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22.05.10

Fussball

Kevin Boateng – Einmal Gosse, immer Gosse?

Das vermeintliche Gangsta-Dasein ist bei Kevin-Prince Boateng eher eine jugendkulturelle Pose. In den letzten Jahren hat er versucht, von diesem jahrelang gepflegten Image wegzukommen. Doch mit dem Foul an Michael Ballack, das diesen die WM-Teilnahme kostete, hat ihn seine Vergangenheit eingeholt.

Getty Images/Getty

Englisches Pokalfinale im Mai 2010: Kevin-Prince Boateng vom FC Portsmouth trifft den damaligen Chelsea-Profi Michael Ballack am rechten Knöchel.

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Eine Woche ist vergangen seit der Mutter aller Fouls, und die Aufregung hat schon etwas nachgelassen. Die Neuanmeldungen zu Facebook-Gruppen und Internetforen wie "Boateng umhauen!" oder "Am 23.6. treten wir Kevin-Prince Boateng kaputt" werden weniger, die Fußball-Fans diskutieren inzwischen das Champions-League-Finale der Bayern oder die Nationalelftauglichkeit von Sami Khedira, dem wahrscheinlichen Ersatz für den von Boateng aus der WM getretenen Michael Ballack.

Der Bösewicht selbst wird morgen in Paris erwartet, wo sich der WM-Kader Ghanas trifft. Seine Karriere geht weiter, so wie auch die von Aldo Duscher damals weitergegangen ist. Der Argentinier, früher angestellt bei Deportivo La Coruna, hatte im April 2002 David Beckham umgeholzt, der deshalb einen Fußknochenbruch erlitt, wochenlang in speziellen Regenerationszelten zubrachte und, nur mäßig wiederhergestellt, eine schwache WM spielte.

Weil Argentinien für das Turnier 2002 ausgerechnet mit England in eine Gruppe gelost worden war und beide Nationen in Politik (Falklandkrieg) wie Fußball (Hand Gottes) ein angespanntes Verhältnis verbindet, kochte in Britannien der Volkszorn. Facebook gab es damals noch nicht, hysterische Zeitungen umso mehr. Sogar über eine Nazi-Vergangenheit von Duschers österreichischem Großvater wurde spekuliert, um die vermeintlich schrecklichen Abgründe hinter der Tat zu dokumentieren.

Dagegen nimmt sich das vorherrschende Interpretationsmuster über Boatengs Tritt relativ harmlos aus. Es geht dabei ebenfalls um die Herkunft: Der "Prince" ist demnach ein Ghetto-Boy aus dem Berliner Wedding, wo Hartz IV, Drogen und Verwahrlosung zu "Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung" führen, wie DFB-Sportdirektor Matthias Sammer vor einigen Monaten zum ehemaligen deutschen Jugendnationalspieler anmerkte.

Einmal Gosse, immer Gosse: Boateng wird mit derselben Mischung aus Abscheu und Faszination bestaunt, der die nachmittäglichen Trash-Talkshows ihre Quoten verdanken. Er vertritt das Prekariat auf dem Fußballplatz. "Nicht sozialisierbar", nannte ihn der Fernsehreporter Marcel Reif.

Als typisch für die unterentwickelte Integration in die Zivilgesellschaft wird vor allem das Motiv hinter dem Foul an Ballack gesehen: Rache. Ballack hatte Boateng kurz zuvor eine kleine Ohrfeige verpasst und ihm vor vier Jahren einmal böse auf den Fuß getreten, mithin den Respekt vermissen lassen, wie Vater Boateng in einem Interview anführte. Auge um Auge, Zahn um Zahn: So ist das Gesetz des Ghettos. Archaisch und brutal.

Dass Revanchefouls, so unerfreulich sie sein mögen, seit Jahrzehnten zum Alltag des Fußballs gehören, wird seltener erwähnt. Auch nicht, dass die angebliche Ghetto-Kategorie "Respekt" gerade in Deutschland zum Einmaleins der Fußballkultur zählt. "Da muss man sich auch mal Respekt verschaffen", jubeln Reporter oder Experten, wenn Spieler wie Stefan Effenberg, Mark van Bommel oder auch Ballack einen Gegner weggrätschen. Von "Führungsspielern" wird der Mut zum absichtlichen Foul eingefordert, als handele es sich um ein moralisches Gebot.

Auch in der Welt von Kevin-Prince Boateng gilt es als Gebot, sich Respekt zu verschaffen. "Heißes Pflaster", sagte er einmal über den Wedding. "Da lebst du auf der Straße, da setzt sich der Stärkere durch." Boateng selbst erklärte gern alles mit seiner Herkunft: den Jähzorn und die Aggressionen in seinem Spiel, sein Verhalten früher bei Hertha BSC, als er, laut Zeugnis eines Mitspielers, die ganze Mannschaft "terrorisierte". Doch wie seine Kritiker macht er es sich damit zu einfach. Auch im Wedding gibt es viele Menschen, bei denen Respekt nicht bedeutet, den anderen zu verletzen. Und in der Welt des Fußballs gibt es viele Spieler mit problematischeren Biografien als dem Aufwachsen an einem Berliner Bolzplatz und in der Jugendakademie von Hertha BSC.

Das vermeintliche Gangsta-Dasein ist bei Boateng vor allem eine jugendkulturelle Pose. Krasse Musik, krasse Klamotten, krasse Tattoos. Selbst in England, wo es ungleich härtere Gegenden gibt als den Wedding, Croxteth etwa, die Liverpooler Heimat von Wayne Rooney, oder Peckham, das Londoner Viertel von Rio Ferdinand, nannten sie Boateng gleich nach seinem Wechsel zu Tottenham das "Ghetto Kid" – weil er sich nach allen Regeln der Kunst so inszenierte. Erst in den letzten anderthalb Jahren, zunächst für ein halbes Jahr bei Borussia Dortmund, dann beim FC Portsmouth, hat er ernsthaft versucht, von diesem jahrelang gepflegten Image wegzukommen. Die Trainer hatten keine größeren Probleme mehr mit ihm, bei Absteiger Portsmouth wurde er sogar wirklich zu dem Anführer, als der er sich schon immer sah.

Doch selbst wenn er sie bereits ein Stück weit los gewesen sein sollte – mit dem Foul an Ballack hat ihn seine Vergangenheit wieder eingeholt. Zur Lage passt, dass das Amtsgericht Berlin-Tiergarten bekannt gab, am 14. Juni über seine vermeintliche Randaletour mit Ex-Teamkollege Patrick Ebert zu verhandeln. Die beiden sollen vor gut einem Jahr mehrere Autos beschädigt haben – was sie bestreiten. Die Anwesenheit von Kevin-Prince Boateng hat das Gericht dabei nicht angeordnet, er hätte auch nicht gekonnt. Am Tag vor dem Termin bestreitet er mit Ghana das erste Gruppenspiel bei der WM in Südafrika gegen Serbien.

Wenn er zehn Tage später auf Deutschland trifft, auf seinen Halbbruder Jerome und auf ein Mittelfeld ohne Ballack, kann die Lage schon wieder eine ganz andere sein. Vielleicht ist er dann bereits ein WM-Star. Seine Karriere jedenfalls geht weiter, und alle Facebook-Gruppen des Landes werden letztlich akzeptieren müssen, dass Fouls, unabsichtliche, vielleicht absichtliche und absichtliche im Fußball vorkommen. Dass es über die Maßen aggressive Spieler gibt. Und dass dies vielleicht nicht nur damit zu tun hat, ob einer aus dem Ghetto kommt oder nicht.

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