WM 2010
Warum Sportereignisse glücklich machen
Wirtschaftsprofessor und Bestsellerautor Bruno S. Frey spricht mit Morgenpost Online über Fußball als Konjunkturmotor, Liebe zum Zufall und Brasilien-Wetten.
Von Matthias Wulff
Morgenpost Online: Professor Frey, macht eine Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich glücklich?
Bruno S. Frey: Vorübergehend ja. Und natürlich nur die Menschen in den Ländern, die gut abschneiden. Wenn Deutschland schon vor dem Viertelfinale ausscheiden sollte, dann wären die Leute allerdings eher betrübt.
Morgenpost Online: Und bei Ihnen in der Schweiz?
Frey: Wir haben nicht so hohe Erwartungen. Allgemein kann man sagen: Je geringer die Erwartungen sind, desto mehr kann man die WM genießen.
Morgenpost Online: In Kolumbien wurde 1994 Andres Escobar erschossen, nachdem er ein Eigentor geschossen hatte. Wenn Brasilien ausscheidet, sieht man im Fernsehen immer herzzerreißende Bilder von weinenden Frauen. Vielleicht machen Weltmeisterschaften am Ende eher unglücklich??
Frey: Egal wie, das Gefühl ist in jedem Fall nur kurzfristig, auch wenn ein Land Weltmeister wird, dann sind die Leute für fünf, sechs Tage wirklich glücklich und dann nimmt das Gefühl sehr rasch und stark ab. Einen Effekt auf die Lebenszufriedenheit, also das langfristige Glücksgefühl, hat die Weltmeisterschaft nicht.
Morgenpost Online: Es gibt ja auch Ökonomen, die glauben eine Korrelation zwischen Spielerfolg und Ausgabeverhalten nachweisen zu können.
Frey: Aber auch nur kurzfristig, aus einem WM-Erfolg speist sich kein Konjunkturaufschwung. Es gibt im raschen Abstand immer wieder neue Ereignisse.
Morgenpost Online: Vielleicht wird der WM-Sieg in der Tat überschätzt. Titelverteidiger Italien macht wirtschaftlich heute nicht den besten Eindruck.
Frey: Man darf halt nicht glauben, dass Sport auf das übrige Leben und insbesondere auf die Politik einen großen Einfluss hat. Natürlich sammeln sich die Politiker gern um die Sportler, wenn die erfolgreich waren. Aber in den nächsten Tagen ist das schon wieder vergessen.
Morgenpost Online: Also wird die Wirkung von Fußball überschätzt?
Frey: Sportereignisse machen die Leute immer wieder glücklich. Wir in der Schweiz jedoch mehr mit Tennis, obwohl Roger Federer gerade bei den French Open ausgeschieden war und ich etwas betrübt war. Es ist nicht so, dass Sport immer nur glücklich macht.
Morgenpost Online: Wem sagen Sie das. Ich habe als Hertha-Fan gerade ein Jahr der Hölle hinter mir. Trotzdem bleibt Fußball faszinierend.
Frey: Es ist ein schöner Sport. Ich schau mir lieber das Spiel im TV an als im Stadion. Vor dem Fernseher hat man den besseren Überblick.
Morgenpost Online: Dabei hat der Sozialwissenschaftler Andrew Guest vor kurzem geschrieben, dass Fußball so faszinierend sei, weil Sportarenen die einzigen Orte sind, wo Männer singen, tanzen und weinen können ohne ihre Männlichkeit zu gefährden.
Frey: Ja, das ist auch gut. Aber so viele weinen nicht.
Morgenpost Online: Das hängt vom Spiel ab. Der Physiker Metin Tolan bietet in seinem neuen Buch "So werden wir Weltmeister" eine andere Erklärung: Wir lieben Fußball, weil er auch mal ungerecht sein kann. Dass schwächere Mannschaften gewinnen, passiert im Handball oder Basketball recht selten, weil dort viele Treffer fallen. Im Fußball ist ein Glücksschuss immer möglich.
Frey: Ja, die Leute lieben den Zufall. Zufälle sind im spielerischen Bereich erwünscht, aber im eigenen Leben hasst man sie. Da gibt es Untersuchungen, dass Leute, die mit vielen Ungewissheiten konfrontiert sind, weniger zufrieden sind mit ihrem Leben. Was man ja auch gut verstehen kann.?
Morgenpost Online: Seltsam ist doch, dass die Globalisierung in der Bevölkerung eher kritisch gesehen wird, aber sie uns im Fußball nicht stört und wir mit den Spielern mitfiebern, egal, aus welchem Land sie kommen.
Frey: Vielleicht ist der Fußball Vorreiter und die Menschen können so die Vorteile der Globalisierung erkennen. Das ist in der Tat ein Fortschritt, dass man sich nicht mehr nur mit lokalen Spielern identifiziert.
Morgenpost Online: Welche Fußballregel würden Sie gern verändern?
Frey: Am besten wäre es, wenn man das Elfmeterschießen abschafft und stattdessen in der Verlängerung im Zeitverlauf mit immer weniger Spielern spielt. So könnten pro Mannschaft in den ersten zehn Minuten neun Spieler auflaufen, wenn dann noch keine Entscheidung gefallen ist sieben Spieler und so weiter, bis runter auf drei Spieler. Das wäre ungemein spannend und sicher besser als Elfmeterschießen. Elfer schießen ist doch ein anderer Sport, es ist ja ein stehender Sport. Bei meinem Vorschlag wäre enorm viel Bewegung drin.
Morgenpost Online: Dann können die Engländer ja nicht mehr im Elfmeterschießen scheitern.
Frey: Das ist ein Argument. Aber im Ernst: Als ich den Vorschlag schon mal gemacht habe, musste ich lernen, dass das konservativste auf Gottes Erden nicht die katholische Kirche ist, sondern es sind die Sportverbände. Da muss immer alles gleich bleiben.
Morgenpost Online: Und das obwohl mit Sepp Blatter doch auch ein Landsmann von Ihnen die Geschäfte der Fifa führt…
Frey: Er sollte uns kein Vorbild sein. Er weiß jedoch hervorragend, wie man Leute manipuliert.
Morgenpost Online: Wenn ich Ihnen tausend Euro gebe, auf wen würden Sie setzen?
Frey: Brasilien.
Morgenpost Online: Die sind nach Spanien auch der Favorit an den Wettbörsen. Die Quoten sind recht kümmerlich.
Frey: Ich bleibe dabei. Es ist eine Mischung aus Hoffnung und Glaube. Ich mag das Spiel der Brasilianer und auch das Land sehr. Außerdem habe ich den Eindruck, dass dem Land ein Titel mal wieder gut tun würde. Ich bin zwar auch deutschfreundlich, aber ich glaube, die Deutschen haben es etwas weniger nötig.
Morgenpost Online: Das glauben Sie.
Frey: Stimmt, Sie haben ja nicht mal mehr einen Bundespräsidenten.
Morgenpost Online: Was halten Sie denn von Ihren volkswirtschaftlichen Kollegen, die vor jedem Turnier ihre Tipps abgeben. Die UBS Bank und die Danske Bank setzen auf Brasilien, JP Morgan sieht England vorn.
Frey: Ich finde diese Arbeit gut gemacht. Ehrlich gesagt wäre es mir aber lieber, wenn sich die Banken darauf konzentrieren würden, mein Geld vernünftig zu verwalten. Darauf sollten sie ihre Tätigkeit konzentrieren und nicht auf den Fußball. Das ärgert mich ein bisschen; sie sollten die Berechnungen lieber in der Freizeit machen.
Morgenpost Online: Zudem besteht die Gefahr, dass die Banker sich blamieren: Beim letzten Turnier in Deutschland ermittelte Goldman Sachs die Wahrscheinlichkeiten und sah Brasilien vor England und Spanien. Der spätere Sieger Italien lag auf Platz neun.
Frey: Da sehen Sie es. Wer Weltmeister wird, dafür gibt es kein mathematisches Modell.
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