Franz Beckenbauer
"Magath ist derzeit der beste deutsche Trainer"
Freitag, 9. April 2010 13:32 - Von S. Frommann und L. GartenschlägerFranz Beckenbauer, der Ehrenvorsitzende der FC Bayern, kann zufrieden sein. In der Liga Tabellenführer und in der Königsklasse im Viertelfinale. Im Interview auf Morgenpost Online spricht der 64-Jährige über die Champions League, seine Bewunderung für Felix Magath und die Bemühungen, Franck Ribery zu halten.
Morgenpost Online: Der FC Bayern hat das Viertelfinale der Champions League erreicht. Was trauen Sie der Mannschaft in dieser Saison in der Königsklasse zu?
Franz Beckenbauer: Wenn Arjen Robben und Franck Ribery in Bestform sind und der Rest auch gut spielt, traue ich ihr einiges zu. Dass es in dieser Saison aber schon zum Gewinn der Champions League reicht, das glaube ich nicht.
Morgenpost Online: Wer ist denn derzeit besser?
Beckenbauer: Gute Frage. Manchester ist ohne Ronaldo nicht mehr das, was es mal war. Barcelona versprüht auch nicht wirklich Glanz. Ich sehe lediglich Chelsea weit vorn. Wenn man die nicht zugelost bekommt, ist das Finale drin. Manchmal ist es auch nur die Tagesform, die entscheidet. Vielleicht haben wir ja das Glück, das man braucht.
Morgenpost Online: Weil Real schon raus ist?
Beckenbauer: Nein, Real hatte ich eh nicht als Favorit auf dem Zettel. Die sind zwar vom Spektakel her groß, aber hinten viel zu anfällig.
Morgenpost Online: Als der FC Bayern kürzlich nach mehr als anderthalb Jahren wieder den Sprung an die Bundesligaspitze geschafft hat, sagten an der Säbener Straße einige, erst jetzt seien die Scherben aufgekehrt, die Jürgen Klinsmann hinterlassen habe.
Beckenbauer: Damit tut man dem Jürgen großes Unrecht. Wir waren damals alle von seiner Verpflichtung überzeugt und haben uns gesagt, wenn er es sich traut, hat er eine Chance verdient. Er hatte ja vorher noch nie einen Verein trainiert, sondern nur das deutsche Nationalteam. Und in Bezug darauf ist es ein Unterschied, ob du alle sechs bis acht Wochen mal drei, vier Tage auf dem Platz stehst oder jeden Tag. Jürgen Klinsmann und wir wollten dieses Engagement. Selbst wenn es zu einem vorzeitigen Ende gekommen ist, muss man im Nachhinein sagen, dass er sehr viel Positives für den FC Bayern getan hat.
Morgenpost Online: Würden Sie verraten was?
Beckenbauer: Das Denken im ganzen Verein ist durch ihn noch professioneller geworden. Mit dem Umbau des Trainingszentrums, an dessen Gestaltung er großen Anteil hatte, ist eine optimale Trainingsanlage, aber auch eine sehr schöne Oase entstanden. Das Arbeiten macht den Spielern in München seither viel mehr Spaß. Der FC Bayern hat Jürgen Klinsmann viele gute Ideen zu verdanken. Was unter ihm nicht gestimmt hat, waren die Ergebnisse. Das war im Übrigen bei Louis van Gaal anfangs auch nicht der Fall. Allerdings hat er die Kurve dann rechtzeitig bekommen, durch das Spiel gegen Juventus Turin. Das war sein Turning-Point, den Jürgen Klinsmann nicht hatte.
Morgenpost Online: Trauen Sie dem FC Bayern eine Ära unter Louis van Gaal zu?
Beckenbauer: Ja. Wenn man sieht, wie ihm die Spieler mittlerweile folgen, dann kann man schon das Gefühl bekommen, dass das mit van Gaal für eine lange Zeit gut funktionieren kann. Es war ja zu Beginn seiner Amtszeit nicht so leicht für die Mannschaft. Mit van Gaal war ein Trainer gekommen, der schon eher speziell ist. Er ist sehr von sich überzeugt, was er sein Umfeld auch unverhohlen spüren lässt. Das hat aber auch etwas Positives, genauso wie die eine oder andere Marotte. Die Profis mussten sich erst einmal daran gewöhnen, in einheitlicher Kleidung zum Essen zu erscheinen, oder akzeptieren, dass sie im Restaurant nicht wahllos ans Buffet dürfen. Sondern der Reihe nach, Tisch für Tisch.
Morgenpost Online: Bayern München hatte schon viele namhafte Trainer. Wer ist für Sie der bislang größte?
Beckenbauer: Ich denke, jeder Trainer hat es geschafft, nachhaltig in die Geschichte des FC Bayern einzugehen. Alle, die hier waren, haben diesen Klub geprägt und nach vorn gebracht. Insgesamt würde ich sagen, dass Udo Lattek und Ottmar Hitzfeld sicherlich das Beste waren, was dem Klub je passiert ist.
Morgenpost Online: Und wann kommt bei Ihnen Felix Magath?
Beckenbauer: Felix war zu kurz da, hat es aber als Erster geschafft, zweimal in Folge das Double zu gewinnen. Das ist etwas ganz Besonderes.
Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie seine jetzige Arbeit als Meistertrainer?
Beckenbauer: Was Felix leistet, ist phänomenal. Dass er mit Wolfsburg Meister geworden ist, lag aber nicht nur an Wolfsburg, sondern auch an der Konkurrenz, die im vergangen Jahr so schlecht gespielt hat. Denn es ist ja eigentlich normal nicht möglich, dass du als Neunter der Hinrunde am Ende noch den Titel holst. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. Aber gut, trotzdem musst du es erst einmal schaffen – und das ist Felix eben eindrucksvoll gelungen.
Morgenpost Online: Ist Magath derzeit der beste deutsche Trainer?
Beckenbauer: Ich denke, ja. Bei allem Respekt vor Schalke 04. Aber wenn du mit dieser Mannschaft so weit oben stehst, dann leistet der Trainer dort wirklich exzellente Arbeit. Das würde ich im Moment keinem anderen deutschen Trainer zutrauen. Magath ist derzeit der deutsche Fußball-Trainer schlechthin.
Morgenpost Online: Sie sprachen eingangs über van Gaals Startschwierigkeiten. Sind Sie damals nervös geworden, als es wieder nicht so lief?
Beckenbauer: Ein bisschen schon. Ist doch klar, dass wir uns in der Phase, wo es sportlich nicht so gut gelaufen ist, natürlich Gedanken gemacht haben. Aber eines war zwischen uns, den Verantwortlichen, immer klar: Bis zur Winterpause wird nichts passieren. Louis van Gaal, das hatten wir vereinbart, hat eine Chance verdient. ?Die mussten wir ihm geben. Gott sei Dank kam dann die Wende. ?Im Nachhinein muss man ganz klar sagen, dass er recht damit hatte, als er gesagt hat, dass alles seine Zeit braucht und es ein gewisser Prozess ist, den man durchlaufen muss, wenn man etwas Neues ?anfängt.
Morgenpost Online: Wie gefährlich war die damalige Situation für die beiden Entscheidungsträger Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge?
Beckenbauer: Es ist klar, dass nicht nur der Trainer und die Mannschaft kritisiert werden, wenn es nicht läuft. Verantwortliche brauchen sich nicht zu wundern, wenn auch sie in der Krise mit angezählt werden. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sind sich dessen bewusst. Hätte es damals nicht funktioniert, hätte man es mit Sicherheit auch auf sie zurückgeführt. Verständlich. Aber glauben Sie mir, die beiden stehen hier in München so sicher und fest, wie der neue, so hohe Turm in Dubai.
Morgenpost Online: In den kommenden Wochen soll eine Entscheidung im Fall Franck Ribery fallen. Sollte ihn der FC Bayern um jeden Preis halten?
Beckenbauer: Ich bin ja mittlerweile Ehrenpräsident und schaue mir das Ganze etwas gemütlicher von draußen an. Aber in diesem Fall würde ich schon sagen, dass man alles versuchen sollte, Franck Ribery zu halten. Er ist ein absoluter Ausnahmespieler. Gerade in seinem ersten Jahr hat er die Liga derart aufgemischt, dass es eine Wonne war, ihm dabei zuzuschauen. In der zweiten Saison und auch in den vergangenen Monaten war er zwar nicht mehr so überragend, aber man sieht immer wieder, was für ein Klassespieler er ist. Wir sollten uns schon weit aus dem Fenster lehnen, um ihn zu halten.
Morgenpost Online: Durch das Theater um seine vielen Verletzungen hat Ribery allerdings auch Sympathien eingebüßt.
Beckenbauer: Für Außenstehende sah es sicherlich etwas komisch aus. Aber er war nun mal verletzt. Da war nichts gespielt, das war so. Hin und wieder sollten die Leute etwas vorsichtiger sein und nicht zu voreilig kritisieren.
Morgenpost Online: Mit Ruud van Nistelrooy hat nun auch der Hamburger SV seinen Superstar.
Beckenbauer: Dieser Transfer ist ein Ergebnis der Werteentwicklung in Bezug auf die Bundesliga. Spieler schätzen es heutzutage, bei uns spielen zu dürfen. Das haben wir uns in Deutschland hart erarbeitet. Sicherlich gehen die Topleute noch immer lieber nach England oder Spanien, aber unser Ansehen steigt immer mehr. Die Jungs wissen, dass sie in Deutschland auch gut verdienen können und ihr Geld pünktlich bekommen. Zudem ist ihnen nicht entgangen, dass es in Deutschland europaweit die besten Stadien gibt, die am Wochenende fast alle voll sind. Deutschland ist ein attraktiver Standort geworden. Jetzt ist es aber wichtig, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen, um diese Position noch zu untermauern und auszubauen.
Morgenpost Online: Gehört zu einer attraktiven Bundesliga nicht auch ein guter Hauptstadtklub? Hertha BSC steigt wohl ab.
Beckenbauer: Das ist schon dramatisch. Ich hoffe wirklich, dass die Berliner in der Liga bleiben.
Morgenpost Online: Wie ist ein solch tiefer Fall zu erklären? Im vergangenen Jahr hat der Verein noch um den Titel gespielt und wäre fast in der Champions League gelandet.
Beckenbauer: Der Verlust von Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrej Voronin wiegt offenbar schwerer, als viele in Berlin gedacht haben. Diese Abgänge hat man nicht verkraftet. Wenn aber so wichtige Leute gehen, dauert es manchmal nicht lange und du kommst in diesen Strudel, der dich nach unten zieht.
Morgenpost Online: Kann es sein, dass es jeder Verein teuer bezahlen muss, wenn er sich sportlich mit dem FC Bayern anlegt? Wolfsburg, Stuttgart und Hertha taten das und sind in dieser Saison weit aus dem Rennen.
Beckenbauer: Es fällt schon auf, dass vielen Vereinen nach einer gewissen Zeit die Luft ausgeht. Es gibt kaum einen Klub, der so konstant und stabil ist wie der FC Bayern. Aber das haben wir uns auch über Jahre hinweg erarbeitet. Natürlich hat der FC Bayern mal eine Durststrecke. Aber er hat die Gabe, sich wieder zu fangen und zurückzukommen. Dazu sind andere Vereine noch nicht in der Lage. Sie fallen schnell wieder zurück in die Normalität. Schwer zu sagen, was die tiefen Gründe dafür sind. Vielleicht konnte Wolfsburg in dieser Saison nicht mit diesem Gegenwind umgehen, der einem ins Gesicht bläst, wenn man irgendwo als Meister antritt und der Gegner deshalb noch motivierter ist als sonst. Ich denke, viele müssen erst lernen, damit umzugehen, und diesen ganz bestimmten Charakter entwickeln. Diese Vereine haben noch nicht das Selbstverständnis eines FC Bayern.
Morgenpost Online: Hoffenheim ist zurück auf dem Boden der Tatsachen.
Beckenbauer: Schade, denn die Hoffenheimer haben in der Hinserie der vergangenen Saison wirklich brillanten Fußball gespielt und der Bundesliga mit ihren Auftritten sehr gut getan. Ich bin aber sicher, dass sich der Verein auf Dauer in der Bundesliga etabliert.
Morgenpost Online: Hoffenheim hat sich auch verbal mit dem FC Bayern angelegt.
Beckenbauer: Vielleicht ist das, was sie nun durchmachen müssen, auch so etwas wie eine Quittung für den einen oder anderen Spruch, den sie damals gemacht haben – auch gegen uns. Das tat mir ein bisschen leid für Dietmar Hopp. Denn er ist ein Schatz von einem Menschen und sehr bescheiden.
Morgenpost Online: Aktuell sieht es nach einem Titeldreikampf zwischen den Bayern, Schalke und Leverkusen aus. Wer macht das Rennen?
Beckenbauer: Ein Selbstläufer wird das für uns nicht. Der Vorteil für Schalke und Leverkusen ist, dass die Teams nicht international spielen. Dadurch haben sie immer eine Woche Zeit zur Regeneration. Das wiegt viel, das darf man nicht unterschätzen.
Morgenpost Online: Sie sind auch Vize-Präsident des DFB. Nach der geplatzten Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw haben Sie sich dafür ausgesprochen, noch vor der WM Klarheit über Löws Zukunft zu schaffen. Warum?
Beckenbauer: Dieser Schwebezustand sorgt nur für zusätzliche Probleme – und die gibt es bei einer Weltmeisterschaft schon genug. Ein WM-Turnier ist so immens wichtig. Da wäre es fatal, wenn der DFB nicht dafür sorgt, dass diese Personalie geklärt wird. Es liegt doch auf der Hand, was passiert, wenn die Sache unklar bleibt. Bei jeder Gelegenheit, die sich anbietet, wird das Ganze öffentlich diskutiert.
Morgenpost Online: Ist Joachim Löw in Ihren Augen denn der perfekte Bundestrainer?
Beckenbauer: Ja, er macht einen wirklich guten Job. Es ist eine Entwicklung erkennbar. Das tut dem deutschen Fußball insgesamt sehr gut. Löw hat das Glück im Gegensatz zu vielen Vorgängern, dass die Auswahl an Talenten mittlerweile auch in Deutschland groß ist. Es liegt an ihm, eine schlagkräftige Truppe aufzubauen.
Morgenpost Online: Hat Oliver Bierhoff noch eine Zukunft beim DFB?
Beckenbauer: Warum nicht? Aber er hat sich in meinen Augen etwas überhoben. Die Attacke konnte sich der DFB nicht bieten lassen. Der DFB ist immer noch der DFB und kann sich als weltweit größter Sportverband nicht in Abhängigkeit von Einzelnen begeben.
Morgenpost Online: Sollte auch seine Zukunft noch vor der WM geklärt werden?
Beckenbauer: Diese Personalie ist im Hinblick auf das Turnier nicht so wichtig wie die des Bundestrainers. Sie wäre im Zweifelsfall kein Alibi für die Spieler. Im Fall Löw sähe das schon anders aus. In dieser Angelegenheit sollte es kein Fragezeichen geben. Denn dahinter könnte man sich als Spieler schon mal verstecken – für den Fall, dass man den sportlichen Ansprüchen nicht genügt und es bei der WM nicht so gut laufen sollte.
Erschienen am 16.03.2010


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