Wurzeln. Talente gibt es also genug. Doch lediglich der Deutsch-Türke Malik Fathi schaffte den Sprung in den Profikader. Müsste man die nicht in den Profikader integrieren, um so mehr türkische Zuschauer anzulocken? "Ob das ein Spieler schafft, ist nur vom Talent, nicht vom Migrationshintergrund abhängig", sagt Frank Vogel, langjähriger Koordinator der Jugendabteilung bei Hertha BSC: "Wichtig ist, dass es Berliner Jungs sind". "Außerdem haben wir es ja mit türkischen Spielern versucht, aber es hat nichts gebracht."
Versucht hatte es Dieter Hoeneß 2004 mit der Verpflichtung des türkischen Nationalspielers Yildiray Bastürk. Hoeneß wollte die vielen türkischen Fans hinter Hertha versammeln. "Aber da hatten wir auch nicht mehr Zuschauer", sagt Vogel. Auch Bastürks Trikot ging in den Fanshops nicht sonderlich häufig über die Theke. Nachdem er 2007 nach Stuttgart gegangen war, wurde auch die türkische Version der Hertha-Homepage abgeschaltet. Wer will, kann sich noch auf polnisch, englisch und chinesisch über den Hauptstadtklub informieren. Bingöl regt das auf: "Die Leute sind nicht blöd. Was bietet uns Hertha BSC? Ein Bastürk, das reicht nicht." Der Verein müsse mit der türkischen Masse kooperieren.
Doch ein spezielles Umwerben türkischer Fans hält Herthas Pressesprecher Gerd Graus für "integrationspolitisch kontraproduktiv": "Wir sprechen alle Berliner an." Dass Hertha die türkischen Fans nicht binden könne, hält er für eine "gewagte These". Das dafür sprechende Indiz, dass es Galatasaray schaffte, aus zwei Gastauftritten im Olympiastadion Heimspiele zu machen, lässt er nicht gelten: "Wenn in Istanbul so viele Deutsche wohnen würden, wie hier Türken, würde ich gerne sehen, wie viele kämen, wenn Hertha alle fünf Jahre vorbeikommt."
Dabei kann einzig Hertha es schaffen, die vielen türkischen Fußballfans hinter sich zu vereinen. Die Hoffnung, dass das ein Verein mit türkischer Prägung schafft, hat Fikret Ceylan aufgegeben: "Ohne Zuschauer kann man kein Geschäft machen – und die Zuschauer kommen nicht." Die sehen lieber Galatasaray im Fernsehen oder – wie am Freitag – die türkische Nationalmannschaft im Olympiastadion.
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