WM 2010
Wie Dunga Brasiliens Nationalelf verändert hat
Brasiliens Nationaltrainer Dunga hat konkrete Vorstellungen von seinem WM-Team. Er lässt sich auch von Staatspräsident Lula nicht reinreden.
WM 1930 in Uruguay - Weltmeister Uruguay: Mit einem 4:2-Sieg gegen Argentinien geht Uruguay als erster Weltmeister in die Geschichte ein.
Schluss mit lustig und "Zirkus Seleção": Unter Carlos Dunga ist längst ein anderer Ton im brasilianischen Team eingezogen und der Nationaltrainer hat seine Maxime – Disziplin, harte Arbeit und keine Ablenkungsmanöver – in Südafrika weiter verschärft. Im Land des Rekordweltmeisters befürchten Fans und Experten bereits das Ende des "jogo bonito", des schönes Spiels. Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva hat Dunga kurz vor WM-Beginn den Rücken gestärkt, gleichzeitig aber die Diskussionen um Ronaldinho wieder angeheizt.
Lula verteidigte die Nominierungen Dungas, machte sich aber für den verschmähten früheren Weltfußballer Ronaldinho stark. Der Star vom AC Mailand habe "eine weitere Chance verdient", sagte Lula am Dienstag (Ortszeit) in einem Interview mit Radio Jangadeira. Ronaldinho steht nur auf der Warteliste für Südafrika und kann allenfalls nachnominiert werden, falls sich ein Spieler verletzt. Für die Journalisten ist der Kurs Dungas ein Gräuel. Unter seinem Vorgänger Carlos Alberto Parreira plauderten Ronaldinho, Ronaldo und Co. bei der WM 2006 vor jedem Training bereitwillig in die Mikrofone.
Bei diesem WM-Turnier begrenzt Dunga die Öffentlichkeitsarbeit auf eine Pressekonferenz am Tag – wenn überhaupt. Nachdem die Mannschaft am Dienstag freihatte, hofften etwa 200 Medienvertreter am Mittwoch im Mannschaftsquartier The Fairway Hotel auf den einen oder anderen Star. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, als Mittelfeldspieler Gilberto Silva und Ersatztorhüter Gomes die Bühne betraten.
Doch gerade der so stille Gilberto Silva ist ein Prototyp von Dungas Lieblingsspielern: erfahren, frei von Eitelkeiten, taktisch treu. Dass der 33-jährige Profi von Panathinaikos Athen als einziger neben Superstar Kaká und Kapitän Lucio schon beim Triumph 2002 dabei war und inzwischen mehr Länderspiele hat als die Legende Pelé, ist nicht vielen aufgefallen. Gilberto Silva hält auf dem Platz nicht nur Spielmacher Kaká den Rücken frei, sondern verbal auch seinem Chefcoach: "Dungas Arbeit ist in der Mannschaft unumstritten, seine Erfolge beweisen das", meinte der Routinier. "Jeder kann denken, was er will, aber wir haben Vertrauen in unseren Trainer." Er verglich die Auswahl 2010 mit dem siegreichen Team von 2002: "Diese Mannschaft hat etwas Ähnliches: Wenn ich sage, dass wir Weltmeister werden, müsste ich Lotto spielen. Aber was ich weiß, ist, dass alle unbedingt wieder Weltmeister werden wollen. Hier ist niemand für einen Ausflug hergekommen."
Das Gerüst der Seleção bilden willensstarke Profis wie Gilberto Silva, Lucio, Torwart Julio Cesar und der kluge Kaká. Selbstdarsteller wie Ronaldinho und Adriano, der mit seinem turbulenten Privatleben für eine Schlagzeile nach der anderen sorgt, haben ausgedient. Angreifer Robinho, eine Art Klassenclown, gehört noch zu den wenigen extrovertierten Stars, hat aber inzwischen gelernt: "Ein Tor durch einen Fallrückzieher zählt genauso wie eines durch einen Abstauber", meinte der Wirbelwind und erklärte damit den Sinneswandel beim WM-Favoriten. Und Abwehrspieler Dani Alves sagte: "Es herrscht ein großes Gleichgewicht innerhalb der Mannschaft."
Der 30-jährige Ronaldinho gehörte 2008 noch zur brasilianischen Auswahl, die in Peking Olympia-Bronze gewann. Den Confederations Cup 2009 in Südafrika gewann Brasilien ohne den formschwachen Ronaldinho. Zuletzt hatte der Offensivakteur in Mailand wieder überzeugt, stand aber zu seiner großen Enttäuschung nicht im 23-Mann-Kader für die WM. "Jemand auf seinem Niveau, der so ein Star ist, weiß, dass ihn niemand aus dem Team lassen kann, wenn er so gut spielt wie er kann", meinte Lula.
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