Vancouver 2010
Paralympics – Sportler wollen Gleichberechtigung
Freitag beginnen in Vancouver die 10. Winter-Paralympics, ARD und ZDF übertragen so viel wie nie zuvor. Die deutschen Behindertensportler verbinden damit die Hoffnung auf mehr Respekt und Gleichberechtigung. Denn sie erhalten für Gold nur ein knappes Drittel der Prämie der Nicht-Behinderten.
Von Marcel Stein
Sie liegen schon wieder ein paar Tage zurück, aber bei Friedhelm Julius Beucher sind die Ereignisse von München noch sehr präsent. Das Wetter lud nicht gerade dazu ein, auf die Straße zu gehen. Es regnete in Strömen, als die deutsche Delegation von den Olympischen Spielen aus Vancouver zurückkehrte. Trotzdem empfingen in München Tausende die Athleten um die Goldmädels Maria Riesch und Magdalena Neuner. Gleichzeitig verabschiedeten sie aber auch einige Sportler – nach Vancouver zu den Paralympics, die vom 12. bis 21. März in Kanada stattfinden.
Zum ersten Mal hatten Athleten mit Behinderung in Deutschland eine derart große Bühne. "Ein Fortschritt", wie Beucher, Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbandes (DBS), findet. Bislang waren seine Sportler eher abgeschottet, offizielle Berührungspunkte mit den nichtbehinderten Athleten blieben selten. Doch das Bewusstsein scheint sich langsam zu wandeln. Schon die Einkleidung der Vancouver-Teilnehmer erfolgte gemeinsam. "Ich freue mich über etwas, dass es früher nicht gegeben hat", sagt der einstige SPD-Bundestagsabgeordnete. Zufriedenstellend fiel seine Bilanz der Aktion in München deshalb nicht unbedingt aus.
Weil sie, trotz der schönen Ansätze, mal wieder das Dilemma vor Augen führte. Nach wie vor kämpft der DBS mit dem Problem einer geringen öffentlichen Aufmerksamkeit. "In München waren wir zwar dabei, aber in den Medien sind wir nicht vorgekommen", so Beucher. Die kommenden Tage werden für ihn und den Behindertensport deshalb sehr wichtig. ARD und ZDF widmen den paralympischen Winterspielen so viel Sendezeit wie nie. Die Erfolge müssen einmal nicht im Abseits errungen werden. Vielleicht hat das sogar irgendwann Potenzial zu einem Trend. Einer Studie des Marktforschungsinstituts "Sport + Markt" zufolge wünschen sich 58 Prozent der Deutschen mehr Berichterstattung über Behindertensport in den Medien.
"Das Ergebnis ist für mich ein wunderbares Entree, um unsere Sache vorzutragen", sagt Beucher. Sogar 62 Prozent würden sich mehr für Behindertensport interessieren, wenn er mehr Beachtung finden würde, so ein weiteres Resultat. Beucher glaubt, dass die Untersuchung ihn weniger als Bittsteller erscheinen lässt. Dass sie ihm sogar die Möglichkeit gibt, etwas zu fordern: Respekt. "Die Paralympics werden erneut zeigen, dass unsere behinderten Leistungssportler zu den Besten der Welt zählen", sagt er. Das soll auch gewürdigt werden.
Probleme sieht Beucher aber nicht nur bei der Wahrnehmung von außen. Auch von innen, aus dem Sport selbst, fühlt er sich zu weit zurückgesetzt. In Vancouver konnten sich die deutschen Olympiasieger über eine Prämie von 15.000 Euro freuen, ein Behinderter bekommt 4500 Euro für Gold. "Das ist ein Unterschied, den wir als ungerecht empfinden. Das Verhältnis passt nicht, es ist ein falsches Zeichen", sagt Beucher. Seinen Gesprächsbedarf diesbezüglich deutete er bei der Deutschen Sporthilfe bereits an, die seit 2004 Prämien auch an Behindertensportler zahlt.
Das Geld an sich ist dabei sekundär. "Wir fahren nicht wegen der Prämien nach Kanada", sagt Andrea Eskau, Medaillenanwärterin im Skischlitten. "Aber es ist eine Frage der Gleichberechtigung." Eskau ist Mitglied eines nur 20-köpfigen, dafür aber umso ambitionierteren Teams. Die Qualifikationskriterien lagen so hoch, dass viele junge Sportler den Sprung in den Kader nicht schafften. Diejenigen, die dabei sind, sagt Beucher, "stehen enorm unter Druck".
Der DBS-Präsident hofft, dass in Vancouver nicht nur die Behindertensportler der Welt zusammenkommen, sondern auch ihre Verbände. Um gemeinsam die Strukturen zu professionalisieren und so gegenüber den Fachverbänden der Nichtbehinderten besser auftreten zu können. Beucher wünscht sich noch mehr Berührungspunke, so wie es auch die Studie nahelegt. München war ein guter Anfang, wenn auch mit Einschränkungen.
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