02.09.10

EM-Qualifikation

In Belgien steht Löws Team der Alltagstest bevor

In Belgien startet Deutschland in die EM-Qualifikation. Ist die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw so stark wie bei der WM?

Von Lars Gartenschläger und Lars Wallrodt
Foto: REUTERS
Lahm, Löw

Ein spontaner Typ ist Joachim Löw beim besten Willen nicht. Der Bundestrainer ist jemand, der seine Entscheidungen genau abwägt – nicht nur bei jener berühmten "K-Frage", die zwei Monate gären konnte, bevor Löw letztendlich eine Entscheidung verkündete. Und auch in Sachen Mannschaftsaufstellung kommt es schon mal vor, dass Joachim Löw etwas länger grübelt und überlegt, wen er denn spielen lässt. Vor dem Start in die Qualifikation zur Europameisterschaft 2012, das hat der Bundestrainer durchblicken lassen, ist er sich seiner Sache allerdings schon ziemlich sicher.

Es ist eine Frage des Vertrauens: 55 Tagen ist es her, dass die deutsche Nationalmannschaft mit dem Sieg im Spiel um Platz drei gegen Uruguay (3:2) ihre hervorragende Weltmeisterschaft abschloss und ein Turnier krönte, dass die Experten verblüffte. Und so setzt Löw am Freitag in Brüssel gegen Belgien (20.45 Uhr, ARD) auf ein Team, das sehr der Formation ähnelt, die in Südafrika für ein kleines deutsches Fußballwunder gesorgt und die Anhänger weltweit mit ihrem dynamischen und ansehnlichen Offensivfußball begeistert hatte. Die Mannschaft bestach mit einer gewissen Leichtigkeit und Unbekümmertheit, die ihr nach fünf verletzungsbedingten Absagen im Vorfeld niemand zugetraut hatte.

Doch das Turnier ist Vergangenheit, abgehakt. Neue Aufgaben stehen an, und da stellt sich die Frage: Wie viel ist von der WM-Leichtigkeit übrig geblieben? Was konnte die Mannschaft konservieren, um sich den neuen Herausforderungen genauso eindrucksvoll zu stellen wie jenen in Südafrika?

Joachim Löw, der wie auch seine Assistenten sowie Teammanager Oliver Bierhoff nach der WM mit einer Vertragsverlängerung belohnt wurde, weiß um die Schwere der Aufgabe. Die besteht vor allem darin, nun in der Bringschuld zu sein. Seine Mannschaft hat in der Qualifikationsgruppe A die Favoritenrolle inne, schließlich heißen die Rivalen Türkei, Belgien, Österreich, Aserbaidschan und Kasachstan. Die WM-Helden müssen lernen, mit ihrer neuen Außenwirkung umzugehen und diese annehmen. "Wir sind in und nach Südafrika viel gelobt worden. Zu Recht, wie ich finde", sagt Joachim Löw, "aber nun warten neue Herausforderungen auf uns. Jetzt müssen die Spieler den nächsten Schritt gehen und sich weiter verbessern."

Ob das gelingt? Die Reise nach Südafrika trat das Team unter gänzlich anderen Voraussetzungen an als die jetzige EM-Qualifikation. Besonders nach der Verletzung von Michael Ballack, damals noch uneingeschränkter Führungsspieler. Von der deutschen Mannschaft wurde wenig erwartet, und gerade deshalb konnte sie befreit aufspielen. Nur in Bezug auf das deutsche Selbstverständnis wäre ein frühes Ausscheiden damals fatal gewesen. Aber mit derart nachhaltigen Auftritten hatte niemand gerechnet. Herrschte nach dem Auftakterfolg gegen Australien (4:0) noch Verblüffung über die gänzlich undeutsche Spielweise der Nationalmannschaft, befeuerten die sensationellen Siege über England (4:1) und Argentinien (4:0) eine Euphorie in Deutschland, die die Begeisterung bei der Heim-WM 2006 sogar noch übertraf.

Doch mit den Erfolgen stieg auch die Erwartungshaltung. "Die Mannschaft hat die Messlatte hoch gesetzt", sagt Christoph Daum, zuletzt Trainer von Fenerbahce Istanbul, "aber ich traue ihr zu, dass sie an die Leistungen anknüpfen kann. Der Bundestrainer wird alles dafür tun, sie entsprechend gut einzustellen."

Die vielleicht größte Herausforderung besteht dabei im Verkraften des atmosphärischen Wechsels. Bei einer Weltmeisterschaft braucht ein Trainer seine Mannschaft nicht zu motivieren. Unter dem Brennglas der Weltöffentlichkeit und nach wochenlanger Vorbereitung war der Anpfiff in Südafrika eine Erlösung für die Spieler. Nun reisen die Profis aus dem laufenden Ligabetrieb an, schleppen ihre Probleme aus den Vereinen mit in die Qualifikationsspiele gegen Konkurrenten, gegen die das deutsche Team kaum wird glänzen können.

Rudi Völler, der als Aktiver 15 Spiele bei drei Weltmeisterschaften absolvierte und als Teamchef die deutsche Mannschaft 2002 ins Finale führte, kennt diese Umstellung. Eine deutsche Nationalmannschaft gehe automatisch als Favorit in eine EM-Qualifikation, erst recht nach so einer starken WM, sagt der heutige Sportdirektor von Bayer Leverkusen. Ein Problem? "Nein, das sollte kein Problem sein", sagt Völler (90 Länderspiele, 47 Tore), "der Konkurrenzdruck im Team ist hoch, und jeder weiß, dass er Leistung zeigen muss, um auch beim nächsten Mal wieder eingeladen zu werden. Ob wir allerdings gleich Galaauftritte wie gegen England oder Argentinien sehen werden, bleibt abzuwarten." Zweifel, dass die Nationalmannschaft die Qualifikation positiv gestalten wird, habe er aber nicht, sagt Völler.

Die richtungsweisende Partie gegen Belgien wird einen ersten Eindruck liefern, ob er Recht behält. Einfach wird es nicht, denn inzwischen hat der Alltag die Spieler wieder eingeholt. Lukas Podolski etwa, der unter Löw bei der WM nach einer schwachen Saison zu alte Stärke fand, ist mit dem 1. FC Köln bereits in alte Muster verfallen: zwei Pleiten bei nur einem Tor des Nationalstürmers. Torhüter Manuel Neuer, vom Bundestrainer gerade zur neuen Nummer eins ernannt, hat mit Schalke in zwei Ligaspielen schon mehr Tore (4) kassiert als in seinen sechs WM-Spielen (3). Und Innenverteidiger Arne Friedrich (VfL Wolfsburg) fällt nach einer Bandscheibenoperation aus.

Selbst bei Sami Khedira und Mesut Özil, die nach ihren tollen WM-Auftritten zu Real Madrid wechselten, muss abgewartet werden, ob sie ihre Leistungen bestätigen können. Ihr Eingewöhnungsprozess in Spanien verläuft nicht reibungslos. Beim Auftaktspiel gegen RCD Mallorca waren sie nur Ersatz. Unter der Woche wurden sie nun auch noch von ihrem Trainer Jose Mourinho für mangelhafte Integrationsbereitschaft kritisiert.

So etwas kann am Selbstbewusstsein kratzen. Ob dem so ist, wird das Spiel in Brüssel zeigen. Angeführt von Philipp Lahm, der für den nicht berücksichtigten Michael Ballack die Kapitänsbinde trägt, will sich die deutsche Elf eine gute Ausgangsposition für das zweite Qualifikationsspiel am Dienstag gegen Aserbaidschan schaffen. "Die Erwartungen an uns sind sicherlich groß. Aber ich denke, die Mannschaft ist in der Lage, dem Druck standzuhalten. Es ist eine Mannschaft, die eine gute Zukunft vor sich hat", sagt Lahm.

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