WM-Viertelfinale
1, 2, 3, 4:0! Löws Elf überrennt Argentinien
Die Reise zum vierten Stern geht weiter. Die deutsche Nationalelf hat mit einem 4:0 Argentinien besiegt und steht nun verdient im Halbfinale - leider ohne den bislang besten Deutschen.
Von Lars Gartenschläger und Lars Wallrodt
Die Fußball-Welt liegt Deutschland zu Füßen. Nachdem die DFB-Elf im Achtelfinale England an die Wand gespielt hatte, schickte sie nun Diego Maradona, Weltfußballer Lionel Messi und mit ihnen einen weiteren Titelfavoriten auf die Heimreise. Nach dem überzeugenden 4:0 (1:0) gegen Argentinien gibt es keine Zweifel mehr: Jetzt ist alles möglich, diese aufregende Mannschaft kann trotz ihrer Jugend und Unerfahrenheit Weltmeister werden. Auch wenn einer ihrer Besten, Thomas Müller, am Mittwoch im Halbfinale in Durban fehlen wird. Verdient hat sie es.
Dann dürfte auch der Fanblock der Gattinnen komplett sein. Schon in Kapstadt erfuhr die Mannschaft viel weibliche Unterstützung. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel verfolgten 13 Spielerfrauen, so viele wie bislang noch nie bei dieser WM, das Spiel auf der Tribüne. Dazu passend das überdimensionale Plakat der deutschen Fans mit der Forderung "Liebe und Leidenschaft".
Wenn es dieser Mannschaft an etwas nicht fehlt, dann an diesen beiden Eigenschaften. Da konnten die Argentinier singend, tanzend und an die Scheiben klatschend mit dem Bus im Stadion einfahren, den Takt auf dem Platz gab in den Schlüsselphase nur ein Team an: Deutschland. Es war beeindruckend, wie die Männer von Bundestrainer Joachim Löw gegen den hoch gewetteten Gegner umgehend die Kontrolle übernahmen und das bislang schnellste Tor dieser Weltmeisterschaft erzielten.
1:0 in der dritten Minute
Es entstand aus einer Situation, die zuletzt als eine der wenigen Schwächen dieser Mannschaft ausgemacht worden war, einem Standard. Bastian Schweinsteiger flankte in den Strafraum, wo Thomas Müller den Ball mit dem Kopf erwischte. Torwart Sergio Romero reagierte zu spät, es stand bereits in der 3.Minute 1:0.
Thomas Müller Superstar – selten zuvor stieg ein Spieler so rasant vom Nobody zum gefeierten Helden auf. Müller ist der Mann dieses Turniers. Vier Tore, drei Vorlagen – der 20-Jährige, den vor zwölf Monaten kaum jemand kannte, führt nicht nur Torjäger- und Scorerliste dieses Turniers an, er erzielte auch den 200. Treffer der deutschen WM-Geschichte.
Es war zudem ein Tor, das an den Grundfesten Argentiniens rüttelte. Diese waren bei Weitem nicht so stark wie geglaubt. Sicher, die Südamerikaner waren bislang durch das Turnier spaziert und hatten schöne Tore erzielt. Im Gegensatz zu Deutschland waren sie bislang von ihren Gegnern aber nie gefordert worden. Nun lagen sie erstmals im Hintertreffen und kamen damit zunächst ähnlich schlecht klar wie am Vortag die Brasilianer im Spiel gegen die Niederlande. Deutschland dominierte und hätte nach 23 Minuten das 2:0 schießen müssen.
Wieder war es Müller, der den Angriff nach einem argentinischen Fehler initiierte. Der Mann vom FC Bayern drang rechts in den Strafraum ein und passte flach auf Miroslav Klose. Der hielt sich unbewacht acht Meter vor dem Tor auf, nutzte diese Freiheit aber nur zu einem Schuss über die Latte.
Müller im Halbfinale gesperrt
Danach aber glitt ihnen das Spiel wie schon im Achtelfinale gegen England in den Minuten vor der Pause ein wenig aus der Hand. Die Argentinier durften nun zwei-, dreimal Torwart Manuel Neuer prüfen, ein Treffer wurde nicht gegeben (vier Argentinier standen im Abseits). Müller kassierte eine nicht gerechtfertigte Gelbe Karte wegen Handspiels. Ausgerechnet der bislang beste Deutsche ist im Halbfinale gesperrt.
Mit diesem Problem musste sich Löw zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschäftigten, er konnte in seiner Halbzeitansprache von einer verdienten Führung sprechen, die es nun auszubauen galt. Leicht war dies nicht. Messi, Carlos Tevez, Gonzalo Higuain – die gefeierte Offensive der Argentinier nahm nun am Spiel teil und erarbeiten ihrer Mannschaft ein Übergewicht. Die Rollen waren nun klar verteilt: Die Argentinier versuchten sich durch die Abwehrreihe der Deutschen zu tricksen, die wiederum darauf lauerten, mit ihren schnellen Spielern den entscheidenden Konter zu setzen.
Beides führte nicht zur Entscheidung. Vielmehr war es wieder einer dieser fantastischen Spielzüge, die den deutschen WM-Jahrgang 2010 so einzigartig, so exquisit und so gefährlich machen. Angespielt von Sami Khedira leitete Müller den Ball im Fallen in die freie Gasse. Lukas Podolski nahm das Spielgerät auf und bediente den freien Klose, der zum 2:0 einschob (68.).
Der dritte Treffer dieses wunderbaren Nachmittags blieb einem der besten deutschen Spieler vorbehalten. Verteidiger Arne Friedrich traf nach einem für die Argentinier demütigenden Solo des wieder überragenden Bastian Schweinsteiger zum 3:0 (74.). Den Schlussakkord setzte Klose, dessen 4:0 (89.) im 100.Länderspiel seinen 14. WM-Treffer bedeutete. Damit zog er in der ewigen Torjägerliste an Gerd Müller und Just Fontaine vorbei. Bundestrainer Joachim Löw war hochzufrieden: "Was wir in der zweiten Halbzeit gespielt haben, war klasse. Die Mannschaft hat den Willen gezeigt von Champions. Was die Höhe dieses Sieges betrifft, das ist fast unvorstellbar."
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