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Comeback beim Masters

Mit Tiger Woods steht und fällt der Golfsport

Die Nummer eins der Golfwelt wird beim US-Masters in Augusta spielen und für das größte Medienaufkommen seit der Wahl von Präsident Barack Obama sorgen. Für den Sport ist es ein Segen, dass der 34-Jährige zurückkehrt, auch wenn die Organisatoren nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen.

Tiger Woods
Foto: REUTERS

Selten fallen eine gute und eine schlechte Nachricht derart zusammen wie dieser Tage im Golfsport. Die gute: Tiger Woods gibt sein Comeback.

Die schlechte: Tiger Woods gibt sein Comeback.

Die Organisatoren in Augusta, wo vom 8. bis 11. April das US Masters stattfindet, überlegen jedenfalls hektisch, ob sie lachen oder weinen sollen, die helle Begeisterung trifft da auf die nackte Panik – denn verzweifelt fragen sie sich, wie sie ohne zusätzliche Sicherheitskräfte, Hundestaffeln und Hubschrauberüberwachung das Chaos bei der Rückkehr des besten Golfers der Welt in den Griff kriegen sollen, vor allem die mindestens 500 Journalisten und zahllosen weiblichen Fans, darunter womöglich auch noch jene vierzehn Affären, die den Tiger zu vier bis fünf Monaten Zwangspause zwangen.

Der Gott der Golfer plant die Rückkehr auf seinen Thron, schneller als gedacht, aber anders ist es nicht mehr gegangen, denn er braucht dieses Comeback, um abzulenken von den Nebenwirkungen und Spätschäden seines männlichen Drangs unter der Gürtellinie.

Beispielsweise wurde Tiger Woods bei der Oscar-Verleihung kürzlich nur deshalb nicht zum Opfer fragwürdiger Witze, weil die Zensur diese durch ihr geistesgegenwärtiges Eingreifen verhinderte – und spätestens als der berüchtigte US-Talkmaster Howard Stern unlängst zwölf ehemalige Sexgespielinnen des Golfers zu einem Schönheitswettbewerb empfing und auch noch Elin Woods, die gehörnte Gattin, in die Jury einbauen wollte, wusste der Tiger: Jetzt muss dringend der Paukenschlag her. Also spielt er wieder Golf.

„Ich habe fast zwei Monate Therapie hinter mir“, sagt er und kehrt aufs Grün zurück, aus der Wüste in Arizona, wo er sein Suchtleiden stationär hat behandeln lassen – das klingt fast nach lebensrettender Maßnahme, jedenfalls schicken alle Freunde des Golfsports ob der frohen Botschaft ein Stoßgebet des Dankes gen Himmel. Zu herb war der Verlust des Zugpferds, erste Anzeichen der Götterdämmerung haben sich schon breit gemacht, und Woods ahnt: „In Augusta dabei zu sein, ist ein Muss.“

Wiedergutmachung, um es genauer zu sagen – mit seinem Comeback stoppt er den Schaden, den er angerichtet hat.

Es ist auch ein Comeback des Golfens. Über diesen Sport als solchen ist monatelang kaum noch geredet worden. Vor lauter Bäumen, auf die die Weibsbilder vor dem Woods (oder umgekehrt) flüchten mussten, hat keiner mehr den Golfplatz gesehen, alle Welt sprach nur noch vom Woodsschen Skandal, seinen herzzereißenden Entschuldigungen und seinem Rosenkrieg mit Elin – und alles in allem war dieser Sport so zweifelhaft in den Schlagzeilen wie vor Jahren, als der Hollywoodstar und Hobbygolfer Michael Douglas („Der Rosenkrieg“) einmal aus Versehen einen Caddie mit dem Ball so tief traf, dass man dem Pechvogel eine zerschmetterte Hode entfernen musste.

Ohne Woods? Tote Hose.

Während seiner Zwangspause sanken die Einschaltquoten des Fernsehens zuletzt um 40 Prozent. Mit dem Königstiger steht und fällt dieser Sport, seit seinem Debüt anno 1996 haben sich die Preisgelder ungefähr verdoppelt und das Image mindestens verdreifacht, denn vor ihm galt das Golfen in Lästerzirkeln eher als Sport für fußlahme alte Herren, die einen Caddie benötigen, der sie in ein Wägelchen setzt, in den Gurt schnallt und zum nächsten Grün kutschiert. Oder sagen wir es mit Norbert Blüm, der in einer Talkshow groß auftrumpfte: „Warum soll ich Golf spielen, ich bin sexuell noch aktiv.“ Tiger Woods hat gezeigt, dass beides geht.

Und dabei fahrlässig übertrieben. Einen grässlichen Bärendienst hat er seinem Sport und sich erwiesen. Während er sich im Fernsehen entschuldigte, ruhten an der paralysierten Wall Street die Aktiengeschäfte, das Handelsvolumen tendierte gegen null, Wirtschaftsforscher rechneten aus, dass er durch diese Eskapaden auf Kosten seiner Geldgeber an die zehn Milliarden Dollar an Börsenwerten vernichtete – und am Ende hat der teuerste Sportler der Welt, der vier Fünftel seiner 100-Millionen-Jahreseinnahme aus der Werbung kassiert, die Rache seiner Sponsoren bitter zu spüren bekommen. Man wünsche ihm, teilten alte Vertragspartner wie die Telefongesellschaft AT&T im Rahmen der Trennung mit, „alles Gute“.

Damit sich Woods auch in Zukunft noch drei warme Mahlzeiten am Tag leisten kann, baut er notgedrungen jetzt vor – und spielt halt wieder Golf.

Er ist die Kühlerfigur seines Sports, wie die Emily auf dem Rolls Royce. Er bringt als Star die Farbe ins Spiel, er fasziniert die Massen, sorgt für die Quoten und ist, was Michael Jordan im Basketball war oder Michael Schumacher in der Formel 1 wieder sein soll. Dem Geschäft mit den schnellen Autos haben ein paar Schlagzeilen nicht sonderlich gut getan, beispielsweise die über das eigenartige Sexualleben des Motorsportweltchefs Max Mosley – und der König aus Kerpen muss die kriselnde Königsklasse jetzt retten, so wie Tiger Woods das Golfen ab sofort wieder retten will, indem er zeigt, dass entscheidend letztlich doch das Einlochen auf dem Platz ist. Zumal es ihn natürlich wurmte mitansehen zu müssen, dass in seiner Abwesenheit Spieler der Reihe weit hinter ihm, wie der Südafrikaner Ernie Els etwa, die über Jahre ein zauberhaftes Tiger-Trauma entwickelten, wieder Turniere gewinnen. Seine Turniere.

Und so hat er seit Februar daheim in Florida heimlich trainiert, der Schniedelwutz („Bild“), unter strenger Aufsicht der eigenen Frau und der Kinder, und sein Spezialtrainer Hank Haney sorgt dafür, dass er schon morgens in aller Herrgottsfrüh aufsteht und eimerweise die Golfbälle in die Prärie pfeffert, um topfit zu bleiben. Nachbarn munkeln, der Tiger sei schon wieder so gut, dass einer seiner Bälle einen Distelfinken im Flug traf und das Tier tot vom Himmel fiel.

So hört man die tollsten Geschichten – und es werden schon demnächst noch ganz andere folgen, denn Tiger Woods hat als Medienberater Art Fleischer engagiert. Der war einst Pressesprecher unter George W. Bush, und sein Job hat sich nicht groß geändert: Früher hat er der Welt erklärt, warum Amerika am Golf in den Krieg zieht – und ab sofort erklärt er, warum Tiger Woods im Golf wieder an die Front geht.



Erschienen am 17.03.2010

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