VfB-Präsident Staudt
"Der deutsche Fußball ist im Kommen"
Sonntag, 21. März 2010 16:41 - Von Sven FlohrDer VfB Stuttgart ist krasser Außenseiter beim FC Barcelona. Aber genau das könnte die Chance der Schwaben sein. Vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League spricht Klub-Präsident Erwin Staudt im Interview mit Morgenpost Online über die Chancen gegen den Titelverteidiger und eine Verlängerung mit Christian Gross.

Heute hat der VfB Stuttgart nicht viel zu verlieren, denn er tritt im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales bei Titelverteidiger FC Barcelona an (20.45 Uhr, Sat1 und Sky). Trotz einer exzellenten Vorstellung der Stuttgarter endete das Hinspiel vor zwei Wochen nur 1:1. Will die Mannschaft weiter kommen, muss sie diese Leistung noch einmal steigern, weiß Klubpräsident Erwin Staudt.
Morgenpost Online: Herr Staudt, trauern Sie noch dem Hinspiel nach?
Erwin Staudt: Nicht wirklich. Das war ein großartiger Fußballabend, und es wäre wirklich schön und durchaus verdient gewesen, wenn wir das Spiel gewonnen hätten. Mein Eindruck war aber auch der, dass Barcelona immer noch einen Zahn zulegen kann. Und dann haben sie eben einen, der wann immer er den Ball bekommt ein wahnsinniges Durcheinander in jeder Abwehr veranstaltet.
Morgenpost Online: Sie mögen Lionel Messi?
Staudt: Welcher Fußballfan tut das nicht? Messi kann ein Spiel zu jeder Zeit allein entscheiden. Von diesem Typus Spieler gibt es nicht viele, Arjen Robben ist auch ein besonderer Spieler. Freiburg hat am Wochenende genau so lange gegen die Bayern mitgehalten, bis Robben Ernst gemacht hat. Dann schien es nur noch eine Frage von Minuten zu sein, bis das Spiel zugunsten der Münchner kippte.
Morgenpost Online: Wie groß sind die Chancen des VfB aufs Weiterkommen?
Staudt: Die Chancen stehen 70 zu 30 für Barcelona. Aber diese 30 Prozent sind ausbaufähig. Wir brauchen einen Superabend, müssen gut organisiert sein und an uns glauben. Der Gegner muss merken, dass die Mannschaft nicht zum Trikottausch nach Spanien gereist ist.
Morgenpost Online: Wäre es auch okay, achtbar auszuscheiden? Die Bayern haben in Barcelona vor einem Jahr vier Tore vor der Pause bekommen.
Staudt: Ich habe das Spiel im TV gesehen. Das war grausam, besonders der Kommentar von Marcel Reif. Er sprach von einem Desaster und analysierte Zerfallserscheinungen. Ich bin guter Dinge, dass es so nicht kommt.
Morgenpost Online: Wann reist denn eine deutsche Mannschaft wieder einmal auf Augenhöhe oder als Favorit zum FC Barcelona?
Staudt: Das ist im Moment nicht abzusehen, dazu sind die ökonomischen Verhältnisse noch zu sehr in Richtung spanische Spitzenvereine verschoben. Dennoch ist die Tendenz klar: Der deutsche Fußball ist im Kommen. Wir haben viele talentierte junge Spieler, die Nationalmannschaft ist in der Spur, und die Vereine haben sich international verbessert. Die Bayern haben jetzt schon wieder das Potenzial, in der Champions League ganz oben mitzuhalten. Und es ist auffällig, dass die Bundesliga nicht nur Stars produziert, sondern sie auch wieder anzieht.
Morgenpost Online: Sie sprechen von Robben, Franck Ribery, Ruud van Nistelrooy…
Staudt: Oder auch Alexander Hleb. Diese Kaliber sind gut für den deutschen Fußball. Solche Spieler machen uns auch für die Vermarktung der Auslandsfernsehrechte interessant. Wir haben da eine gute Entwicklung, sind aber noch lange nicht da, wo England oder Spanien stehen.
Morgenpost Online: Auch der VfB hat sich einen Star vom FC Barcelona ausgeliehen. Hleb hatte aber große Anlaufschwierigkeiten.
Staudt: Alex war anfangs nicht der, den wir erwartet hatten. In der Rückrunde aber kommt er immer besser auf Touren und gibt dem Spiel Impulse. Jetzt ist Alex wertvoll für uns.
Morgenpost Online: Allerdings nur bis Saisonende. Trotz Formanstieg wurde Hleb wiederholt ausgewechselt, beklagte sich darüber und kündigte an, Stuttgart zu verlassen.
Staudt: Das war schade und unnötig. Alex muss lernen, mit solchen Situationen cool umzugehen. Es war dennoch gut, dass wir ihn noch einmal bei uns hatten. Und in Barcelona, davon bin ich überzeugt, will er zeigen, was er drauf hat, dass er ein Spiel bestimmen und es mit seinen Geistesblitzen maßgeblichen beeinflussen kann.
Morgenpost Online: Sie sind seit 2003 Klubchef. Der VfB wurde in dieser Zeit Meister, nahm je dreimal an Champions League und Uefa-Cup/Europa League teil. Dennoch ist Christian Gross schon der sechste Trainer unter Ihrer Führung.
Staudt: Ich fühle mich in Anbetracht dieser nackten Zahlen nicht wohl. Aber ich kann jede einzelne Trennung erklären. In den meisten Fällen hatte nicht der Vorstand ein Problem mit dem Trainer, sondern der Trainer eines mit der Mannschaft. Weil er nicht konsequent genug war oder nicht die richtige Ansprache gefunden hat. Und in zwei Fällen, bei Markus Babbel und Armin Veh, waren die Trainer zum Zeitpunkt der Trennung schlicht ausgebrannt. Sie haben alles gegeben, was sie drauf hatten, aber es hat nicht mehr gewirkt. Wir haben sie weniger entlassen als vielmehr von ihren Aufgaben entlastet. Wir haben noch heute mit beiden ein sehr gutes Verhältnis, aber eine Weiterbeschäftigung hätte in beiden Fällen zu nichts geführt.
Morgenpost Online: Jetzt heißt der Trainer Christian Gross. Er ist im Dezember gekommen und arbeitet sehr erfolgreich.
Staudt: Wir kommen sehr gut miteinander aus. Gross ist ein Typ, mit dem man sehr sachlich diskutieren kann und der auch kritische Fragen stellt, ein akribischer Mensch, der sehr viel Disziplin verlangt und diese auch vorlebt. Er bringt Nähe und Distanz in die richtige Balance, das bewundere ich sehr. Ich habe ein sehr gutes Gefühl, die Chemie stimmt.
Morgenpost Online: Können Sie mit ihm auch lachen. Er schaut immer so ernst.
Staudt: Klar. Aber einen Witz hat er mir noch nicht erzählt – ich ihm aber auch keinen, muss ich fairer Weise anfügen.
Morgenpost Online: Vielleicht lächelt er ja, wenn Sie seinen bis 2011 laufenden Vertrag verlängern.
Staudt: Ich könnte mir sehr gut vorstellen, seinen Vertrag zu verlängern. Gross ist ein sehr guter Mann und ein Typ, der nicht so schnell ausglüht. Er ist der Trainer, mit dem ich gern bis zum Ende meiner Zeit beim VfB Stuttgart zusammen arbeiten würde.
Morgenpost Online: Ihre jetzige Amtszeit endet ebenfalls 2011. Wollen Sie noch vier Jahre dran hängen?
Staudt: Im Moment eher ja als nein.
Erschienen am 17.03.2010


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