Augusta
Tiger Woods geht vor US-Masters zum Angriff über
Drei Tage vor dem Comeback beim US-Masters hat Tiger Woods seine erste Pressekonferenz seit der Sex-Affäre professionell gemeistert. 35 Minuten lang ließ der Weltranglisten-Erste alle Fragen bis zum Doping und seiner Therapie über sich ergehen, ohne dabei die Fassung zu verlieren.
Von Jörg Winterfeldt
Tiger Woods brach endlich sein Schweigen! Mit gesenktem Haupt hielt er eine zwölfminütige Pressekonferenz in Florida.
Die Inquisition fiel milde aus, obwohl es nicht bar jeder Blasphemie scheint, wenn ein Mensch seine Wiederauferstehung ausgerechnet am Ostermontag angeht. Zumindest seine sportliche, denn am Montag wagte sich Tiger Woods erstmals vor etwa 200 Journalisten in Augusta, um drei Tage vor Beginn des US Masters die nächste Stufe seiner gesellschaftlichen Rehabilitation in Angriff zu nehmen. In der öffentlichen Wahrnehmung binnen vier Monaten vom makellosen Superstar zum krankhaften Sexsüchtigen degradiert, arbeitet Woods (34) nun so emsig und glatt an der nächsten Kehrtwende in seinem Leben, dass manchem Amerikaner schon schwindelig wird vom Tempo: "Da geht es etwas zu rasant zu bei seiner Rehabilitation", schimpft die "Washington Post".
Obwohl Woods, der seit Sonntag in Augusta trainiert, in seiner ersten Pressekonferenz nach den Enthüllungen am Montag in Augusta nach Details seines Klinikaufenthalts gefragt wurde sowie nach der möglichen Anwendung von Dopingmitteln, durfte der Golf-Milliardär eine freundlich gestimmte Atmosphäre registrieren. Nicht nur draußen beim Üben an den Löchern, sondern auch in der Fragehalbestunde: "Viele von Euch in diesem Raum sind meine Freunde", posaunte Woods in alle Welt hinaus, der Konferenz gravierende Einbußen in der journalistischen Objektivität und Seriosität attestierend, "die Aufmunterung, die ich bekam, schwärmte er, "die hat mich umgehauen."
"Der brandneue Tiger" (CNN), der seinen Imagewechsel auch mit neuer Rasur angeht, indem er um den Mund nun die Bartstoppeln sprießen lässt, zeigte sich vor allem zuversichtlich, in allen Belangen auf dem Golfplatz an die alten Erfolge anknüpfen zu können. Während seine Ehefrau Elin, die vorige Woche öffentliche Beachtung bekam, als sie das Tennisturnier in Key Biscayne besuchte, nicht zum Masters kommen wird, hält Woods sich trotz allen Theaters für ausreichend vorbereitet, in Augusta sein fünftes grünes Jackett zu gewinnen: "Ich will siegen", hat er gesagt und gelacht, "nichts hat sich geändert."
Er kontert Vorwürfe, dass er sich vom Arzt Anthony Galea mit Dopingmitteln auf erfolgreich trimmen lassen hat. Galea, der für den Besitz von Dopingmitteln in Haft genommen worden war und auch andere prominente Sportler behandelt hat, hatte zugegeben, mindestens vier Mal bei Woods zu Behandlungen gewesen zu sein. "Er hat mir niemals irgendwelche Wachstumshormone oder leistungssteigernde Drogen gegeben", sagte Woods, "ich habe nie in meinem Leben irgendwelche illegalen Drogen genommen."
Sein Problem liegt allerdings darin, dass er nach dem Autounfall Ende November und den folgenden Enthüllungen über seine spektakulären Serien-Ehebrüche wenig konservieren konnte von seiner Glaubwürdigkeit. "Ich habe viele Leute angelogen und betrogen und viele im Dunklen gelassen", sagt er selbst, "das war ziemlich brutal." Obwohl er zu den Einzelheiten, die ein gutes Dutzend Frauen inzwischen in Pressekonferenzen oder Interviews über Intimitäten mit Woods verbreitet haben, nicht unmittelbar Stellung genommen hat, räumte Woods indirekt ein, dass veröffentlichte Sms wohl authentisch sind. "Die Tatsache, dass ich Golf-Turniere gewonnen habe", sagte er, "ist nicht relevant verglichen mit den Schmerzen und Schäden, die ich verursacht habe."
Vor Beginn der Pressekonferenz wischte Woods sich in seinem pastellfarben-gestreiften Hemd mit den Unterarmen den Schweiß von der Stirn. Dann übernahm er die volle Verantwortung für sein abenteuerlich ausschweifendes Sexualleben, ohne allerdings verraten zu wollen, wie genau er 45 Tage lang in einer geschlossenen Einrichtung behandelt worden war ("Das ist Privatsache, danke"), so dass er nicht einmal zum ersten Geburtstag seines Sohnes Charlie Axel daheim war: "Das schmerzt sehr", sagte er, "ich möchte Teil des Lebens meiner Tochter und meines Sohnes sein."
Die freundliche Begrüßung im erzkonservativen Golfklub von Augusta nährt Woods' Hoffnung, alte Verhältnisse auch in kommerzieller Hinsicht zu reanimieren: Nicht zuletzt die Industrie gilt als entscheidender Antrieb für die rasche Rückkehr Woods' aufs Grün. Fernsehquoten rauschten bei Golf-Übertragungen nach seinem Rückzug bis um 55 Prozent herunter.
Der Absatz von Golf-Artikeln kann einen Schub gebrauchen. 2009 sank er um 11,6 Prozent auf insgesamt 2,4 Milliarden Dollar. Nun bläst auch Woods' Ausrüster Nike zur Kehrtwende: Ein neuer Werbespot mit Woods soll der Konzern, der bekannt dafür ist, in seiner Werbung nicht allzu zimperlich vorzugehen ('Fußball-Werbeslogan mit dem britischen Fußballstar Wayne Rooney: "Bereit zum Gefecht"), in der Mache haben. An diesem Dienstag bringt Electronic Arts Inc. eine neue Version seines nach Woods benannten Videospiels auf den Markt.
Aber drei Geldgeber hatten sich nach der geballten Negativ-PR des Promiskuitäts-Promis Woods tugendhaft von ihm abgewandt. 40 Millionen Dollar an Sponsoreneinnahmen sollen ihm durch die Skandale durch die Lappen gegangen. "Ich verstehe völlig, warum Sponsoren sich getrennt haben", sagte Woods, "hoffentlich kann ich wieder beweisen, dass ich die Investitionen wert bin und helfen, dass Unternehmen durch mich wachsen."
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