Korrespondenten berichten
"Ich würde gerne einmal den Schiedsrichter tunken"
Der deutsche Fußball galt weltweit fast schon als elegant. Das sieht jetzt wieder anders aus, wie unsere Korrespondenten berichten.
Cesenatico, Italien: Schlapp-schlapp-schlapp. Das ist das Geräusch des Nachmittags. Die Italiener kommen auf ihren Badelatschen über die Holzdielen gelaufen, schauen kurz, gehen wieder. Nur ein paar bleiben sitzen. Das "Bagno Maré" in Cesenatico, ein typisches Strandbad an der Adria: Sonnenschirme in Reihen, blau-weiß gestreifte Umkleidekabinen. Blauer Himmel. Fast 30 Grad. Der Fernseher hängt unter einem Segeltuch über dem Billardtisch, es ist wenig zu erkennen, auf dem Schirm spiegeln sich weiße Stühle und ein Mann mit nacktem Oberkörper, der in der ersten Reihe den "Corriere Romagna" liest. In der zweiten Halbzeit übernimmt ein nicht anders als fett zu nennendes Kind den Platz. Ein paar von den gelben Karten bekomme ich deshalb nicht richtig mit, bei der roten Karte bemerkt ein Schweizer hinter mir, die Sache gehe in Ordnung. Zu hören sind die Namen "Sweinsteigera", Badstubbera", "Müllera". Das ist putzig. Zuletzt habe ich in Italien 1974 geschaut, als kleiner Junge, und auch da war ständig von "Müllera" die Rede. Und, ich erinnere mich gut, "Bäckenbauärrr."
Beim 0:1: Schweigen. Auch die Italiener sind stumm. Schlapp-schlapp-schlapp. Ein älterer Mann in superknapper roter Badehose kommt, er hält das Kreuzworträtsel in der Hand. Elfmeter Podolski. Nur die paar Deutschen zeigen eine Regung. Wir schreien. Die Stuhlreihen füllen sich jetzt. Es wird Weißwein getrunken. Hinter mir fönt ein Italiener seine Haare (wirklich wahr). Der Deutschen Kräfte lassen zunehmend nach. "Wer spielt?" fragt eine Italienerin in der 92. Minute. "Germania – Serbia", sagt einer. Abpfiff. "Fini", sagt der Weißweintrinker und steht auf. Ein Strandnachmittag geht weiter. Schlapp-schlapp-schlapp. Jetzt schnell ins Wasser. Würde gerne einmal den Schiedsrichter tunken. Holger Kreitling
London: In der 38. Minute ist es plötzlich still. Serbien ist mit 1:0 in Führung gegangen. Damit hatte im "Jolly Gardeners" niemand gerechnet. Denn in diesem Londoner Pub, in dem die Wände schwarz, die Decke rot und die Leisten golden gestrichen sind, schauen sich vor allem Deutsche die WM an. 60.000 leben in London. Rund 600 haben es zur Mittagszeit ins "Jolly Gardeners" geschafft. Beim Spiel gegen Australien waren sogar es 2500. Die meisten standen draußen auf der Straße und kriegten das Ergebnis nur mit, weil die Gäste im Innenraum es an die beschlagenen Scheiben schrieben. Dieses Mal haben alle freie Sicht. Dafür spielt die DFB-Elf schlechter. "Poldi, Poldi", ruft Christoph Bays, ein blonder Softwareverkäufer, als Lukas Podolski in der 60. Minute zum Elfmeter antritt. Aber als die letzten Minuten laufen, klingt er enttäuscht: "Die sind kaputt." Dann pfeift der Schiedsrichter ab. Während die meisten Londoner auf das England-Spiel am Abend warten und sich jetzt wohl ein wenig freuen, legt der Wirt "Viva Colonia" auf. Einige Gäste beschimpfen den Schiedsrichter als Drecksack. Im "Jolly Gardeners" flucht man eben auch Deutsch. Irgendwie ein beruhigender Gedanke. Serge Debrebant
Washington: Schwarz-rot-goldene Fähnchen, deutsche Nationaltrikots in den Größen von Kleinkind bis Bierbauch, gelegentliche Sprechchöre intonierende Erwachsene und Kinder vom Kindergartenalter bis zum Abiturjahrgang: An der German School Washington, gelegen im nordwestlichen Vorort Potomac, herrschte wohl keine echte Stadionatmosphäre, aber doch eine patriotisch-entschlossene Freizeitstimmung. "Ja, die Serben, das sind Treter." – "Aber gegen die müssen wir doch wohl gewinnen!" Die Sonne schien schon frühmorgens zum Anpfiff um 7.30 Uhr lokaler Zeit, die Zuversicht frohlockte – und nicht einmal zwei schrägtönende Vuvuzelas in der mit Hunderten Fans gefüllten Schulaula ließen Zweifel aufkommen. Kaffee war da, Brötchen auch, natürlich kein Bier. Erstens war die Tageszeit nicht danach und zweitens ist, viel strenger als in Deutschland, jedes Schulgelände in den USA drug-free zone. Aber allein das Privileg, in den alles andere als fußballvernarrten USA einmal unter Seinesgleichen zu sein, steigerte das Coming-out zum Fan. Dann der Doppelschlag: Rote Karte, Tor für Serbien. Nach der Halbzeitpause Poldis verpatzter Elfer. Und schließlich der Abpfiff. Au weia! Aber ist ja noch alles drin. Mittwoch, gegen Ghana, da gilt es! Public viewing an der deutschen Schule wird es dann allerdings nicht geben. Denn der Tag der Niederlage gegen Serbien war zugleich der letzte Schultag vor den Sommerferien. So gesehen strömten doch viele Sieger zurück in ihre Klassenräume. Manche Eltern mag man hingegen als doppelt bestraft ansehen. Im Fußball verloren und jetzt zwei Monate lang den Nachwuchs ganztägig auf der Pelle. Ansgar Graw
Berlin: So wahr mir Gott helfe: Sollte ich jemals einen Sohn bekommen, werde ich ihn nach Milan Jovanovic benennen. Spätestens seit Minute 38 des Spiels Deutschland gegen Serbien. Genauso wie garantiert alle anderen im "Café Zar", einem serbischen Lokal in Berlin-Charlottenburg. Toooor! Ein Tor gegen Deutschland! In den nächsten Minuten vergessen wir alles – Trinken, Rauchen, aufs Klo gehen, bloß Fluchen, das geht gerade noch: auf den Schiedsrichter, auf Jogi Löw, auf Schweinsteiger, aber besonders auf Klose und vor allem dessen Mutter: Wie kann man nur so böse foulen? "Gott hilf uns!", betteln wir mit zum Himmel gerichteten Augen und beißen uns auf die verkeilten Finger. Männerküsse landen auf goldenen Umhänge-Kreuzen oder auf der Glatze des Sitznachbarn: "Schieß! Zieh! Los mach!" In der ersten Halbzeit läuft noch der deutsche Sender, ab der zweiten muss umgeschaltet werden auf einen serbischen, der die Namen richtig aussprechen kann. Und dann kommen immer mehr zusammen, alle wollen sich die Serben angucken, die nicht mehr sitzen bleiben können – und endlich vor ungläubiger Freude die Fahnen auf den Straßen schwenken; und die die Deutschen aus der Kneipe gegenüber zu sich holen. Denn Serben trösten fast jeden. Katja Mitic
Warschau: Der deutsche Fußball gilt in Polen als Vorbild und Schreckbild zugleich: Ein unerreichbares Ideal, ein unbesiegbarer Gegner. Doch da gibt es ja noch die Familienbande: Podolski und Klose, die aus Polen, genauer: aus dem Schmelztiegel Oberschlesien stammen. Am Freitag war in Warschau im öffentlichen Raum nicht viel von Fußball zu sehen; mittags sind die meisten Polen eben am Arbeitsplatz. Vielleicht war deshalb im Büro des Verbands der deutschen Minderheit in Oppeln niemand telefonisch zu erreichen. Nur Juliusz Stecki war zu sprechen, ein intimer Kenner des oberschlesischen Sports und alter Freund der Familie Klose. Er war etwas enttäuscht. Doch das ändert nichts an alten Freundschaften. Wie ist das mit Podolski und Klose? Sind das nun Polen oder Deutsche? Stecki weist diese Frage als dämlich zurück: "Sie sind von hier. Das ist die Hauptsache. Wir leiden und freuen uns mit ihnen." Gestern war eher Leid angesagt: Klose fliegt vom Platz und Podolski verschießt den Elfmeter. Gerhard Gnauck
Jerusalem: Selten gab es einen angenehmeren Auftrag der Redaktion: Fußball gucken! Irgendwo halt. Das machen wir am besten auf dem Ölberg in Jerusalem, im "Café Auguste", wo freiwillige Helfer der deutschen Gemeinde und des Vertretungsbüros der Bundesrepublik in Ramallah zu Bier, Grillwürstchen und einem deutschen Sieg eingeladen hatten. Doch die ersten 25 Minuten läuft gar nichts, die Leinwand bleibt weiß: Kabelbruch. "Eine Katastrophe", stöhnt der Vorsitzende der Friedrich-Naumann Stiftung und zieht enttäuscht von dannen, der "Spiegel"-Korrespondent hat so schlechte Laune, dass man sich kaum traut, ihn anzusprechen. Rechtzeitig zur serbischen Führung steht das Bild dann, die Kinder schießen in der brennenden Sonne auf eine Torwand und machen sich dabei jedenfalls nicht schlechter als Podolski und Konsorten. In dem kleinen Café wird langsam die Luft knapp, unsere einjährige Tochter findet die Sache trotzdem super und klatscht begeistert in die Hände, völlig egal, wer gerade stürmt. Ein junger Nachwuchsfan im – ausgerechnet! – Ballack-Trikot hat eine jener unsäglichen Tröten dabei, die mindestens bis nach Südafrika zu hören sein müssen. Die Stimmung sinkt, die Schlange an der Biertheke wächst: Dieses Ergebnis will niemand nüchtern erleben. Dem "Spiegel"-Korrespondenten will man jetzt nicht einmal mehr in die Augen zu schauen. Sein Sohn weiß: "Mama, die Weißen, die verlieren." So ist es. Unsere Kleine applaudiert begeistert. Am Mittwoch, zum nächsten Spiel der Deutschen, komme ich ohne Kinder. Michael Borgstede
Moskau: Im "Probka" (Korken), einer rustikalen Bierkneipe am Kiewer Bahnhof, brennt die Luft, wenn Spiele der russischen "Sbornaja", der Nationalmannschaft, oder Auftritte von ZSKA in der Champions League übertragen werden. Die Sicht ist ausgezeichnet bei vier Großbildschirmen, das Bier fließt bei derlei Gelegenheiten in Strömen. An diesem Freitagnachmittag – Ortszeit 15.30 Uhr – interessiert das niemanden. Die Sportkneipe ist zu drei Viertel leer, ein paar versprengte Gestalten verspeisen ein spätes Mittagsmahl. "Fußball? Deutschland? Serbien? Interessiert mich nicht", brummt ein Mittvierziger, mit dem Rücken zum Bildschirm sitzend. Also flinker Ortswechsel. Das Kellercafé "Diplomat" auf dem Kutusow-Prospekt, das mit Sportübertragungen wirbt, ist gut vorbereitet. Doch auch hier Fehlanzeige, die letzten Gäste gehen noch in der ersten Halbzeit. Der Moskauer hat Besseres zu tun. Er fährt auf seine Datscha. So bleibt denn dem Korrespondenten nichts anderes übrig, als einsam das traurige Ende der Begegnung im fernen Südafrika zu verfolgen. Trost kommt nur vom griechischen Freund Kostas, der vom Vortagssieg seines Teams noch auf Wolken schwebt: "Nimm's nicht so schwer, Rehhagel ist doch auch ein Deutscher." Witzbold. Manfred Quiring
Granada: "Die Deutschen haben wie wir Spanier einen Dämpfer bekommen", resümiert Antonio, einer von knapp 30 Andalusiern, die der Mittagspausen-Partie zur Tapas-Zeit im "Helios", einer vorwiegend von Einheimischen frequentierten Bar im Zentrum Granadas folgten. Über Mala Suerte, das Pech können die Fans der Furia Roja nach dem Schweiz-Schock nun mit den Deutschen ein Duett singen: "Es wird für uns beide noch schwerer als gedacht." Die meistgelesene Sport-Tageszeitung "Marca", die den deutschen Fußball noch vor dem Anpfiff "als besten der bisherigen WM" lobte, schrieb just nach dem Schlusspfiff vom "Manotazo", dem Schlag für Deutschland. Kopfschütteln löste dabei der einzige Iberer am Platz aus. Der für Deutschland schwarzen Partie drückte Schiedsrichter Alberto Undiano ein rot, gelb-goldenes Farbenspiel auf. Die Sympathie der Spanier für die moderner wie variantenreicher spielende deutsche Elf ist teils historisch gewachsen. Über die 60er-Jahre zog es viele als Gastarbeiter in die Städte Deutschlands. Kaum überraschend, dass sich so manch Kellner ein paar Worthülsen gemerkt hat: "Auf dass Podolski ihn nicht vergeigt", als prophezeite der "Helios"-Barkeeper das Versagen vom Elferpunkt aus. "Uff. Er will einfach nicht treffen", sagt er mitleidig, aber gänzlich ohne Schadenfreude. Und: "Noch ist nichts verloren." Jan Marot
Brüssel: Auf der Place Luxembourg vor dem EU-Parlament steht die Polizei, Trillerpfeifen schrillen. Schon vor dem Spiel erste Schlägereien zwischen deutschen und südosteuropäischen Praktikanten, die normalerweise in den Büros der Abgeordneten Demokratie und Friedenserhaltung hautnah lernen? "Sechs Millionen Tote sind zu viel!", hallt es über den Platz. Ach so, es sind Exil-Kongolesen, die wütend gegen die geplante Reise des belgischen Königs Ende Juni nach Kinshasa protestieren. In der Sportkneipe "Fat Boys" an der Place Luxembourg schreit man aus anderem Grund. In Nicht-WM-Zeiten trinken nach 17 Uhr so ungefähr alle Nationen dieser Erde auf die Leistungen Europas und insbesondere seines Parlaments. Am Freitagmittag allerdings ist der Laden fast komplett in deutscher Hand, überall Schwarz-rot-gold, als Klebe-Tatoos, Perücken oder T-Shirts. "Deutschland, Deutschland, schieß ein…" Aber das einzige Tor schießen die Falschen. Nur einer springt in der 38. Minute im "Fat Boys" fast in die Leinwand, Ghazen, er ist 23 und Student. "Ich bin kein Serbe, ich feiere nur meine orthodoxen Brüder! Serbien! Serbien!", ruft er. Die deutsche Stille ringsherum beeindruckt den Fußballfan keine Spur. Vielleicht weil er von den Deutschen in letzter Zeit ohnehin so einiges gewohnt ist. Ghazen ist – Grieche. Stefanie Bolzen
Neapel: Diego Armando ist 18 Jahre alt. Sein Vater hat ihn nach Maradona benannt, als er Anfang der 90er-Jahre beim SSC Neapel spielte. Auf der Piazza del Nilo, auf der sich Diego das Spiel ansieht, ist er klar auf der Seite Deutschlands – genau wie fast alle hier. Erst hielten die Italiener die deutschen Spieler für technisch unversiert, sogar für brutal und unfair. Doch nach dem Sieg gegen Australien sind die Italiener Deutschlandfans geworden. Diego Armando, der selbst in der Jugendauswahl von Neapel spielt, findet besonders Thomas Müller toll. Über Klose sind sie alle empört, dieses Foul, das ihm die Rote Karte brachte, sei eine einzige Dummheit gewesen. Und ein Elfmeter dürfe bei einer WM nirgendwo anders landen als im Tor. Nach der Niederlage ist das Entsetzen groß. Nur Bruno, der Chef der Bar, in der sie alle Fußball gucken, hat gewonnen. Glaubt er, dass Italien Weltmeister werden könnte? "Vediamo", sagt er. "Mal sehen." Als Neapolitaner habe er ja das Glück, für zwei Teams sein zu können, für Italien und Argentinien. Alles wegen Diego Armando Maradona. Martin Zöller
Berlin: Nun mal andersrum: Wenn Deutschland im Fußballfieber ist, schmelzen alle Vorurteile von uns Inselaffen aus Großbritannien dahin. Ich bin unterwegs, um das Spiel zu sehen. Doch dann steht plötzlich die S-Bahn still. Nichts geht mehr. Jeder Taxifahrer, dem ich zuwinke, winkt verächtlich ab, als wolle er sagen: "Weißt du nicht, dass gerade das Spiel läuft?" Irgendwann komme ich doch im Fußballhimmel an, im "11 Freunde"-WM-Quartier in Berlin-Friedrichshain, eine Art postindustrieller Spielplatz, auf dem in London längst ein Bürokomplex gebaut worden wäre. Die Deutschen schwenken ihre Fahnen und grölen, ein Anblick, der englische Medien immer noch zu unnötigen militärischen Anspielungen hinreißt. Aber diese Generation von Fans ist durch die WM 2006 befreit worden. Sie können stolz auf ihre deutsche Mannschaft sein. Es ist kein Wunder, dass Deutschland in diesen Tagen anders erscheint, man muss sich nur die Mannschaft ansehen: Sie ist jung, multikulturell und sie verfügt – trotz ihrer Niederlage gestern – über ein Feingefühl, für das sie weltweit beliebt ist. Sogar bei uns Briten. "Immer weiter", das ist ein Motto, das wir uns gern beim deutschen Team abgucken würden. Und die Deutschen sollten es nach diesem Spiel auch nicht vergessen. Titus Chalk















