Grosseinsatz
21 Durchsuchungen des BKAs im Fall Pechstein
Das Bundeskriminalamt hat im Fall Claudia Pechstein alle Hände voll zu tun. Die Untersuchungen wurden in Berlin, Bayern und Thüringen durchgeführt. Es ging dabei nicht nur um Sportler und DESG-Vertreter, sondern auch um eine Arztpraxis. Derweil hat Pechstein einen Revisionsantrag eingereicht.
Von Marcel Stein
Das Beste kam für Claudia Pechstein ganz zum Schluss. Sie hatte schon einiges hinter sich am Donnerstag. Erst rückte am frühen Morgen das Bundeskriminalamt (BKA) bei der gesperrten Eisschnellläuferin an und durchsuchte ihr Haus nach Hinweisen für Dopingaktivitäten. Dann hatte die 38 Jahre alte Berlinerin den Beamten zu deren Dienststelle zu folgen, um einige Stunden lang in Anwesenheit ihres Anwalts Simon Bergmann verhört zu werden. Als sie gegen 20 Uhr wieder nach Hause durfte, wartete die nächste Überraschung: Pechstein musste sich einem Dopingtest unterziehen.
Während der Behördentag für Pechstein damit beendet war, fahndeten die Ermittler auch am Freitag nach belastendem Material. "Am 4. und 5. März hat das Bundeskriminalamt im Auftrag der Staatanwaltschaft München I insgesamt 21 Durchsuchungen durchgeführt", hieß es in einer Mitteilung des BKA. Vorstellig wurden die Beamten, deren Untersuchungen sich auf Berlin, Bayern und Thüringen erstreckten, nicht nur bei Sportlern und Vertretern der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), sondern auch in einer Arztpraxis.
Bei ihren Recherchen trugen die Mitarbeiter einiges zusammen. "Wir haben den Ermittlern der Staatsanwaltschaft rund 100 Kontaktadressen mitgeteilt", sagte DESG-Präsident Gerd Heinze. Es konnten "umfangreiche Unterlagen sichergestellt und eine Vielzahl von Verfahrensbeteiligten vernommen werden", wie das BKA mitteilte. Die Auswertung der Aussagen und der Asservate dauere allerdings an.
Festgestellt werden soll, ob Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz vorliegen. Eine entsprechende Anzeige gegen Unbekannt war von der DESG und der Nationalen Antidopingagentur (Nada) vor gut drei Monaten gestellt worden, nachdem der Internationale Sportgerichtshof Cas die Sperre gegen Claudia Pechstein bestätigt hatte. Die fünffache Olympiasiegerin war vom Eislauf-Weltverband ISU wegen erhöhter Retikulozytenwerte, den Vorläufern der roten Blutkörperchen, für zwei Jahre bis Februar 2011 suspendiert worden.
Der Vorwurf gegen Pechstein lautet, dass ihre Blutwerte nur durch Manipulation entstanden sein können. Da Doping selbst jedoch nicht strafrechtlich verfolgt werden kann, werden nun Hintermänner gesucht, die die Athletin mit Dopingmitteln versorgt haben könnten. Dies würde unter das Arzneimittelgesetz fallen und wäre strafbar. Es wird davon ausgegangen, dass Pechstein von einem "professionellen ärztlichen Umfeld" unterstützt worden ist.
Pechstein selbst bestreitet jegliches Doping. Daher ging am Donnerstagabend ein Revisionsantrag an das Schweizer Bundesgericht, mit dem eine Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Cas in Lausanne erreicht werden soll. Dem Antrag beigefügt sind neue Untersuchungsergebnisse, in denen der Sportlerin eine Blutanomalie bescheinigt wird.
Gewissermaßen als Teil der Verteidigungsstrategie versteht die Berlinerin auch die BKA-Maßnahmen. "Wenn nicht gedopt wurde, kann es auch keine Hintermänner geben", sagt sie und geht davon aus, dass sie durch die Untersuchungen entlastet wird. Interessant sind die Ermittlungen für sie jedoch auch aus anderem Grund. Als die Beamten ihr Haus durchkämmten, erfuhr sie, dass es auch nach dem 7. Februar 2009 – dem Tag, an dem sie von der ISU aus dem Rennen genommen worden ist – "weitere Dopingkontrollen im Eisschnelllaufen gab, die erhöhte Retikulozyten zum Vorschein brachten – und zwar nicht bei mir", so Pechstein.
Dafür aber offenbar bei zwei weiteren deutschen Athletinnen aus der zweiten Reihe, wie aus Ermittlerkreisen verlautete. Beide Sportlerinnnen, die angeblich nicht über ihre erhöhten Werte informiert waren, seien ebenso von den Hausdurchsuchungen betroffen gewesen, zudem fanden wohl auch Vernehmungen statt. Anschließend soll ihnen mitgeteilt worden sein, dass kein Dopingverdacht bestehe.
Das wiederum sorgt bei Pechstein für Verwirrung. "Ich möchte keinesfalls kritisieren, dass darauf verzichtet wurde, gegen andere Athleten mit erhöhten Retikulozyten ein Verfahren zu eröffnen", sagt sie, "wenn die anderen Blutparameter – so wie bei mir – gegen eine Manipulation sprechen, ist dies die einzig richtige Entscheidung." Warum bei ihr allerdings mit anderem Maß gemessen wird, entziehe sich ihrem Verständnis. Das drückt Pechstein in der ihr inzwischen eigenen, undiplomatischen Art aus: "Ich verlange von den Dopingjägern, endlich einzugestehen, dass ihnen bei mir ein folgenschwerer Fehler unterlaufen ist."
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