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07.04.10

Golf

Tiger Woods sucht in Augusta sein altes Leben

Beim US-Masters spielt Tiger Woods wieder Golf. Seine Flucht zurück ist eine Flucht nach vorn. Fünf Monate lang hatten seine Fans statt Siegen Sex-Skandale mit spektakulären Enthüllungen von Bardamen und Pornodarstellerinnen zählen müssen. In Augusta versucht er die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen.

REUTERS

Tiger Woods brach endlich sein Schweigen! Mit gesenktem Haupt hielt er eine zwölfminütige Pressekonferenz in Florida.

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Es ist wahrlich kein Geheimnis mehr, dass Tiger Woods, 34, es mit den moralischen Instanzen nicht so hat. Daher droht dem berühmtesten Golfprofi der Welt für den nächsten angekündigten Lapsus wohl allenfalls milde Entrüstung im christlichen Amerika: Tiger Woods geht seine sportliche Wiederauferstehung ausgerechnet zu Ostern an.

Allerdings mit Verspätung: Am Montag gibt Amerikas prominentester Ehebrecher im erzkonservativen US-Südstaat Georgia seine erste Pressekonferenz, bevor er ab Donnerstag dort beim US Masters im Augusta National Golf Club abschlägt. Und weil das Volk den inflationären Gebrauch von Superlativen liebt, verspricht der Nachrichten- und Sportchef des US-Senders CBS, Sean McManus, sich davon "das größte Medienereignis nach der Amtseinführung Obamas in den letzten zehn oder 15 Jahren".

Wie zuvor Bill Clinton oder Woody Allen darf auch Woods von seiner raschen gesellschaftlichen Rehabilitation ausgehen: Weil im Golfsport kein Weg an ihm vorbei führt, setzen alle nun ein weiteres Mal auf den Aufschwung-Faktor Woods. Zwar hatten drei Sponsoren die Verträge beendet, doch hat Nike an ihm festgehalten und baut offensichtlich auf eine erneut erwachsende Sogwirkung. Obwohl das Unternehmen es nicht bestätigt, soll ein neuer Werbespot mit Woods bereits fertig sein.

Golfsmith, die größte US-Ladenkette für Golf-Bedarf, meldet, dass die Nachfrage nach Woods-Produkten nicht eingebrochen ist. "Die Tour will ihn zurück, die Spieler wollen ihn zurück, seine Sponsoren wollen ihn zurück", sagt Golfsmith-Geschäftsführer Marty Hanaka, "und wie jeder mit einem ökonomischen Interesse an ihm, wollen wir ihn zurück." Wie nah Verdammung und Profitgier beieinander liegen, zeigt Electronic Arts Inc. ab Dienstag: Dann kommt in Amerika das neue Videospiel "Tiger Woods PGA Tour" auf den Markt.

Woods’ Flucht zurück ist eine Flucht nach vorn. Fünf Monate lang hatten seine Fans statt Siegen Sex-Skandale zählen müssen mit spektakulären Enthüllungen zahlreicher Bardamen und Pornodarstellerinnen, sodass Woods Popularität außer bei käuflichen Liebesdienerinnen nur noch bei Comedians wuchs: "Tiger Woods wurde von Associated Press zum 'Athleten des Jahrzehnts' gewählt", lästerte der beliebte US-Komiker Jimmy Fallon, "auch Playboy, Penthouse und Hustler wählten ihn zum 'Athleten des Jahrzehnts'."

Allenfalls heimlich gespalten in entsetzte und diskret neidende Landsleute, hatte ganz Amerika erregt über wöchentliche neue Enthüllungen debattiert. Drei Kardinalfehler im Verkehr machten aus dem scheinbar unfehlbaren Sportmilliardär Woods eine mitleiderregende Lachnummer von internationalem Ausmaß: Ende November raste er mit seinem Cadillac Escalade nach einem Streit mit seiner Ehefrau Elin in einen Hydranten vor dem eigenen Heim. Anschließend kam seine Vorliebe für Stellungswechsel heraus, ohne dass Woods einen neuen Beruf gesucht hätte. Und seine Gespielinnen versorgte er offensichtlich ausgiebig mit Fantasien, überliefert als Telefonkurznachrichten, wie sie etwa Porno-Star Joslyn James, 32, veröffentlichte: "Ich wünsche mir einen flotten Dreier mit Dir und einem Mädchen, dem Du vertraust."

Nach einer stationären Therapie gingen Woods’ dramaturgisch exakt inszenierte Entschuldigungsoffensiven in die Hose. Wie Obelix als Kind in einen Zaubertrank gefallen ist, so schien Woods im Fettnäpfchen gefangen zu sein: Während er reuevolle Sätze aufsagte ("Ich habe ein Leben voller Lügen gelebt"), vergaß er mal, sich bei seiner Frau zu entschuldigen oder sie nur zu erwähnen, mal, dass seine Beichte dem parallel stattfindenden Turnier der Kollegen despektierlich die Show stiehlt. Stars wie der Südafrikaner Ernie Els rümpften die Nase über den "egoistischen" Woods.

Nun müht der sich auf dem einzigen Terrain die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen, auf dem er nachgewiesenermaßen Makellosigkeit abzuliefern versteht: dem Golfplatz. "Das wird eines der größten Ereignisse im Golfsport", prophezeit der amerikanische British-Open-Sieger Stewart Cink, "der großartigste Spieler der Golf-Geschichte kommt zurück und jeder beäugt sein Spiel, was er sagt, wohin er geht, wo er diniert – alles."

Obwohl Schwarze noch vor 20 Jahren nicht in Augusta spielen durften, weiß Woods genau, worauf er sich bei seinem Comeback einlässt: Er kehrt in einer Männerwelt auf die große Bühne zurück, in der Frauen noch immer als Klubmitglieder nicht willkommen sind. In so einem Universum festgeschriebener Geschlechterrollen und zotigen Humors darf ein Polygamie-Promi wie Woods eher auf stille Bewunderung als energischen Ekel hoffen. Ohnehin spielt ihm die Etikette des noblen Klubs mehr in die Karten als die der Gesellschaft draußen: Die strengen Regeln des Klubs sorgen dafür, dass Woods in Augusta kontrolliertes Risiko geht. Zuschauer ("Nicht rennen! Keine Mobiltelefone!") werden ebenso gezähmt wie Journalisten, die in Pressekonferenzen ihr Fragerecht von einem Klubmitglied zugewiesen bekommen. Schon Zugangsbeschränkungen helfen Woods, weil seine neuesten Fans kaum auf das Gelände dürfen: die Klatschreporter.

Nachschubsorgen müssen die dennoch kaum befürchten. Seit die Lawine losgebrochen ist, trauen sich Frauen an die Öffentlichkeit, um das Bild vom Menschen Woods hinter der Inszenierung vom Golfer Woods zu vervollständigen. Am Karfreitag sah seine frühere Kindergärtnerin den Zeitpunkt gekommen, ihn als Sünder zu offenbaren. Woods pflegte seine Erfahrungen mit Rassismus in ihrer Ära beginnen zu lassen: "Meine Hautfarbe wurde mir an meinem ersten Kindergarten-Tag schlagartig bewusst. Ältere Kinder banden mich an einen Baum, schrieben ,Nigger' auf meine Stirn und bewarfen mich mit Steinen. Meine Kindergärtnerin hat nicht reagiert."

Nun verlangt diese Maureen Decker, einst im Cerritos Elementary Kindergarten beschäftigt und längst pensioniert, eine öffentliche Entschuldigung. Im Schlepptau einer Anwältin, die auch Frauen vertritt, die Aufklärungsarbeit über Woods’ Intimleben verrichten, behauptet Decker nun: Woods lügt. "Ich bin bisher nie zu ihm durchgekommen", hat sie gesagt, "ich habe Nachrichten bei seiner Stiftung hinterlassen, aber es gab keinen Weg für mich, bis zu ihm vorzudringen."

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