Leichtathletik-EM
Merlene Ottey will auch mit 50 noch nicht aufhören
Sie ist 50 Jahre alt, startet für Slowenien – und hat vom Laufen immer noch nicht genug: Für Merlene Ottey ist das Karrierende kein Thema.
Von Sebastian Arlt
Leichtathletik-EM, Tag 6:
Am letzten Tag der EM sprang sich Christian Reif ins Rampenlicht und gewann das vierte deutsche Gold in Barcelona.
Sie kommt an keinem Mikrofon vorbei. "Oh, ich hätte nicht gedacht, dass hier so viele auf mich warten", gibt sich Merlene Ottey gespielt erstaunt. Und sie genießt die Aufmerksamkeit in der "Mixed Zone" bei der Leichtathletik-EM in Barcelona. Unzählige Journalisten wollen nach ihrem Rennen mit der slowenischen Sprintstaffel (das Quartett schied im Vorlauf aus) ein paar Sätze von ihr erhaschen, Fotografen ein Bild schießen. Die Geschichte ist zu schön: Eine ehemalige Weltklassesprinterin ist mit 50 Jahren immer noch auf der Bahn.
Der Hype um die älteste Teilnehmerin der EM ist nachvollziehbar bei dieser Vita, auf die aber auch ein dunkler Doping-Schatten fiel, als sie 1999 positiv auf Nandrolon getestet wurde. Viele Merkwürdigkeiten verbinden sich mit der damaligen Aufhebung ihrer Suspendierung. Die Affäre war aber für Ottey der Anlass, ihr Heimatland Jamaika zu verlassen. Sie fühlte sich von den Verbands-Funktionären nicht ausreichend unterstützt. "Man wollte mich zu Hause aus dem Sport drängen."
Es ist blanke Ironie, dass sie erst vor einem halben Jahr aufgrund von Dopings einer Konkurrentin nachträglich ihre achte olympische Medaille bekam: Marion Jones wurden alle Medaillen, die sie in Sydney 2000 gewonnen hatte, aberkannt, so rutschte Ottey vom vierten Platz über 100 Meter auf den Bronze-Rang.
Seit 2002 startet sie nun für Slowenien, sie lebt die meiste Zeit in der Hauptstadt Ljubljana. "Nur im Winter bin ich in Kalifornien", erzählt sie. Von Jahr zu Jahr gilt mehr: je oller desto schneller. "Ich will Spaß haben und Rekorde laufen", nennt sie ihre Motivation. Erst vor ein paar Wochen verbesserte sie zum dritten Mal in diesem Jahr den Weltrekord bei den über 50-Jährigen – auf 11,67 Sekunden. "Ich kann noch schneller", sagt sie und reißt dabei ihre Kulleraugen lächelnd auf. 1996 war sie am schnellsten, sie lief 10,74 Sekunden.
Merlene Joyce Ottey, als eines von sieben Geschwistern in Palm Spring (Jamaika) geboren, trat zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau international auf. Am 28. Juli startete sie auf Bahn sechs im Lenin-Stadion im Vorlauf über 200 Meter, gewann zwei Tage später Bronze. "Das war toll in Moskau", erinnert sie sich 30 Jahre danach, "ich hatte überhaupt keinen Druck, war ein Nobody." Von den deutschen Sprinterinnen, die am Samstag mit Slowenien in einem Lauf standen, war damals als einzige die heute 32-jährige Marion Wagner bereits auf der Welt.
Zum wahrscheinlich tausendsten Mal in ihrem Leben sagt Ottey in die Mikrofone: "Meine größte Motivation ist, dass ich immer noch schnell laufen kann." Wann sie aufhören wird? Die Antwort ist nur ein Lachen.
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