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Nach 1:2 gegen Nürnberg

Hertha-Chaoten stürmen Platz und jagen Spieler

Bei Hertha BSC brachen nach der Heimpleite gegen den 1. FC Nürnberg alle Dämme. Während Manager Michael Preetz Tränen in den Augen hatte, stürmten rund 100 Anhänger der Berliner den Rasen. "Das ist ärgerlich für Hertha BSC und den ganzen Fußball", sagte Klub-Präsident Werner Gegenbauer.

Plötzlich war da Panik in Dieter Heckings Blick. Gerade noch hatte Nürnbergs Trainer auf den Stufen zu den Katakomben im Berliner Olympiastadion gestanden und seinen eigenen Spielern beim Feiern des 2:1 (0:1)-Auswärtssieges bei Hertha BSC zugeschaut, als er die Gefahr nahen sah. Einige Dutzend Randalierer kamen in seine Richtung gerannt, teils vermummt, teils mit Stangen in den Fäusten. Ihr Frust bracht sich seine Bahn, Böller explodierten in der Ostkurve.

Hecking sprintete also die Treppe hinunter und rief mit erregter Stimme: „Macht die Türen zu!“ Ihm folgten rennend verängstigte Nürnberger Profis und Betreuer – alle Berliner waren längst geknickt in der Kabine verschwunden. Abgesehen hatten es die Chaoten aber nicht auf die Gästespieler, sondern auf die Ersatzbank von Hertha, Werbebanden, Reklametafeln. Sie sollen auch eine Fernsehkamera im Wert von etwa 100.000 Euro beschädigt haben, bis es der Polizei nach einigen Minuten gelang, den Mob zurückzudrängen.

Nicht nur Hecking zeigte sich später entsetzt und zornig. „Es ist sehr, sehr bedenklich, was sich in deutschen Stadien abspielt. Ich möchte nicht erleben, was passiert, wenn es den ersten Toten gibt. Wir müssen aufpassen, dass der Fußball nicht wieder verkommt in alte, schon nicht mehr angedachte Sitten, die sich wieder einzuschleichen scheinen.“, kritisierte der Club-Trainer. Hertha-Präsident Werner Gegenbauer sagte: „Das gehört nicht in ein Fußballstadion“, und kündigte an: „Dagegen werden wir mit allen Mitteln vorgehen. Wir werden alles in Ruhe auswerten.“

Wie es den Gewaltbereiten gelungen war, nach Abpfiff über die Absperrungen in den Innenraum zu gelangen, war zunächst unklar. Verletzt wurde nach ersten Angaben niemand. Noch rund eine Stunde später kreiste über dem Stadion ein Polizeihubschrauber, es soll zu Prügeleien zwischen Randalierern und Beamten gekommen sein. „Die Sicherheitskräfte haben sich richtig verhalten und zunächst deeskalierend gewirkt“, meinte der aschfahle Hertha-Manager Michael Preetz, der unmittelbar nach dem Schlusspfiff geweint hatte ob des Spielresultats und der Konsequenz daraus.

Vier Polizisten wurden leicht verletzt, 30 Randalierer festgenommen.

Die Gewaltszenen bildeten den hässlichen Schlusspunkt unter ein ganz bitteres Spiel für Hertha BSC. Acht Spieltage vor Saisonende erlischt beim Hauptstadtklub bei nun acht Punkten Rückstand auf den zur Relegation berechtigenden 16. Tabellenplatz die letzte Hoffnung auf den Klassenerhalt. Vor 57.761 Zuschauern – Saisonrekord – hatte Theofanis Gekas die Berliner in Führung gebracht (37. Minute) und Albert Bunjaku den Ausgleich erzielt (61.), bis Angelos Charisteas in der Nachspielzeit den Siegtreffer für Nürnberg erzielte.

Der Hauptstadtklub wurde Opfer seiner miserablen Chancenauswertung. So entschlossen und energisch waren die Blau-Weißen diese Saison zwar noch in keinem Heimspiel aufgetreten, allein: Sie brachten den Ball partout nicht im Tor unter. Mehrmals rettete dabei Nürnbergs formidabler Torhüter Raphael Schäfer.

„Das Spiel unserer Mannschaft gab keinen Anlass, so mit dem Olympiastadion umzugehen“, klagte Hertha-Präsident Gegenbauer denn auch, und Trainer Friedhelm Funkel sagte: „Der Mannschaft kann man in Sachen Laufbereitschaft und Einsatz keinen Vorwurf machen. Welchen Vorwurf man aber machen kann: Die klarsten Chancen haben wir nicht genutzt.“

Bei der Interpretation der Randale mahnte Funkel zu Besonnenheit: „Es handelt sich um eine kleine Gruppe Fans. Man darf nicht alle verurteilen.“ Vom Klubchef („Da ist kein Raum für Spekulationen“) erhielt der Trainer Rückendeckung, obwohl seine Mission Klassenerhalt kurz vorm Scheitern steht

Sportlich dürfte es Funkel sehr schwer fallen, seine Mannschaft nach der unnötigen Niederlage gegen den direkten Konkurrenten im Tabellenkeller überhaupt noch einmal aufzurichten. „Es gibt Wunder“, flehte der Alt-Herthaner Pal Dardai, „aber es ist schwierig.“



Erschienen am 13.03.2010

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