WM-Kolumne
Gastgeber Südafrika und die Angst vor dem Spott
Südafrika liegt für die WM-Endrunde in Sachen Infrastruktur im Zeitplan. Die Stadien sind bis auf Kleinigkeiten fertig. Nur sportlich hinkt die "Bafana Bafana" noch hinter den Erwartungen zurück. Gegen Namibia gab es zuletzt ein mageres Unentschieden. Aber Trainer Carlos Alberto Parreira macht den Gastgebern Mut.
Von Paul M. Schumacher
Der Countdown für die WM 2010 am Kap läuft, Dienstag waren es 100 Tage bis zur Eröffnung: Südafrika gegen Mexiko in Johannesburg. Präsident Sepp Blatter vom Fußball-Weltverband Fifa konnte mal wieder Noten vergeben, das macht der alte Herr gern. "Acht aus zehn", lobte er diesmal, "bis auf Kleinigkeiten seid ihr fertig geworden. Darauf könnt ihr Südafrikaner stolz sein." Sogar der Deutsche Fußballbund schaltete am Mittwoch eine ganzseitige Gratulationsanzeige in hiesigen Zeitungen.
Alle Großkopferten des Fußballs trafen sich diesmal in Durban, wo das funkelnagelneue Stadion mit einer Art Henkel, einem spektakulären, riesigen begeh- und befahrbaren Zementbogen, überspannt ist; an einer Stelle wird sogar Bungeespringen angeboten. Das ist selbst für die WM-Hauptspielstätten in Johannesburg, sogar für die mächtig stolzen Kapstädter, mit ihrem neuen Stadion am Fuß des Tafelbergs ernsthafte Konkurrenz.
Die beiden großen Küstenstädte Südafrikas wetteifern ohnehin, auch im Tourismus. Wegen der tropischen Vegetation entlang der indischen Ozeanküste, werden die Einheimischen Durbans, in gutmütigem Spott, als "Banana-Boys" oder "Banana-Girls" bezeichnet. Kapstadt, mit seiner eher rauen Südatlantikküste, aber dem atemberaubend schönen Umland, einschließlich der Weinbauregionen, gilt als "Schlafstadt", alle Dinge geschehen – angeblich – mit halber Geschwindigkeit. Johannesburg, "E-Goli" genannt, da es seine Gründung vor gut 100 Jahren, den Goldfunden verdankt, ist mit weitem Abstand die hektischste Großstadt Südafrikas.
Skeptisch sind alle, ob es Trainer Carlos Alberto Parreira aus Brasilien gelingt, aus der Nationalmannschaft "Bafana" ("Jungs") ein Team zu machen, dass sich nicht bis auf die Knochen blamiert und gleich in der ersten Runde ausscheidet. Neben Mexiko heißen die Gegner der Vorrunde Frankreich und Uruguay. Parreira geht jetzt auf Trainingsreise mit dem Team, zunächst nach Brasilien, anschließend nach Deutschland. Erfolgreich waren die Südafrikaner zuletzt 1996, als sie vor heimischem Publikum den Afrika-Pokal gewannen. Seit geraumer Zeit liegen sie nun in der Rangliste in den Achtzigern. Mittwoch spielten sie gegen Namibia unentschieden (1:1), die liegen bei über 100.
Aber die junge, erst seit 20 Jahren demokratische Republik am Kap, ist im Großen und Ganzen ein notorisch optimistisches Land. Rund die Hälfte der nahezu 50 Millionen Einwohner sind jünger als 30, da stirbt die Hoffnung zuletzt. Wenn ihnen einer erzählt, dass ein Altmeister des Sports, der legendäre Bundestrainer Sepp Herberger, gesagt habe, auf dem Rasen gebe es kein Glück, dann schweigen sie traurig.
Gibt es denn da wirklich gar keine Ausnahmen? Schließlich hätten sie den Heimvorteil und den ohrenbetäubenden Krach der Vuvuzelas in den Stadien – das halte doch kein Nichtafrikaner aus, oder? Erfolgstrainer Parreira bietet aufmunternde Worte: "Meine Jungs könnten noch das Überraschungsteam des ganzen Turniers werden."
Paul Schumacher hat über 20 Jahre als Korrespondent aus Afrika für den "Spiegel" berichtet. Er lebt heute auf seiner Weinfarm bei Kapstadt.
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