Gesundheitsgefahr
Warum die NFL jetzt vor American Football warnt
Überraschung in Amerika: Die NFL warnt plötzlich Football-Profis und Kinder vor den möglichen Folgen ständiger Kollisionen.
Von Jens Hungermann
Als Alternative zum regulären Halbzeitprogramm des Super Bowls veranstaltet die Lingerie Football League (LFL) seit 2004 den Lingerie-Bowl.
Wäre die Sache nicht so ernst, fast könnte man schmunzeln über diese unfreiwillige Komik in der National Football League (NFL). Die weltbeste Profiliga hat jetzt ein Plakat entwerfen lassen, das aussieht wie von einem Praktikanten auf die Schnelle entworfen, und auf dem sie vor den möglichen Folgen ständiger Kollisionen für den Kopf warnt: "Gib auf dein Gehirn acht!", werden die Kolosse und Hünen mit den Schultern so breit wie Heckspoiler demnächst in ihren Umkleidekabinen aufgefordert, und wer es noch nicht wusste: "Die meisten Gehirnerschütterungen passieren ohne bewusstlos geschlagen zu werden."
Doch immerhin, es tut sich was im Kernland der Vollkontaktsportart. In der Vergangenheit hat sich die NFL ja unverkennbar gegen einen offensiven Umgang mit den unangenehmen Konsequenzen aus beständigen Gehirnerschütterungen gesträubt. Einen kausalen Zusammenhang zwischen diesen alltäglich im Football vorkommenden Kopfverletzungen und degenerativen Hirnerkrankungen wie etwa Demenz und Alzheimer negierte sie, so gut es ging.
Doch der Plakatentwurf, den die "New York Times" auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, ist nun eindeutig ein Hinweis darauf, dass die US-Liga der hochbezahlten Gentlemen inzwischen nicht mehr umhin kommt, ihre Verantwortung – teilweise und zwischen den Zeilen – zuzugeben. Und das ist bemerkenswert für eine Profisportbranche, die acht Milliarden Dollar Einnahmen verbucht dank ihres spektakulären Geschäfts mit den modernen Gladiatoren.
Studien an der University of North Carolina haben gezeigt, dass jeder Footballspieler pro Jahr auf etwa 950 Stöße an den Kopf kommt – und das waren nur Studenten, keine Profis. In nie dagewesener Deutlichkeit verweist die NFL nun auf Erkenntnisse des Center for Disease Control and Prevention. Die Behörde des Gesundheitsministeriums warnt gar vor Veränderungen der Persönlichkeit, Gedächtnisproblemen, Depressionen und früherem Einsetzen von Demenz.
Der Sinneswandel kommt gut an
Unter den starken Profis kommt der Sinneswandel der NFL durchaus an. "Indem sie das in den Umkleiden aufhängen, geben sie wenigstens öffentlich zu: 'Hey, es ist real’", sagte Matt Birk von den Baltimore Ravens der "New York Times".
Oft genug missachten Spieler die Symptome von Gehirnerschütterungen, weil sie um Stammplätze, lukrative Verträge und den Nimbus der vermeintlichen Unverwundbarkeit bangen. Kein Spieler soll mehr wie früher in die Bredouille kommen, nach einem Niederschlag weiterzuspielen und benommen den Nebenmann fragen zu müssen: "Wie steht’s denn?"
Die indirekten Eingeständnisse der NFL könnten aber noch weitreichendere Konsequenzen haben als die seit Dezember vergangenen Jahres eingeführte Verpflichtung der Klubs, unabhängige Neurologen über die Rückkehr havarierter Footballprofis auf das Spielfeld entscheiden zu lassen. Sie könnten auch jenen nachweislich unter Spätfolgen leidenden ehemaligen Profis helfen, die die US-Footballliga mehr als bisher haftbar machen wollen für ihr Leid. Diverse Klagen sind anhängig.
Immer noch nicht eindeutig geklärt ist gleichwohl, was genau die signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für Footballprofis, etwa an Alzheimer zu erkranken, ausmacht. "Wir wissen, dass die Traumata schlecht sind. Was wir nicht wissen, ist: Ist es der Umfang? Die Schwere? Die Häufigkeit? Die Dauer zwischen zwei Zusammenstößen?", sagt Hunt Batjer, Mitglied in einem medizinischen Komitee der National Football League.
Eines gleichwohl ist klar: Mehr als 38 Millionen Mädchen und Jungen lassen sich in den Vereinigten Staaten organisiert trimmen, darunter sehr viele im Nationalsport Football. Die Debatte um die Folgen von Gehirnerschütterungen betrifft die College- und High-School-Ebene also mindestens ebenso sehr wie die berühmte Profiliga. Auf dem Warnplakat der NFL ist ganz unten zu lesen: "Arbeite schlau! Benutz Deinen Kopf, geh nicht voraus mit ihm! Hilf, unser Spiel sicherer zu machen! Andere Sportler schauen Dir zu…"
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