28.06.10

Fußball-WM

England beweist in der Niederlage Größe

Kein Jammern, keine Larmoyanz war in den englischen Medien nach der Niederlage gegen Deutschland zu lesen. Ein Musterbeispiel für Haltung im Unglück.

Foto: dpa/DPA
WM 2010 - Deutschland - England

Sage mir, wie du mit einer Niederlage umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Die englischen Reaktionen gestern auf das Aus ihrer Nationalmannschaft in Südafrika, und das ausgerechnet zu Händen der alten Nemesis Deutschland, waren ein Schulbuchbeispiel für Haltung im Unglück. Man kann nur staunen, wie immun gegen Larmoyanz diese Gesellschaft ist.

Es hätte einen guten Grund gegeben, den Schmollwinkel aufzusuchen nach dem nicht anerkannten englischen Tor, welches eine ganze TV-Welt zu sehen bekam, nur nicht die drei Unparteiischen vor Ort. Muss dieser Vorfall jetzt nicht den Anfang bilden für einen nicht endenden Hader mit der Fifa und den ungerechten Göttern, eine Art Dolchstoßlegende, dazu geeignet, auf Jahre hinaus die Erinnerung an Bloemfontein zu vergiften? Haben die Deutschen nicht 44 Jahre lang gerechtet mit dem Wembleytor?

Nein, "Im Felde unbesiegt!": Das fällt den Engländern nicht im Traum ein. In der Stunde ihres größten Debakels bei einer Fußballweltmeisterschaft erlauben sie sich keine Entschuldigung; nur der italienische Trainer griff danach in einer ersten Aufwallung. Kunststück: Muss er doch sein eigenes Debakel vertuschen und sucht dafür den geeigneten Sündenbock.

Wir wollen Signor Capello sogar ein Stück entgegenkommen: Ein Unentschieden zur Halbzeit hätte das Selbstvertrauen seiner zur Unsicherheit neigenden Mannschaft durchaus aufbauen können. Aber um das deutsche Team und seinen Angriffszauber zu schlagen, hätte auch das nicht gereicht. Darüber herrscht auf der Insel die größte vorstellbare Eintracht. Das Vereinigte Königreich nüchterner Fairness schaut vielmehr auf den Zustand des englischen Fußballs und unterzieht diesen einer Autopsie von grausamer Präzision.

Säuberlich trennt man den Schiedsrichterskandal von der Leistung der eigenen Mannschaft, wie es – Pars pro Toto – gestern der "Daily Telegraph" in einer Überschrift zum Ausdruck brachte: "Disput um das Tor irrelevant, dies war keine Niederlage, es war eine Demütigung." Jeder Deutsche, der gestern in den englischen Medien zu kommentieren eingeladen wurde, bekam als Erstes ein "Congratulations!" zu hören. Sportsgeist.

Auch David Cameron, in Kanada neben Angela Merkel das Spiel verfolgend, gab mit seiner Bilanz ein sehr englisches Urteil ab: "Wir wurden nicht beraubt, wir wurden geschlagen." Ein 2:1 am Ende hätte andere Reaktionen gezeitigt, und die Engländer, bei all ihrer attestierten Unlarmoyanz, wären vielleicht doch noch im Schmollwinkel gelandet. Das Endergebnis bewahrt sie vor dieser Verführung.

Was ihnen ebenfalls immer wieder hilft, ist ihr Humor – Galgenhumor diesmal. Ein Twitter-Eintrag kommt als Suchanzeige daher: "Vermisst! Kann jemand helfen? Wayne Rooney, aus der Gegend um Cheshire, 24, weiß, männlich. Zuletzt gesehen März 2010." Dem folgt ein anderer mit unübertrefflicher Lakonie: "Es wird jetzt wirklich sehr schwer für England, die Weltmeisterschaft zu gewinnen." Bis in vier Jahren in Brasilien, mindestens. "48 Jahre der Qual, und das Zählen geht weiter", schreibt ein Kommentator, erbarmungslos. Aber wenigstens scheint die Sonne, und Wimbledon badet in Licht.

Der wahre Gewinner von Bloemfontein freilich sind die englisch-deutschen Beziehungen. Kurz vor dem Spiel wallten sie noch einmal auf, die beliebten Klischees, mit denen wir uns so lange zu traktieren beliebten, die Engländer mehr als wir, aber zuletzt auch nur noch mit halber Kraft. Kein Vergleich jedenfalls mit den Ausrastern von "Euro '96", während der damaligen Fußballeuropameisterschaft, als der "Daily Mirror" die englischen Kicker mit Kriegshelmen ausstattete und in Berlin eine imaginierte Kapitulationsaufforderung aushändigen ließ: "Achtung! Surrender!"

Wie lange doch das "Don't mention the war!" seligen "Fawlty Towers" Andenkens durch die Kulturlandschaft der anglo-deutschen Witze geistert. In der Original-TV-Serie mit John Cleese mag uns das noch immer ergötzen, auf beiden Seiten des Kanals. Zur Beschreibung der Beziehungen und ihrer Höhepunkte auf dem Fußballfeld taugt der Witz nicht mehr.

Bloemfontein hat den Spieß umgedreht, worüber ausgerechnet des Boulevards liebstes Kind, die "Sun", lange Zeit über führend im Herumreiten auf den alten Stereotypen über die Deutschen, ihre Leser mit einem genialen Wortspiel aufklärte: "Don't mention the four". Vier zu eins: Damit darf der ganze Plunder verquerer Analogien endlich im Museum des Absurden landen. Ein Befreiungsschlag – das eigentliche Verdienst der deutschen Mannschaft.

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